Erlanger Theaterpreis 1998/99

Schauspielensemble

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 1999 an das aktuelle Schauspielensemble anlässlich der Wiedereröffnung des renovierten Markgrafentheaters

„Ein Theater in der Nähe einer Universität“, sagte zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Pietist und hallenser Universitätsprofessor August Hermann Francke, „Ein Theater in der Nähe einer Universität ist so gut als ein Bordell“. Da hat doch noch einer an die Vitälität und Wirkungsraft des Theaters geglaubt!

Es war eine doppelt aufklärerische Tat, als die Markgräfin Wilhelmine vor 256 Jahren die Universität gründete und im gleichen Jahr die Neugestaltung des Hoftheaters in Angriff nahm, um dann seine glanzvolle Wiedereröffnung im Karneval 1744 mit einer Opernaufführung feiern zu lassen. Dem Lebensstil des Rokoko ebenso zugetan wie dem Geist der Aufklärung hat sie beim Theater nicht unbedingt die „Moralische Anstalt“ im Auge gehabt, sondern es eher als einen Hort der Bildung gesehen und als einen -durchaus nicht jugendgefährdeten- Tempel der heiteren und tragischen Muse, so wie es die beiden weiblichen Hermen an der Markgrafenloge symbolisieren.

Diese, bei einer Art Zwillingsgeburt bewußt geschaffenen engen Beziehungen zwischen Universität und Theater haben sich bis in die Gegenwart erhalten und neu bewährt. Nicht nur, daß an der hiesigen Universität das Fach Theaterwissenschaft vertreten ist; nicht nur, daß der scheidende und zukünftige Vorsitzende des Fördervereins Theater Erlangen Prorektoren der Universität sind; als die Existenz des eigenproduzierenden Theaters -mehr aus pekunären als aus pietistischen Gründen- wieder einmal bedroht war, haben sich Rektor und Kanzler, die auch heute hier anwesend sind, für den Erhalt des Theaters eingesetzt. Sie befanden sich dabei in guter Gesellschaft mit dem Förderverein, mit vielen Gruppen der Erlanger Politik und Bürgerschaft – und mit dem Herrn Staatsminister, dessen Brief und seine salvatorische Wirkung wir nicht vergessen haben.

Als vor 6 Jahren das 250. Jubiläum der Universität gefeiert wurde, brachte die Universität eine Oper der Markgräfin Wilhelmine im Markgrafentheater zur Aufführung, und das Theater wiederum widmete dem Geburtstagskind ein Theaterstück, die „Schattengeburten“, eines der erfolgreichsten Stücke des Theater Erlangen. So haben sich die Zwillinge der Wilhelmine gegenseitig beschenkt.

Der Autor dieses Stückes, Magnus Reitschuster, und der Hauptdarsteller, Oswald Gayer, wurden bei der ersten Verleihung unseres Theaterpreises anlässlich der Bayerischen Theatertage hier in Erlangen ausgezeichnet. Es war der damalige Oberbürgermeister, der die Preise überreichte, zusammen mit dem Rektor Magnifizenz Jasper, der die Laudatio auf den Autor hielt. Welch eine herrliche Trias von Theater, Stadt und Universität! – Fehlt nur noch unser Global Player Siemens, den wir gerne als Vierten im Bunde aufnehmen würden!

Es wurden dann in den folgenden Jahren Theaterpreise für herausragende künstlerische Leistungen auf den Gebieten Bühnenbild, Schauspiel und Regie verliehen, im letzten Jahr an den Regisseur Stefan Otteni, der nun am Deutschen Theater Berlin die Leitung der Kammerspiele übernommen hat. Bei der Preisverleihung im vorigen Jahr baten wir das neue Ensemble: „Wir hoffen, daß Sie uns im nächsten Jahr die Qual der Wahl bereiten!“ Diese Hoffnung hat sich erfüllt, mehr als uns lieb war. Den Theaterpreis 1999 bekommt weder eine Regisseurin noch ein Bühnenbildner oder irgendein einzelner Künstler oder Künstlerin, sondern das gesamte Schauspielerensemble!

Diese Entscheidung ist etwas Neues und Ungewohntes, aber die Jury hält es für eine gute Lösung, weil sie dem entspricht, was an neuer Qualität stattfand. (Es hat nur den Nachteil, daß wir den Preis durch 8 teilen müssen). Es war ein spannender Neuanfang des Erlanger Theaters: Ein neuer Intendant, ein fast völlig neu zusammengestelltes Team, ein neues Spielplanprofil und ein -nicht ganz neues- Bekenntnis zum Ensembletheater. Dieses Bekenntnis „ist zur Zeit bei Intendanten durchaus üblich“, schreibt „Theater heute“, „weil es als Absicht so nobel klingt und sich zugleich mit dem Unvermeidlichen, dem Sparzwang, deckt. Auf teure Gastengagements … will und muß ich verzichten“. Aber die programmatische Selbstverpflichtung in der Namensänderung von „Theater Erlangen“ in „ensemble theater erlangen“ und das Ergebnis der ersten Spielzeit legen den Verdacht nahe, daß es allen Ernst ist mit dem Ensemblegedanken.

Was, meine Damen und Herren, ist ein Ensemble? Max Reinhardt nannte es „eine künstlerische Zweckgemeinschaft, die zugleich den Anschein einer glücklichen produktiven Familie weckt.“ Familienkrach inbegriffen, muß man hinzufügen. Es wird beschrieben als Grundvoraussetzung für Qualität, Kontinuität und unverwechselbares Theater, als wichtigste Bedingung, um in vertrauensvoller Atmosphäre eine intime, konzentrierte Arbeit zu ermöglichen, – so wird es beschworen und doch selten realisiert und durchgehalten.

Die Kraft eines Ensembles erweist sich auf den Proben, seine Qualität auf der Bühne. Dabei waren die Startbedingungen in Erlangen alles andere als einfach: Das Markgrafentheater befand sich in der 1. Renovierungsphase, und die Provisorien des Anfangs, verschiedene, unzureichende Ersatzspielstätten und viele, vielleicht zuviele gleichzeitig laufende Produktionen stellten hohe Ansprüche an ein neu zusammengesetztes, jungen Team, in dem Winni Wittkopp der einzige ortserfahrene Stabilitätsfaktor war.

Alle, aber gerade auch die neuen Schauspieler, haben sich mit Flexibilität und Improvisationskunst, mit Idealismus und Verantwortungsbewußtsein ausschließlich dem Neuanfang an diesem Theater verpflichtet und dabei auch Verzichte geleistet, so daß Rollenbesetzungen und Spielplan nicht von Fernseh- und Filmengagements beeinträchtigt wurden, dem Problem so vieler großen Häuser. So hat z.B. Inge Schilling auf eine Rolle in dem jetzt anlaufenden Mengele-Film mit Götz George verzichtet, um mit den „Schwestern Brontë“ und „Dossier Akkermann“ den Anfang in Erlangen zu unterstützen.

Es scheint wie auf unser Ensemble gemünzt, wenn Stefan Bachmann, dessen Basler Haus zum „Theater des Jahres“ gekürt worden ist, von seiner Mannschaft sagt: „Es sind eher jüngere, hungrige Schauspieler. Wir haben keine Stars – hätten wir auch gar nicht bezahlen können. Es sind vielseitige Schauspieler, denen es Spaß macht, sich auf verschiedene Formen einzulassen. Es sind ensemble-orientierte Schauspieler, die große und kleine Rollen spielen wollen, merkwürdige Projekte und Klassiker …“ Ich möchte hinzufügen: Wir haben denkende, artikulationsfähige und eigenständige Künstler erlebt, die sich gleichberechtigt selber entfalten konnten und sich gleichzeitig auf einander eingespielt haben, mit gegenseitigen Anregungen die gemeinsame Entwicklung weitergebracht haben.

Stellvertretend für alle soll hier nur die Jüngste genannt werden, Sylke Hannasky, die frisch von der Schauspielschule, gleich in einer Hauptrolle das Spielen lernen, das Fürchten verlernen konnte und in einer der besten Produktionen („Messer in Hennen“) eine eindrucksvolle Leistung gezeigt hat. Gleichzeitig hat sich das Ensemble auf viele Regisseurinnen und Regisseure mit denen sie noch keine Erfahrung hatten, einstellen müssen. Sie haben fast immer auf der Bühne glaubwürdig verkörpert, was in -z.T. auch umstrittenen- Regiekonzepten konstruiert worden war. In manchen Inszenierungen wie z.B. „Andorra“ oder „Das kalte Herz“ zeigte sich, wie das Theater sein Publikum verführt, und zwar durch die Schauspieler.

An Zumutungen für die Schauspieler hat es nicht gefehlt. Umbesetzungen oder Text- und Konzeptänderungen bis zur letzten Minute haben sie konstruktiv bewältigt. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Situationen im Theater, in denen sich manche Ensembles wie ein eher gewerkschaftlich als künstlerisch orientiertes Verhinderungskollektiv verhalten. Unsere Schauspieler haben sich nicht geschont und immer das künstlerische Ergebnis des Gesamten über die Empfindlichkeiten und die Profilierung der eigenen Person gestellt. Und doch hat jeder seine Individualität bewahrt und -das möchte ich betonen- in irgendeiner Rolle eine große Leistung gezeigt und seine ganz persönlichen Bewunderer gefunden.

Es sind nicht nur die Programme, es sind gerade auch die Gesichter, die ein Theater prägen. Dieses Schauspielensemble hat der ersten Spielzeit Gesicht gegeben und dem Theater ein erkennbares, unverwechselbares Profil verliehen. Damit hat sich das gesamte Theater las eine Säule der geistigen und kulturellen Identität dieser Stadt wieder neu legitimiert. „Theater und Universität (sind) Prismen einer Gesellschaft“, sagt ein zeitgenössischer Rektor, „Orte von Entdeckungen, Entwicklungen, von Tradition und Innovation, von Reflexion und Diskussion – eben von lebendiger Kultur.“

Poetischer und adäquater wird das Theater durch den großen Schauspieler Rolf Boysen beschrieben: „Das Theater wirft sein Licht auf die Herkunft, den Weg, die Ankunft und den Hingang des Menschen…. Es ist das große Déjà-vu der menschlichen Seele. Und es kann, wenn es gelingt, ein Fenster in die Zukunft öffnen. Das Theater ist ein rückwärts schauender Prophet … Ein Traum, was sonst. Und wer den Traum tötet, tötet das Leben.“

Für die Jury: Lisl Brune