Erlanger Theaterpreis 1993/94

Magnus Reitschuster/Oswald Geyer

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Laudationes anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 1994 an Magnus Reitschuster und Oswald Geyer während der 12. Bayerischen Theatertage in Erlangen

Der Förderverein Theater Erlangen unterstützt seit seiner Gründung im Jahr 1975 ideell und finanziell ein eigenes Ensemble in dieser Stadt. Warum tut er das? Das brauche ich hier nicht zu begründen oder zu vertiefen, weil wir in Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Everding, einen weit kompetenteren Gewährsmann haben, der gerade in seinem Grußwort zu diesen Theatertagen den Wert des Ensembletheaters, seine Bedeutung für die Kontinuität und das Selbstverständnis städtischer Kultur nachdrücklich herausgestellt hat.

Seine Wertschätzung eines eigenen Ensembles will der Förderverein, in dessen Namen ich hier spreche, u.a. mit einem Theaterpreis dokumentieren, der dieses Jahr erstmals verliehen wird. Dabei wollen wir nicht mit den großen, eben verliehenen Preisen konkurrieren – unser Preis ist sozusagen ein lokaler Preis, er gilt dem hiesigen Ensemble und bezieht die Produktionen der Theatertage nicht ein, er wird nicht von einer Fachjury, sondern von neun aus den Mitgliedern des Vereins gewählten Juroren und Jurorinnen vergeben, ist also Publikumspreis engagierter Theaterfreunde.

Da er aber dem Theater gilt, das diesmal die Ehre hatte, die Bayerischen Theatertage auszurichten, sehen wir eine gewisse Verbindung, und so danke ich ganz herzlich Herrn Folz und Herrn Schneider als Vertreter der veranstaltenden Raiffeisen-Banken für das freundliche Einverständnis, in dem festlichen Rahmen der vorausgegangenen Veranstaltung bleiben zu dürfen.

Mein Dank gilt ferner zwei prominenten Überraschungsgästen, die sich entgegenkommender Weise bereit erklärt haben, die beiden Preise – denn es sind diesmal zwei geworden – unter Bekanntgabe der Preisträger zu überreichen. Es sind dies der Oberbürgermeister der Stadt, der hier schon in anderer, aber nicht in dieser Funktion aufgetreten ist, Herr Dr. Hahlweg, und der Rektor der hiesigen Universität, seine Magnifizenz Professor Jasper.

Laudatio Magnus Reitschuster

Magnus Reitschuster hat mit seiner historischen Farce „Schattengeburten“ ein Stück geschrieben und auf die Bühne gebracht das die Geschichte unserer Universität kritisch reflektiert und dramatisch in Szene setzt.

Schatten sind alterslos, sie können sich als 104-jähriger Adolf Hitler ebenso düster manifestieren wie das embryonales Opfer akademischer Profilierungssuch. Magnus Reitschuster gebar diese Schatten um des zweihundertfünfzigsten Geburtstags der Friedrich-Alexander-Universität zu gedenken. Dieses Alter erreicht niemand ungestraft. In einem Spiel mit Raum und Zeit werden die Höhepunkte und Abgründe der Universitätsgeschichte durch die Kunstfigur des Erlanger Babys sinnfällig und phantasievoll miteinander verknüpft.

Magnus Reitschuster wählt gerade die schmerzlichen, peinlichen und kontroversen Stationen unserer Geschichte und Gegenwart und vollzieht durch seine künstlerische Imaginationskraft eine halsbrecherische Gratwanderung. Die den Absturz in die Geschmacklosigkeit oder den bloßen Klamauk gekonnt umgeht. Der Blick in den Spiegel, den Reitschuster der Alma Mater mit dieser geistvoll-kritischen Revue vorhält, beschert nur bei vordergründiger Betrachtung unbeschwertes Amüsement. Noch im skurrilen Witz bleibt der Ernst sichtbar, mit dem er Empörendes benennt. Er schürft tief wo im universitären Alltag geglättet und totgeschwiegen wird.

Der Autor, der hinter dieser Farce hervorschaut, zeigt zumindest zwei Seelen in seiner Brust: den Moralisten und den Spieler, den leichtsinnigen Spaß- und den aufkärungssüchtigen Ernstmacher. Der aufklärerische Impetus vermeidet den belehrenden und denunzierenden Zeigefinger, er findet vielmehr seinen Ausdruck in brillanter Satire, makabrem Scherz, geistreichem Witz und Wortspiel – literarische und theatralische Mittel, die die Schärfe der Kritik und Provokation annehmbar und zugleich befreiend erlebbar machen. Um der Wahrheit näherzukommen, wird der Kunst der Übertreibung gehuldigt, die freche Fiktion hilft dem Dokumentarischen auf die Sprünge: Das Theater verwandelt Historie in Gegenwart, Vergangenheit und wird greifbar, begreifbar.

Die „Schattengeburten“ bilden nach dem Penzoldt-Stück den „Bundeskristallnächten“ und der szenischen Auseinandersetzung mit dem Schönhuber-Buch den künstlerischen Höhepunkt in einer Reihe von theatralischen Gestaltungen politischer Themen. Dies ist Politisches Theater im ursprünglichen griechischen Sinn des Wortes auf die Stadt bezogen, die Stadt als Mikrokosmos, in dem sich das Ganze spiegelt, das Allgemeine im Konkreten.

Die Universität hat sich durch die Geburt dieser Schatten auch ein Stück weit von der Last ihrer Schatten befreit. Die Polis-Bewohner können sich an Hand des Vorgeführten selbst begegnen, über sich selbst lachen, vor sich selbst erschrecken. Magnus Reitschuster leistet damit einen wertvollen Beitrag zum Identitätsgefühl unserer Stadt, unserer Universität und zur Schärfung unseres politischen Bewußtseins. Diese Polis namens Erlangen hat seit fast zwanzig Jahren ein eigenes Theater, das Theater seit vier Jahren einen eigenen Autor. Beides hat sich bewährt und verdient, in Zukunft bewahrt zu werden.

Laudatio Oswald Gayer

Mit der Verleihung des Theaterpreises an Oswald Gayer würdigt die Jury ein vielfältiges Spektrum außergewöhnlicher schauspielerischer Leistungen.

Was einen guten Schauspieler ausmacht, das beschreibt William Shakespeare im „Hamlet“:
Er paßt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an, wobei er sonderlich darauf achtet, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspiels entgegen, dessen Zweck … war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten, der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes Bild.

Oswald Gayer hat als Erlanger Baby in den „Schattengeburten“ die heikle Aufgabe bewältigt, eine imaginäre Figur zu verkörpern und zugleich als Moderator durch das Spielgeschehen zu führen. Durch seine virtuose Darstellung hat er die Farce in einer faszinierenden Balance gehalten und damit zum großen Erfolg der Produktion beigetragen.

Oswald Gayer besitzt die seltene Fähigkeit nicht nur eine Rolle zu spielen, sondern zugleich mit dem Publikum zu kommunizieren. Rollendisziplin und Improvisationsfähigkeit zu vereinen.Diese Geistes-Gegenwart geht einher mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, wie er sie in expressiver Weise in Gogols Einpersonenstück „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ zeigte. Diese Rolle gestaltete er mit suggestiver Intensität, wobei er die Grenzen des bloßen Schau-Spiels in beklemmender Weise überschritt.

Eine diametral entgegengesetzte Darstellungsform demonstrierte er als Schriftsteller in Thomas Bernhards „Am Ziel“ und als Fernando Krapp im gleichnamigen Stück von Tankred Dorst. Oswald Gayer beherrscht die schwere Kunst des Unterspielens, der subtilen Andeutung und den sparsamen, aber zielgerichteten Einsatz der schauspielerischen Mittel. Den Komiker dagegen zeigte er in den Sommernachtsträumen als hinreißender Kobold Puck in der Bearbeitung von Beat Fäh und als Marschall in Woody Allens Version.

Mit dieser Vielfalt seiner darstellerischen Fähigkeiten vermag er allen seinen Rollen ein unverwechselbares Profil zu geben, ohne aus dem Regiekonzept auszubrechen – so zuletzt als Chorführer in Sophokles „Antigone“. Als eines der ersten Mitglieder des von Andreas Hänsel geleiteten Ensembles verkörpert der Preisträger in exemplarischer Weise schauspielerische Kontinuität und Qualität im Erlanger Theater. Durch seine persönliche und künstlerische Ausstrahlung hat er wesentlich zur Verankerung des eigenproduzierenden Theaters in Erlangen beigetragen.

Für die Jury: Lisl Brune
Spielzeit 1993/1994