Erlanger Theaterpreis 1997/98
Stefan Otteni

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 1998 an Stefan Otteni
Die apokalyptischen Hunde des Stefan Otteni
Stefan Otteni hat mit seiner Inszenierung der „Top Dogs“ die beste Produktion der letzten Spielzeit auf die Bühne gebracht und das gesamt Ensemble zu einer überzeugenden Teamleistung geführt. Alle verschiedenen Elemente und Künste des Theaters sind als einzelne gelungen durchgeformt und haben – sich gegenseitig verstärkend – zu einer Gesamtkomposition zusammengefunden:
Da ist die Bearbeitung des Textes und ihren Partikeln aus unserer lokalen Wirklichkeit (statt Swissair Siemens und Schöller), den authentischen Namen und aktuellen Reizwörtern, die zu Metaphern einer immer absurder werdenden Arbeitswelt werden, das phantasievolle Bühnenbild, die abwechslungsreiche Choreographie, Licht und Ton, die der Zuschauer meist nur unbewußt wahrnimmt, – alle diese Elemente stimmen und lenken die Aufmerksamkeit auf die Schauspieler, die als Team und als einzelne Künstler auf ein vorher nicht gesehenes Leistungsniveau geführt worden sind.
Die harmlos-amüsanten Szenen, auf die sich das Publikum arglos einläßt, kippen unvermittelt in beklemmende Situationen, und die Zuschauer sehen sich plötzlich der Peinlichkeit und dem Schrecken der Realität ausgesetzt. Aber da ist noch etwas mit diesem trockenen Text von Urs Widmer geschehen, etwas, das nicht im Stück steht, das kein Kritiker erwähnt hat und das doch dieser Inszenierung (einer von 50 im deutschsprachigen Raum) die besondere Qualität verleiht.
Die vertikale Ausdehnung der Bühne auf drei Spielebenen, vom Himmel durch die Welt zur Hölle (hier eigentlich umgekehrt), diese Ausdehnung reißt die realistische Handlungsebene des Textes auf und verleiht ihm metaphysische Dimensionen:
In der Unterwelt das Gekläff der Höllenhunde, die sich vom „Under Dog“ zum „Top Dog“ durchbeißen und hinaufhangeln wollen, auf der Bühne die realistische Handlungsebene, auf der sich die absurde Komödie abspielt, über und hinter der Bühne die Zone der Transzendenz, der verklärenden Utopie wie des apokalyptischen Szenarios.
Wir erleben einmal die Umkehrung: nicht ein klassisches Stück in modernem Gewand, sondern ein brandneues Stück in barocker Konzeption. Diese für das Barock-Drama typische Dreiteilung der Bühne ist nicht nur eine Reverenz an das hiesige Markgrafentheater, sondern hat seine tiefe inhaltliche Begründung. Sie reflektiert und versinnbildlicht im Barock-Drama wie auch in diesem modernen Stück das ähnliche Lebensgefühl und Grundthema: Die Vanitas, die Eitelkeit der Welt, die Vergänglichkeit des Glücks, des Erfolgs und aller Dinge, das Rad der Fortuna, das die Menschen unterschiedslos nach oben und morgen nach unten reißen kann.
Die moderne Form der Existenzbedrohung, die Kränkung und Identitätsvernichtung durch das Entlassenwerden, das „Trauma“ der Arbeitslosigkeit, die den „sozialen Tod“ bedeutet, wie Urs Widmer es selber formuliert, – diese persönlichen Katastrophen kommen in der Inszenierung überzeugend zum Ausdruck.
Die Handlung des Stückes – Gruppentherapie, Rollenspiel und Psychodrama in der Managerschulung – werden zum Theater im Theater, das unser Verhalten als Inszenierung, Trug und Schein entlarvt. Die Welt ein Theater, das Leben ein Traum – barocke Topoi! Der Mensch darin als Spielball des Schicksals, hier als wehrloses Opfer einer Unternehmensstrategie, mit der er sich das Top Dog selber identifiziert hat.
Otteni hat die Top „Dogs“ beim Wort genommen und am Schluß sogar als Allegorie, als apokalyptische Hunde leibhaftig durch die Oberbühne gehetzt. Und hier zeigt sich der Regisseur nicht nur als Kompositeur und Interpret, er zeigt sich uns in einer dritten Rolle als Spieler. Das unbefangene, respektlose Spiel mit Gattungen und Stilformen ist eine Gratwanderung, die immer wieder vom Absturz bedroht ist. Dokumentation und surreale Farce, Melodram und Satire, psychologischer Realismus und Miysterienspiel, ein bißchen Dante, ein bißchen Gryphius, ein bißchen – nein, nicht Strindberg, sondern Boulevard-Komödie, ja Soap Opera …
Wie hat Otteni das alles unter einen Hut bekommen, ohne daß es uns als gekünstelter Eklektizismus aufstößt? Wir schlucken (fast) alles ganz selbstverständlich und erleben die Inszenierung als organisches Ganzes. Wie das gelingen kann, ist mir ein Rätsel. Doch es gehört zum Wesen und zur Faszination der Kunst, daß da immer noch ein Geheimnis bleibt, das sich der Analyse entzieht und doch seine Wirkung auf uns ausübt, bei jedem auf ganz eigene Weise.
Herr Otteni, wir danken Ihnen für diese Himmel- und Höllenfahrt!
Für die Jury: Lisl Brune
