Erlanger Theaterpreis 1994/95

Julia Hattstein

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 1995 an Julia Hattstein

Im vorigen Jahr, meine Damen und Herren, während der Bayerischen Theatertage, als die Theaterwelt noch in Ordnung war, wurde der Preis des Fördervereins an zwei Personen verliehen; und zwar an einen darstellenden Künstler, den Schauspieler Oswald Gayer, und an einen dichtenden Künstler, den Autor Magnus Reitschuster.

In diesem Jahr hat die Jury eine Vertreterin der Bildenden Kunst ausgewählt, der Kostüm- und Bühnen-Bildenden Kunst, es ist:  JULIA HATTSTEIN !

Die Preisträgerin hat in der Spielzeit 1994/95 mit zwei Bühnenbildern im Markgrafentheater Raum geschaffen für den „Woyzeck“ von Georg Büchner in der Regie von Andreas Hänsel und für die Uraufführung „Unser Julius“ von Magnus Reitschuster in der Inszenierung von Rolf Parchwitz. Zwei unterschiedliche Textvorlagen, zwei unterschiedliche Raumvorgaben.

„Woyzeck“ ist Fragment, Szenenfolge, es gibt viele Handlungsräume und damit gar keinen. Eine „Untersuchung“ war im Untertitel angekündigt, eine Operation Woyzeck fand statt.

Ausgehend von dem Bild eines alten Sektionssaales, dieser frühen Kathedrale der Wissenschaft, entstand ein Spiel – Raum, der funktional war und doch seinen Eigenwert ausstrahlte, der konkret war und dennoch die vielfältigsten Spielorte in einem synthetisierte: der Jahrmarkt war hier ebenso überzeugend wie die freie Natur; häusliche Intimität wie ordinäre Straßenszenen oder Mauerschau wurden möglich.

Mit den Kostümen, z.B. des Idioten oder des Tambourmajors, hat sie Assoziationen in den Köpfen der Zuschauer freigesetzt bzw. Verfremdungen optisch erkennbar gemacht. Sie legte die Phantasie des Betrachters nicht fest und beförderte sie doch in vielerlei Hinsicht. Im „Julius“ dagegen gab es die klare Vorgabe durch den Ort der Handlung:  Turnhalle des Nürnberger Kriegsverbrechergefängnisses, Ort diverser Rituale dieser „liturgischen Farce“, ein auf pervertierte , schäbige Weise sakraler Ort war herzustellen.

Julia Hattstein hat die Atmosphäre gebaut für den blasphemischen Gottesdienst der Massenmörder, simultan dazu auf der Vorderbühne den makabren Kaffeeklatsch der „Witwen von Nürnberg“ installiert und dann wieder das Abschiedsritual der Täterinnen und Täter suggestiv und plastisch wirken lassen.

Schließlich wird der Bühnenraum zur Hinrichtungsstätte. Eine Hängung muß funktionieren, es muß alles im wahrsten Sinn des Wortes „klappen“, die Bühnenfigur soll glaubwürdig gehenkt werden, ohne daß dem Darsteller ein Härchen gekrümmt wird – auch dies gehört zum weiten Feld des Bühnenbildes. Julia Hattstein hat das Abgewrackte dieser historischen Situation an die Wände gebannt, sie hat den Ungeist der Zeit auch in den Kostümen auferstehen lassen.

In diesen beiden, für die Spielplanlinie des Theaters Erlangen repräsentativen Aufführungen hat sie mit ihren Kostümen und Bühnenbildern auf unterschiedliche Weise den Texten gedient und dabei doch eine eigene Ästhetik behauptet. Sie hat klar und dennoch unaufdringlich den Darstellern und Darstellerinnen, auch den Regisseuren, einen Spiel – Raum eröffnet und zugleich dem Publikum den Hintergrund zum Verstehen erhellt.

„Wenn die Diskotheken verlassen ,“ sagt Heiner Müller,“ und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist.“ Das beredte Schweigen der Bühnenräume ist ein wesentlicher Teil dieser Sprache.
Daß es das Theater noch gibt, wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wir  w o l l e n  es  h o f f e n !

Für die Preisjury: Lisl Brune
1. Juli 1995