Erlanger Theaterpreis 2000/01

Marc Becker und Thomas Hagen

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Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2000/01 an Marc Becker und Thomas Hagen.

Die vergangene Spielzeit war die letzte unseres Erlanger Intendanten Hartmut Henne – bis zu seinem so plötzlichen und viel zu frühen Tod arbeitete Hartmut Henne mit größter Energie und Freude an der Dramaturgie zu „Dantons Tod“. Jetzt, wo es ihm möglich gewesen wäre, in erster Linie künstlerisch zu arbeiten, wurde der „Theateroptimist“ aus dem Leben gerissen. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinem Erlanger Ensemble. Der Theaterbesessene trieb das Erlanger Theater, manchmal bis an die Grenze der physischen Leistungsfähigkeit, zu überraschender Produktivität im großen Haus, in der Garage und anderen Spielstätten.

In der Spielzeit 2000/01 sahen wir ein sehr differenziertes Programm: die großen Produktionen im Markgrafentheater „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Die falsche Zofe“ und „Volksvernichtung“ verblüfften durch ihre Auswahl, zeigten die künstlerische Bandbreite des Erlanger Ensembles und riefen beim Publikum sowie helle Begeisterung als auch Ablehnung hervor. Auf größtmögliche Zustimmung der Erlanger war der Spielplan nicht abgestellt.

In jedem Fall aber forderten die Inszenierungen die Stellungnahme der Zuschauer heraus: Die Eintragungen im Gästebuch des Markgrafentheaters und die Reaktionen der Teilnehmer an den Theatergesprächen zeugen davon.

Neben den großen Ensemble-Stücken begeisterten uns Produktionen in der Garage: Hier sahen wir den einzelnen Schauspieler, ungeschützt, teils auf sich allein gestellt und anrührend. Die Peggy der Lea Schmocker unter der Regie von Marc Becker war so ein „Kabinettstück“: die emotionale Achterbahnfahrt, das Psychogramm einer heutigen verunsicherten Frau.

Alexander Stamm brillierte in „Katarakt“ unter André Studts Regie. Dem etwas beliebigen Text über die Suche nach Sinn im zeitgenössischen Informations- und Reflexionsgestrüpp verhalf vor allem sein überlegtes und wandlungsfähiges Spiel – und eine verblüffende Lichtregie – zu Dramatik.

Das Gesehene, Miterlebte, die spielerische/gespielte Gegenwelt auf der Bühne forderte immer den aktiven Zuschauer – und dem erschlossen sich hochinteressante Szenerien: z.B. mit Sarah Kanes „Gier“, dem gefeierten Stück vom Ende aller Illusion von Verstehen oder Verständnis der eigenen Existenz. Inge Schilling, Barbara Seifert, Claus Haumer und Alexander Stamm spielten hoch konzentriert und schonungslos im verblichenen Ambiente des Glocken-Kino-Foyers.

Vielfalt und Mut zeigten sich im Repertoire der Spielzeit 2000/01, das Theater Erlangen konnte sich mit Erfolg auf den Bayerischen Theatertagen in Ingolstadt präsentieren: Mit „Gier“, „Volksvernichtung“ und dem keineswegs nur für Kinder-Stück „nix los, nirgends“ sorgten (laut Presse) „die Erlanger für Belebung“, „für überfällige Provokation“ und erhielten den Sonderpreis für den besten „Gesamtauftritt eines Theaters“. Darüber freuen wir uns und gratulieren!

Der „Theaterpreis des Fördervereins Theater Erlangen“ wird für eine „herausragende künstlerische Leistung“ verliehen und kann auch „Leistungen aus früheren Spielzeiten würdigen“. Die Jury benötigte mehrere Wahlgänge: an begründeten Vorschlägen für respektable Leistungen mangelte es nicht!

Eine Produktion begeisterte uns alle: die hervorragende Inszenierung von Werner Schwabs Radikalkomödie „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“. Der Preis geht daher an den Regisseur Marc Becker und an den Schauspieler Thomas Hagen für seine Interpretation des Hermann Wurm.

Nach den gefeierten „Präsidentinnen“ von 1996 sahen wir mit „Volksvernichtung“ den zweiten sehr erfolgreichen Schwab. Diesmal haben Marc Becker und das Ensemble die hoch komplexen, dumpfe Banalität beschreibenden, Schwab’schen Wortkaskaden auf eine andere, distanziertere Weise überzeugend umgesetzt.

Marc Becker ist es gelungen, grenzenlose Spießigkeit eben nicht in der Wohnküche zu inszenieren –  die Randexistenz und der Kleinbürger werden so zum überzeitlichen Phänomen, soziologische Studien interessieren Schwab nicht mehr. Das klare, zurückhaltende Bühnenbild der Madeleine Hümer bespielt Becker mit Verve in einer perfekten Inszenierung mit exzellent geführten Schauspielerinnen und Schauspielern. Dabei gelingt es dieser Inszenierung hervorragend, gegen die kompliziert-sperrige Sprache mit darstellerischen Mitteln anzuspielen.

Die „Wortmassaker“ setzt Marc Becker kongenial in Bilder von bleibendem Eindruck um:

Das Zusammen-leben-müssen der bigotten Mutter Wurm (überzeugend Barbara Seifert) mit ihrem „radikal künstlernden“ klumpfüßigen Sohn, die Haßliebe zweier Underdogs, die ohne einander nicht können: Ihre Verbalattacken sollen den anderen treffen, doch sie sezieren sich selbst. Sprache schneidet so Mittel der Verständigung aus. Allein der – von Becker eingefügte – gewalttätige Tanz der beiden, angesiedelt zwischen Alpenfolklore und Trance, könnte zur Annäherung führen: doch auch er entwickelt sich wie die Sprache zum beinahe rituellen Albtraum.

Familie Kovacic im Erdgeschoß kommt der landläufigen Spießigkeit am nächsten: In seinem unmöglichen Satzungetümen dürftigsten Inhalts versucht Herr Kovacic (dumpf-komisch: Claus Haumer) den Aufstieg, auch auf die Töchter – aber der gelingt ihm nur verbal. Dabei entsprechen ihm die peinlich-dummen Töchter durchaus (von Sylke Hannasky und Jutta Lübbehusen schrill gespielt). Gedemütigt müht sich Frau Kovacic (herrlich resigniert Inge Schilling) angesichts dieser fürchterlich durchschnittlichen Familie um eine kleinbürgerliche Idylle – aber auch ihr gelingt nur die Vorhölle. Einzig im Schnapskonsum hat der „fleißige Familienbetrieb“ seine gemeinsamen Momente.

Gekrönt wird diese Hausgesellschaft durch Frau Grollfeuer, die zynische Hausbesitzerin. Ihr Credo „das Furchtbarste, was es geben kann, ist das Volk“ macht sie zur mordenden Richterin über den „erbärmlichen Mietshauskörper“.

Zur Geburtstagsjause zitiert sie die Mieter in ihren obersten Stock und nimmt sie in einer schräg ovalen Tischordnung gefangen. Genüsslich umkreist sie ihre Opfer, demütigt alle und lässt nur für den „Künstler“ Wurm eine Ahnung von Sympathie erkennen – um dann alle ohne Ausnahme stilecht mit vergiftetem Obstler zu ermorden. Lea Schmocker gibt diese zynische „Möchtegern-Aristokratin“ in schrecklich biederem Kostüm mit menschenverachtend despotischer Manier – eine Paraderolle!

Und was sagt uns das Ganze? Die zwischen 1. Und 2. Akt eingespielten Videoszenen, in denen Passanten zu den Schlüsselbegriffen des Stücks befragt wurden, zeigen: der Versuch, mit Sprache

Umzugehen, gebiert auch im Alltag lächerliche Monster – wenn auch nicht in der Schwab’schen Radikalität.

Mich erinnern die Sprachgewalt der „Volksvernichtung“ und die Gliederung in die drei Stationen Keller, Erd-, Obergeschoß an das Barockdrama. Schwab und Becker lassen dem barocken Erlösungsgedanken aber keine Chance: Die Hölle ist überall!

„Radikalkomödie“? Der Inszenierung gelingt bei aller Situationskomik, dass das Lachen im Halse steckenbleibt, die überbordende Phantasie Marc Beckers rutscht nicht in Klamauk ab – eine bei aller Aggressivität des Stückes sehr wohltuende Erfahrung für comedy-geplagte Zeitgenossen.

Marc Becker führt sein Ensemble zu Extremleistungen: die irr-witzige Sprache Schwabs findet ihre Entsprechung in der Körpersprache der Akteure, Becker setzt sie für sein schreckliches Panoptikum zielsicher ein. Die Umsetzung der hohen Künstlichkeit der Sprache und ihrer faschistoid-banalen Inhalte erfordert größte Präzision und die behutsam – motivierende Führung der Schauspielerinnen und Schauspieler. Marc Becker und seinem Regieassistenten André Studt, der für die Textfassung sorgte, ist dies in einer grandiosen Inszenierung gelungen.

Thomas Hagen spielt die Figur des von der Mutter klein gehaltenen, geknechteten, hinkenden Radikal-Künstlers mit gnadenloser Intensität. Die Zuschauer sind einem ständigen Wechselbad von Mitleid und Abscheu ausgesetzt. Hagen ist die Kreatur, die an ihrer Bedeutungslosigkeit, an Bigotterie und Provinz (an „Graz-Kunst“ eben) leidet – aber nicht still und ergeben, sondern rebellisch, die Mutter und sich selbst quälend. Unvergeßlich die Szenen masochistischer Körperpflege, das Zähneputzen zu dröhnendem Hard-Rock, die Ausgangspunkt oder Produktion seiner Kunst wird. Der „Graz-Künstler“ fetzt seine Bilder mit Blut und Zahnbürste hin, er malt nicht mit Herzblut und Pinsel und auch der Verlust eines Fingers hält ihn von seiner berserkerhaften Kunst nicht ab.

Der Hermann Wurm Thomas Hagen, dessen Mutter „es begrüßen täte, wenn die Welt ein Loch freigeben würde, in das du dich hinunterlassen könntest“ wehrt sich in tiefsitzendem, treffendem Hass: er quält sie mit abstrusen Berichten über ein angebliches Papstattentat in Afrika. Dabei „wandelt“ er die von der Mutter unablässig vertilgte Nahrung. Oblaten nämlich, in die Versinnbildlichung der Papstmörder: aus den „Hostien“ werden die Lippen von Negern.

Geschmacklos? Nein – provokativ! Ausdrucks eines Zukurzgekommenen, der die Mutter verletzen will und kann – und der krampfhaft und ungerecht (wo erfährt er Gerechtigkeit?) nach Kreaturen sucht, die in seinem Umfeld noch verachteter sind.

Thomas Hagen ruft damit Abscheu hervor – er schickt sich nicht in die Rolle, die dem krüppeligen Kellerbewohner zugedacht ist. Er spielt den Wurm nicht mehr – er scheint ihn zu leben. Und doch bleibt sein Spiel/Leben nicht unreflektiert. Bei aller Selbstentäußerung, bei aller Peinlichkeit auch für den Zuschauer bleibt Thomas Hagen der Herr seiner Rolle – eine Idealbesetzung und eine hervorragende schauspielerische Leistung.

„Der Theaterpreis kann auch Leistungen aus früheren Spielzeiten würdigen“ – und dies möchte die Jury im Falle der diesjährigen Preisträger ausdrücklich tun:

Marc Becker ist dem Erlanger Publikum nun über drei Spielzeiten als höchst kreativer, junger Regisseur und Autor bekannt und zeigte sehr differenzierte künstlerische Ansätze.

Als Regisseur von „Jazzcafé“ erhielt er mit dem „Theater der geringfügigen Kultiviertheit“ 1998 den Preis des „Podiums frei Szene“. Regiearbeiten in Zusammenarbeit mit André Studt in Garage und Markgrafentheater schlossen sich an und riefen beim jungen und auch beim gesetzten Publikum Begeisterung hervor: die Garagenproduktionen „Bier&Sex&Bier“, „US .Amok“ und „My Name is Peggy“ sind Bilder der Befindlichkeit und Behauptung des modernen Menschen zwischen Gegenwelt und Anpassung. Ganz anders das große Barocktheater im Markgrafentheater mit Tirso de Molinas „Don Gil von den grünen Hosen“. Marc Becker überzeugte auch hier und zauberte mit großartigen Bildern und hervorragend geführten Schauspielerinnen und Schauspielern eine komödiantische Glanzleistung auf die Bühne.

Thomas Hagen ist vor allem der Schauspieler der leisen, hoch konzentrierten Figuren. Unter vielen anderen, unterschiedlichen Rollen ist sein Ronald Akkerman unvergessen: Zynisch und verzweifelt spielte er den an Aids sterbenden in seiner Auseinandersetzung mit dem Leben. Auch William in „Messer in Hennen“ hat keinen Platz unter den ihn umgebenden Menschen – hier ist es die leise Resignation des Unpassenden, die Thomas Hagen sehr zurückgenommen spielt.

Ob im Kammerspiel oder im großen Ensemble: bei Thomas Hagen erleben wir große Souveränität im Umgang mit Sprache und Körper, sein Spiel zeigt eindringliche und im Gedächtnis bleibende Personen.

Meine Damen und Herren, es ist auch die Beobachtung der künstlerischen Entwicklung der heutigen Preisträger und des gesamten Ensembles, die Theater in Erlangen so faszinierend und zu einem zentralen Ort im kulturellen Leben macht. Unser Dank gilt allen, die vor und hinter den Kulissen das enorme Pensum der vergangenen Spielzeit mit ihren Festivals und der Unterstützung freier Theaterarbeit so hervorragend erfüllten und ohne die unsere Stadt so viel ärmer wäre.

Lassen Sie mich mit Hartmut Henne schließen: „Das Theater lebt, weil es ein wesentlicher, zauberhafter Teil menschlichen Lebens ist und weil es unserem Spieltrieb, unserem Exhibitionismus, unserer Bekehrungsleidenschaft entspricht. In seiner sinnlichen, sprachlichen, geistigen Fülle unerreicht, ist das Theater in seiner unmittelbaren, direkt von Mensch zu Mensch gehenden Wirkung durch kein anderes Medium zu ersetzen“.

Wir wünschen dem Ensemble für die neue Spielzeit, die unter menschlich schwierigsten Bedingungen beginnt, das Interesse des Publikums und den verdienten Erfolg.

Für die Jury: Ursula Lanig
03.10.2001