Erlanger Theaterpreis 2001/02

Gerd Budschigk

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2002 an Gerd Budschigk während der Bayerischen Theatertage 2002

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theater Erlangen,

Zweifellos ist die Produktion des Theater KaNoma – „No Woman, No Cry“ – der Publikumsrenner, Kassenschlager und Kultstück dieser Spielzeit. Wieviel Spaß hatten wir mit den 3 brillianten Akteuren, Winni Wittkopp, Stefan Nast-Kolb und Stefan Kügel. Es gab Perlen zu sehen, wie das Melodram für Sprechstimme und Klavier „Enoch Arden“, oder Maya Fankes „Der eingebildete Kranke“, bunt und umstritten. UND Ein faszinierendes und mit viel Applaus belohntes Theater war ganz zweifellos AUCH die symbolhafte Groteske „Mein Kampf“ von Tabori. Barbara Seifert eine perfekte Verwandlungskünstlerin.

Der Theaterpreis des Fördervereins Theater Erlangen wird für eine „herausragende künstlerische Theaterleistung“ verliehen und kann auch „Leistungen aus früheren Spielzeiten würdigen“. Die Jury, bestehend aus 9 Mitgliedern, hat sich nach ausführlicher Diskussion einstimmig festgelegt: Der Preis des Fördervereins 2002, der mit 2500 Euro dotiert ist, geht an Gerd Budschigk für seine Lichtregie an unserem Theater!

„Das Licht ist für die Bühne, was der Bogen für die Violine, die Feder für das Papier ist“ sagt der Regisseur und Theatertheoretiker Edward Craig.

Licht ist für uns alle existentiell. Neben seinen biologischen Wirkeigenschaften zeigt es unsere Umgebung ständig anders und bietet damit eine Menge von optischen Eindrücken, die unsere Wahrnehmung emotional beeinflussen. Licht begleitet uns Tag und Nacht, es lässt uns leben. Auch die Farbe des Lichts ist für unseren Organismus von großer Bedeutung. Farben motivieren, beleben oder beunruhigen. Sie signalisieren Gefahr oder Entwarnung und steuern unser Unterbewusstsein.

Die Aufgabe eines Lichtgestalters ist es, eine augenblicksbezogene Atmosphäre mit den technischen Mitteln künstlicher Lichtgestaltung auf die Bühne zu bannen. Bühnenbeleuchter ist ein Beruf, der Lichtgestalter ist ein Künstler! Zum Beispiel „Zauberer von Oz“ oder „Don Gil von den grünen Hosen“ sind Inszenierungen, die den Zuschauer reich beschenken an Licht und Farbe, wenn der Künstler verschwenderisch aus seinem Lichttopf schöpft. Budschigks Licht könnte süchtig machen!

Wie wir auf der Suche sind nach immer neuen, so nie geschauten Bildern z.B. in der Fotografie, so findet und erfindet ein Lichtgestalter immer neu. Licht im Theater macht aufmerksam auf das gesprochene Wort. Man sagt, dass man einen leise sprechenden Schauspieler, der schlecht beleuchtet ist, nicht hört. Die Aufmerksamkeit funktioniert oft primär über das Auge und erst dann über das Ohr. Unbestreitbar gibt es einen engen Zusammenhang zwischen diesen beiden Sinneswahrnehmungen. In Budschigks Lichtinszenierungen werden alle Schauspieler gehört!

Erinnern wir uns an die Szene in „Dantons Tod“, die am linken Bühnenrand spielte, als Camille, Danton, Phillippeau, Lacroix und Hèrault sich in der Nacht vor der Hinrichtung ein letztes Mal treffen. Budschigk hat die Beleuchtung der Personen auf ein Minimum reduziert. Das Licht- und Schattenspiel, das so auf den Gesichtern und Körpern entstand, machte immer nur Gesichts- und Körperhälften sichtbar. Waren doch die Verurteilten schon nur noch zur Hälfte auf dieser Welt….

Auch die gezielte Reduktion des Lichts macht einen Meister der Beleuchtungskunst aus, nicht nur das Schwelgen in Licht und Farbe. Jean Cocteau, der schon im Markgrafentheater zu Gast war und seine Spuren hinterlassen hat, sagte dazu: „Die Summe aller Scheinwerfer darf nie größer sein als das Licht, welches von den Herzen der Akteure ausstrahlt“. In vielen Inszenierungen hat Budschigk gezeigt, dass er seine unbändige Lust an der Beleuchtung zu Gunsten der Inszenierung zurücknehmen und so die künstlerische Idee des Regisseurs unterstützen kann. Seine Lichtfantasien stellt er in den Dienst der Regie. Das für den Zuschauer zunächst unauffällige Lichtkonzept von „Familiengeschichten. Belgrad“ in der vorletzten Spielzeit hat dies gezeigt. Budschigk ist hier eine gnadenlos gleichmäßige Ausleuchtung der Garage gelungen, die die atmosphärische Kälte des Bürgerkriegs durch eine Operationssaal-ähnliche Sterilität der Bühne aufdeckte.

Gerd Budschigks Lichtgestaltung charakterisiert die Freude, die er an seiner Arbeit hat. Für ihn gibt es keine Routine im kreativen Prozess, keine Konzepte aus der Schublade. Er erfindet sein Theaterlicht immer wieder neu. Dabei nimmt er eine Kindertheater-Produktion im Oberen Foyer genauso ernst, wie ein Gastengengagement an der Staatsoper in Oslo. Mit unserem Preis ehren wir die künstlerische Leistung Gerd Budschigks am Theater Erlangen, doch wir wissen zu schätzen, dass mit ihm ein Künstler für uns arbeitet, der auch überregional und international Anerkennung findet.

Vor drei Jahren kam im Rahmen des Internationalen Figurentheater Festivals der Regie-Star Achim Freyer mit einer Werkschau nach Erlangen. Hier lernte er Budschigk kennen und schätzen. Damit begann nicht nur eine enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Künstlern sondern für Budschigk auch eine neue, internationale Karriere. Er gastiert neben seinem Engagement in Erlangen seitdem ein- bis zweimal im Jahr mit Achim Freyer zusammen. Trotzdem ist er bisher dem kleinen Erlanger Theater treu geblieben.

Herr Budschigk, dafür danken wir Ihnen und bitten Sie nun, aus dem Schatten heraus zu treten, in das von Ihnen geschaffene Licht auf dieser Bühne.

Für die Jury: Angelika Wenzel
15. Juni 2002