Erlanger Theaterpreis 1995/96

Eva Hörbiger/Martin Hofer

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 1996 an Eva Hörbiger und Martin Hofer

„Der Schauspieler begegnet dem Publikum mit nichts
Als Unheimlichkeit
Das Publikum wird auf die Probe gestellt
Das Publikum muß von dem Schauspieler entsetzt sein
Zuerst hat er es zu hintergehen und dan hat er es zu entsetzen
Die großen Schauspieler haben ihr Publikum immer entsetzt …
in die Geschichtsfalle gelockt
in die Geistesfalle
in die Gefühlsfalle  …
Der größte Feind des Schauspielers ist sein Publikum
Wenn er das weiß steigert er sich in seiner Kunst …“

Wie nach diesem sarkastischen Zitat aus Thomas Bernhards Stück „Minetti“ unschwer zu erahnen ist, geht der Theaterpreis des Fördervereins Theater Erlangen diesmal wieder an die darstellende Kunst. Die Jury verleiht den Preis für die Spielzeit 1995/96 an die Schauspieler Eva Hörbiger und Martin Hofer.

Die Schauspieler, sehr geehrte Damen und Herren, sind das Herz des Theaters. Sie sind nicht einfach willige Vollstrecker von Vorgaben, im Gegenteil: Die Bühnentauglichkeit von Texten, Regie-Ideen oder dramaturgischen Konzepten erweist sich erst, wenn sie dem Schauspieler ein Terrain schaffen zur Erkundung der menschlichen Seele, des menschlichen Geistes, der menschlichen Geschichte.

Dafür bedarf es für den Schauspieler dreierlei, das auch die Preisträger auszeichnet:

  1. Die souveräne Beherrschung des Handwerks,
  2. Ein Ahnen, eine Erfahrung dessen, was den Menschen im Innersten zusammenhält – bzw. auseinanderreißt- und
  3. – wie es eine große Schauspielerin benannt hat – „Die Naivität, das Staunen des Kindes.

Eva Hörbiger hat uns dies schon vor vier Jahren in Thomas Bernhards Stück „Am Ziel“ meisterhaft vorgeführt. In den „Präsidentinnen“ von Werner Schwab hat sie uns den Schrecken eines entsetzlichen Lebens ins Auge sehen lassen. Und das war unheimlich komisch! „Nichts ist komischer als das Unglück“, sagt Beckett, und er meint damit nicht den selbstgerechten Voyerismus an fremdem ‚Elend, sondern das erkennende, erlösende Lachen über eigenes Unglück, bzw. das eines anderen, in dem das eigene wiedererkannt wird.

Eva Hörbiger hat es mit der Darstellung der Grete geschafft, diese Figur, die von Werner Schwab mit „brennender Seele“ ausgeworfen wurde zwischen Moritat und Tragödie, zum Leben zu erwecken. Sie hat mit faszinierender Körperlichkeit und gleichzeitig ungeheuerlicher Leichtigkeit die Schwere des Daseins einer Kleinbürger-Pensionistin gespielt. Sie hat diese Grete, die nun keineswegs zur Identifikation einlädt, niemals denunziert, aber sich auch nicht sentimental in sie verloren. Ein entsetzliches Vergnügen haben Sie, liebe Frau Hörbiger, uns bereitet.
Vielen Dank dafür!

Mit der wesentlichsten Rolle, die der andere Preisträger in der letzten Spielzeit gezeigt hat, steigen wir auf von dem Elend der Unterschicht in das Elend des gebildeten, kritisch etablierten Mittelstandes. Die Rede ist von der Rolle des Dan in Woudstras Stück „Ein schwarzer Pole“, und die Rede ist von Martin Hofer, der als männlicher Protagonist die letzte Spielzeit mit geprägt hat. In „Scharf“, dem Stück des russischen Autors Protalin, hat er uns eine differenzierte Charakterstudie vorgeführt. Im „Schwarzen Polen“ hat er nicht nur eine Glanzrolle gespielt, sondern dafür gesorgt, daß das Stück aus dem boulevardartigen Zeitgeistgeplänkel des ersten Teils herauswuchs und sich zuspitzte zur Tragödie eines Menschen einer Generation, deren Sehnsucht nach dem anderen Leben so groß wie hilflos ist.

Martin Hofer hat uns eindrucksvoll den etablierten Notar vor Augen geführt, der herauswill, herausmuß aus der Haut dieser Spezies, die die „Altachtundsechziger“ genannt wird. Größe und Selbsterniedrigung dieser Figur hat er einfühlsam und überzeugend verkörpert, Glanz und Elend dieser Spezies sichtbar, durchschaubar gemacht: Ein Mensch, der sich nicht auf auer wie die anderen einrichten will – weder in zeitgeistgestylten Lebenslügen noch in alternativen Scheingewißheiten.

Martin Hofer hat in dieser Rolle erzählt von der unterdrückten, aber um so größeren Sehnsucht nach dem anderen Leben, dem Drang ins Freie, in die Fremde, in den Fremden. – Freilich: es reicht nur zum Kleidertausch mit dem Polen. Die Tragik, daß ein jugendlicher Aufbruch ab einem bestimmten Alter komisch wirkt, das Scheitern der Ideale wurden subtil herausgearbeitet. Dennoch hat Martin Hofer das Streben nach dem Utopischen nicht dem hämischen Spott preisgegeben, sondern auch ergreifend verteidigt. Vielen Dank dafür!

Nach Auffassung der Jury beweisen beide Schauspieler, Eva Hörbiger ebenso wie Marin Hofer, ein Merkmal guter Schauspielkunst:
Sie schlachten ihre Figuren nicht aus, nicht witzig und nicht melodramatisch. Sie finden die schwierige Balance zwischen Distanz und Mitgefühl. So halten sie ihre Szenen vom drohenden Kabarett genauso fern wie vom dräuenden Tiefsinn. Fahren Sie fort, dies zu tun, Martin Hofer, als Faust in Regensburg und Sie, Eva Hörbiger als Hekabe und in anderen Rollen hier in Erlangen – solange höhere Mächte, sei es im Himmel oder im Rathaus dies zulassen!

Für die Jury: Lisl Brune
28. September 1996