Erlanger Theaterpreis 1999/2000

Familiengeschichten Belgrad

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Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2000 an die Produktion „Familiengeschichten Belgrad“

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters Erlangen,

die letzten Jahre ist es nicht einfach gewesen, die Entscheidung zu fällen, wer den Theaterpreis des Fördervereins erhalten soll. So auch dieses Mal nicht. Das, was Lisl Brune in der letztjährigen Laudatio, als der Theaterpreis an das gesamte Ensemble ging, gesagt hat, stimmt noch immer: Jedes Ensemble-Mitglied hat seine oder auch ihre Bewunderer gefunden. Auch in der Jury. Als wir 9, die wir der diesjährigen Preisjury angehören, uns im Juli trafen, war gerade eine Spielzeit zu Ende gegangen, die einige weniger überzeugende, aber auch einige spannende und sehr schöne eigene Inszenierungen gezeigt hatte.

Da hatte es zum einen ein Kindertheaterprogramm gegeben, das von Publikum und Kritik fas ausnahmslos gelobt worden war. „Spatz Fritz“ hatte einen der Preise der diesjährigen Bayerischen Theatertage erhalten. Stefan Drücke hatte einen urkomischen und sehr unheimlichen brillanten „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ gespielt. Und auch die Inszenierung des „Aschenputtels“, witzig und schrill mit sehr anrührenden Momenten hatte – neben kontroversen Diskussionen der inhaltlichen Veränderungen des Grimm’schen Märchens durch die niederländische Autorin – viel Beifall gefunden.

Im März hatte „Hedda Gabler“ Premiere gehabt. Große Teile des Publikums mochte dies Inszenierung. Von Habib Bektas‘ ersten Bühnenwerk „Etwas Probe“ waren alle vier Vorstellungen ausverkauft gewesen. Mir wurde erzählt, daß Alberto Fortuzzi nach einer der Aufführungen mit standing ovations im Theatercafé empfangen worden ist.

Schließlich der „Don Gil“, der als letzte große Inszenierung der Spielzeit – so bunt, voller Ideen, witziger und scharfsinniger Anspielungen, als ein Genuß für Auge und für jeden, der Spielfreude zu spüren vermag – mit einer Reihe von Leserbriefen aus dem Erlanger Publikum verteidigt worden war gegen eine Kritik in den „Nürnberger Nachrichten“, die von all dem nichts gesehen und wahrgenommen haben wollte.

Der Regisseur, Marc Becker, hatte dabei gleich mehrmals in dieser Spielzeit von sich reden gemacht: auch „U.S. Amok“ – hier war er zugleich der Autor – hatte Becker inszeniert. Im Gespräch waren die Extreme in Beckers Kunst: nach „Bier & Sex& Bier“ mit „U.S. Amok“ ein weiteres grelles anarchisches Bild menschlicher Psyche, und dann im „Don Gil“ die Pracht der von Witz und Lebensfreude berstenden Figuren, in Schach gehalten durch Einbrüche von Melancholie und die verfremdenden Momente nach Luis Bunuel. Und was sollte nun die herausragende Leistung“ sein, der die Jury den ersten Preis im neuen Jahrtausend – dieses Mal über eine Summe von 5000 DM – verleihen würde?

Der Preis geht an Maya Fanke für die Regie und an Stefan Drücke, Tanya Häringer, Tim Dominik Lee und Barbara Seifert für ihre schauspielerisch Leistung in der Produktion der „Familiengeschichten Belgrad“ von Biljana Srblijanovic. Eine Entscheidung der „political correctnes“? Honoriert sie vielleicht das Stück als Anti-Kriegsdrama? Die “Familiengeschichten Belgrad“ zählten in der vergangenen Spielzeit –  ich zitiere den Tagestipp vom 22. März 2000 der Nürnberger Nachrichten – zu den „sehenswertesten Eigenproduktionen in der Region“. Hat das das Wissen gesiegt, sich in guter Gesellschaft mit der Pressekritik zu befinden?

Von Ulrich Mühe gibt es die Formulierung, daß ‚Kunst‘ dann gelingt, „wenn Menschen im Bauch getroffen werden und gar nicht so genau wissen, woher das kommt“. Das ist es, was in der Erlanger Inszenierung geschieht.

Trotzdem werde ich unsere Entscheidung natürlich zu begründen versuchen.

„Der Ort der Handlung ist ein Kinderspielplatz in einer Vorstadtsiedlung von Belgrad.“ Wir sehen jedoch viel mehr. Regie und Schauspielern ist das Kunststück gelungen, die Zuschauer zu entführen an einen Ort, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das kann Belgrad sein oder sonst wo. In schneller Folge, mit schneidender Präzision, werden uns Szenen gezeigt, die weit weg, in einem anderen Land und im Krieg spielen, und die wir dennoch genau kennen. Die wir wiedererkennen, die voller Gewalt, Angst und Sehnsucht, die unendlich traurig sind.

Die Vorlage dieses großartigen Theaterstücks hilft, keine Frage. Doch die Autorin verlangt viel von Regie und Darstellern. Sie gibt klare Anweisungen: „Alle Helden dieses Stücks sind Kinder. Dennoch altern sie nach Bedarf oder werden jünger und ändern gelegentlich auch ihr Geschlecht. / …/ Die Schauspieler sind hingegen keine Kinder. Sie sind Erwachsene, die im Stück Kinder darstellen, die wiederum Erwachsene spielen. /…/“

Das klingt akrobatisch. Wir meinen, daß dieses Spiel im Spiel in dieser Inszenierung wunderbar gelungen ist. Maya Fanke und die 4 Schauspieler und Schauspielerinnen haben Bilder geschaffen, die wir nicht vergessen. Stefan Drücke als 12jähriger Vojin spielt das Kind, das der Vater ist. Wie Andrija möchte man ihn hassen, wenn er den Mann spielt, der Gebieter, Herrscher, Züchtiger, Feigling, Moralist, Opportunist ist. Und der den anderen die Nüsse wegißt. Geschieht im recht, wenn er sich verschluckt. Ersticken soll er, genau. Und dann sieht man plötzlich wieder das Kind, das neben den anderen sitzt und mit den Beinen baumelt.

Barbara Seifert spielt die 11jährige Milena. Und Milena spielt die Ehefrau und Mutter. Gefangen in der Klemme zwischen Mann und Sohn und aufflackerndem Selbstbewußtsein, wenn sie sich für kurze Momente zwischen die beiden stellt oder wenn sie sich eine kurze Szene lang zu Nadezda setzt. Eine gebrochene Frau. Dabei kann Milena auch anders. Als Ehefrau von Präsident Milosevic fegt sie über Mann und Sohn hinweg, selbstverliebt, bigott und dümmlich. Und dann springt sie zurück und ist wieder die andere Milena. Man ist nicht traurig, wenn auch sie 6 mal stirbt. Barbara Seifert zeigt das Mädchen, das schon Frau ist in seinem Wissen, wie es zwischen den Geschlechtern funktioniert. Dieses wissende Kind entsetzt.

Die Sympathieträger sind die Kinder, die die Kinder spielen. Tim Dominik Lee spielt den 10jährigen Andrija, den Sohn, der von seinen Eltern auf eine so perfide Art von sich gestoßen und an sich gebunden wird, daß er sie am Ende einer jeden Begegnung töten muß. Andrija ist das ganz normale Kind, das sich um Eigenständigkeit bemüht und das um Achtung kämpft für das, was ihm wichtig ist. Hier wird er dafür gedemütigt. Tim Dominik Lee hat sich dieses Kind genau angeschaut. Der Zuschauer spürt, daß Andrija eine Vision hat. Natürlich kann er auch fies sein, aber man liebt Andrija trotzdem. Auch weil er Nadezda ähnlich ist. Nur eben nicht eklig.

Tanya Häringers Nadezda ist ungeheuerlich. Herzzerreißend und eklig. Nicht kultürlich eklig wie bei Bukowski, sondern elementar. Ausgeliefert an ihre Verletzungen und ohne Kontrolle. Nur intuitiv tut sie das richtige. Gebannt verfolgt der Zuschauer, wie sich Nadezda und Andrija einander annähern. Die Spannung in den Szenen zwischen Tanya Häringer und Tim Dominik Lee ist mit den Händen zu greifen. Aber man bewegt sich nicht, so berührt die Qual dieses 11jährigen Mädchens und die Sehnsucht dieser beiden nach einem Kontakt ohne Gewalt. Jede Spur einer Entwicklung zeigt Tanya Häringers Gesicht oder spiegelt ihr Körper. Sie führt durch Szenen, als gäbe es nichts außer diesem Ort. Tanya Häringer hat mit ihrer Nadezda eine unvergeßliche Figur geschaffen.

Maya Fanke hat diese vier Schauspieler begleitet, so daß sie (nochmals Ulrich Mühe) zusammen mehr sind, als sie es allein sein könnten! Und hat uns mit ihren Bildern getroffen, so daß wir diese Bilder nicht vergaßen. Diese fünf Künstler haben „die Leute am Herzen gepackt“, wie man es von Theater fordert.

„Familiengeschichten Belgrad“ ist viel mehr als ein Antikriegsstück, und unsere Entscheidung war nicht diktiert vom politischen Anstand. Regie und Schauspieler führen nicht nur einfach vor Augen, was im Ausnahmezustand eines Krieges mit den Menschen geschieht. Die Jury honoriert ihr Spiel im Spiel, das Belgrad zu unserem Ort macht. Maya Fanke und den vier Schauspielern gehören dafür unsere Bewunderung und unser Dank.

Und Dank auch dem Theater Erlangen, daß es dieses Stück in seinen Spielplan aufgenommen hat, daß es diese Regisseurin gewinnen konnte, von der wir wissen, daß sie auch in Nürnberg gerade eine sehr schöne Inszenierung auf die Bühne gebracht hat und von der wir hoffen, daß sie auch hier in Erlangen noch weitere Stücke inszenieren wird.

Die vergangene Spielzeit bot spannende und nicht so überzeugende eigene Inszenierungen. Wir hatten vergnügliche und ernsthafte Theatererlebnisse. Uns ist nicht langweilig geworden. Langweilig wäre das Vorhersehbare gewesen. Nach etlichen Theaterabenden haben wir noch lange diskutiert. Es gab bekannte und neue, mutige Stücke. Der Spielplan war nicht orientiert am Geschmack einer Publikumsmehrheit, sondern einem ideellen Auftrag verpflichtet jenseits des Berechenbaren und Nützlichen, wie es Kunst nun einmal ist.

Danke an die Stadt Erlangen, die ihr Theater, so wie es ist, unterstützt: Weitere 200.000,- DM wurden für die Sanierung des Markgrafentheaters aus dem Kulturfond 2000 bewilligt. Der Etat des Theaters wurde um 250.000,- DM erhöht. Die Glocken-Lichtspiele gleich um die Ecke sind Probebühne geworden, die Schauspieler und Schauspielerinnen sind plötzlich in der Stadt, nicht mehr verbannt in die Goerdelerstraße.

Wir wünschen den laufenden und den neuen Produktionen das Interesse vieler Erlanger und Erlangerinnen und vieler Kulturinteressierter aus der Region. Das Theater hat es verdient. Was Johannes Rau in seinem Grußwort aus Anlaß der diesjährigen Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins sagt, klingt, als hätte er auch an Erlangen gedacht:

„Wir haben es oft mit über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen zu tun. Ich sehe aber auch den einen oder anderen mentalen Schützengraben. /…/ Natürlich kann man weder Politikern noch Zuschauern Liebe oder Zuneigung zum Theater verordnen /…/. Aber Respekt vor der Kreativität und dem Engagement von Theater- und Opernmachern kann man erwarten. Darauf können wir um unserer selbst willen nicht verzichten.“

Wir meinen, daß diejenigen, die dieses Ensemble und seine Inszenierungen nicht kennenlernen, eine Menge Spaß verpassen – am Schauen, Lachen und am Denken. Die Jury hat die Inszenierung von „Familiengeschichten. Belgrad“ für den Theaterpreis 2000 gewählt. Wir sind froh, daß sie auch in der heute beginnenden Spielzeit zu sehen sein wird.

Darf ich nun Maya Fanke, Stefan Drücke, Tanya Häringer, Tim Dominik Lee und Barbara Seifert auf die Bühne bitten, um den Preis entgegen zu nehmen.

Für die Jury: Heidi Kuhles
08. Oktober2000