Erlanger Theaterpreis 2003

Macbeth

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2003

Sehr geehrte Damen und Herren, immer geschätzte und manchmal bewunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters Erlangen, liebe Theaterfreunde.

Der Theaterpreis des Fördervereins wird heuer zum neunten Mal verliehen. Initiiert wurde er anlässlich der Bayerischen Theatertage im Jahr 1994. Damals betrug die Preissumme DM 1000.00. Das heutige Preisgeld entspricht also einer Inflationsrate von 500%. Nach dem „Statut für den Theaterpreis des Fördervereins Theater Erlangen“, wie es offiziell heißt, wird der Theaterpreis für eine „herausragende künstlerische Leistung auf den Gebieten Schauspiel, Bühnenbild, Dramaturgie oder Regie“ verliehen, was weiter oder enger gefasst werden kann: Wir können eine herausragende Inszenierung, eine besonders eindrucksvolle schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles oder die einzelner, oder auch einzelne Komponenten von Aufführungen preisen, wie im letzten Jahr die Lichtregie. Auf jeden Fall ist dafür eine Jury aus 9 Personen zuständig, die darüber befinden muss, im Idealfall ein einstimmiges Urteil fällen sollte. Diese Jury hat heuer am 1.Juli getagt. Zur Wahl standen nicht weniger als 10 Inszenierungen der Spielzeit 2002/2003. Einige davon erschienen allen durchaus preiswürdig, etwa die Inszenierungen des Kindertheaters, „Der Zwerg Nase“, Premiere am 7.12.2002 und „Jeda, der Schneemann“, Premiere am 9.3.2003. Jedes Jury-Mitglied hatte alle Aufführungen gesehen und sich so ihre oder seine Gedanken darüber gemacht. Auch die Theaterangehörigen selber machen sich natürlich immer so ihre Gedanken, die nie laut ausgesprochen werden. „S oder M“ lautete in dieser Saison die unter vorgehaltener Hand geäußerte Frage, habe ich gehört, wobei mit „S“ nicht „Sado“ und mit „M“ auch nicht „Maso“ gemeint war, sondern „Salome“ oder „Macbeth“, zwei in der Tat durchaus preiswürdige Inszenierungen.

Um die Gedanken, die sich die einzelnen Jurymitglieder gemacht haben, möglichst direkt und unbeeinflusst von der Meinung der anderen Jury-Mitglieder zu bekommen, verzichtete der Jury-Vorsitzende zunächst auf einen Gedankenaustausch, teilte Zettel aus und bat um einen oder mehrere schriftliche Vorschläge. Der Rücklauf der Zettel machte deutlich, dass die diesjährige Sitzung recht kurz sein würde, denn auf nahezu allen Zetteln stand an erster oder alleiniger Position dasselbe Wort:

Macbeth

Mit ihrem „M“-Tip lagen die erfahrenen Theaterleute also ganz richtig. Der Theaterpreis des Fördervereins in Höhe von 2500.- € geht in diesem Jahr also an die Inszenierung von Shakespeares Macbeth, eine Aufführung, die am 17.April in der Garage Premiere hatte. Eine besonders große Überraschung ist das spätestens seit gestern nicht mehr, denn die Erlanger Nachrichten zeigten im Zusammenhang mit der heutigen Preisverleihung ja schon ein Szenenfoto aus der Macbeth-Aufführung.

Den Schauspielern hat es sichtlich Spaß gemacht, den Zuschauern auch. Aber trotz vieler dazwischengestreuter Gags war das Ganze nicht nur Klamauk, das war weder von der Regie intendiert, noch wurde es so von den Zuschauern empfunden, sondern die ganze Absurdität einer nicht mehr zu beherrschenden, sich weitgehend unkontrolliert und vor allem ungebremst fortsetzenden Mordmaschinerie wurde drastisch erlebbar. In der Verfremdung des Puppentheaters wirkte diese Mordmaschinerie überzeugender als durch direkte Darstellung auf der Bühne, die angesichts fortgesetzter Grausamkeiten ganz leicht unfreiwillig komisch werden kann, nahezu das Schlimmste, was einer Aufführung passieren kann. Der Macbeth Shakespeares ist das einzige Drama, bei dem der Dichter auf komische Elemente verzichtet hat. Auch deshalb war es wohl hier möglich, das Ganze homogen in ein anderes Genre zu transponieren. In Marc Beckers Inszenierung wird Shakespeares blutrünstiges Drama zum Puppentheater, und mit dieser verfremdeten Oberfläche eher offen für Parallelisierungen als eine direkte Schilderung lange vergangener Greueltaten des schottischen Hochadels auf der Bühne, obgleich natürlich auch Shakespeare seine Tragödie mitnichten als einfaches historisches Abbild konzipiert hat.

Die Aufführung blieb nicht beim üblichen Gut-Böse-Mechanismus des Kasperletheaters, sondern die differenzierte Sinnlosigkeit wurde, man kann das so sehen, und Teile der Kritik haben dies hervorgehoben, in ihrer erschreckenden Parallelität zu den Kriegsereignissen im mittleren Osten deutlich. Wie im Shakespeareschen Stück warten auch dort auf den gestürzten blutrünstigen Diktator schon seine fundamentalistischen Nachfolger, die womöglich noch schlimmer werden könnten.

Mindestens vier Aspekte muss man wohl zur Untermauerung der Entscheidung der Jury besonders herausheben:

  1. Da ist einmal die Regie von Marc Becker, den Shakespeares Tragödie, wie er sagte, schon seit Jahren beschäftigte. Er hat die Shakespearsche Vorlage in der Tieckschen Übersetzung gründlich überarbeitet, d.h. auf 90 Minuten gekürzt, vor allem viele Monologe gestrichen, weil, wie er ganz richtig meinte, vieles in den Monologen beschrieben wird, was man auch visuell darstellen kann. Und dann musste er die personalintensive Vorlage für ganze 5 Schauspieler und für die kleine Garagentheater-Bühne tauglich machen. Ursprünglich wollte er die Inszenierung für das Markgrafentheater gestalten. Aber Johannes Blum überredete ihn dann dazu, es doch mal mit der Garage zu versuchen, vielleicht käme ja dabei was ganz Neues heraus. Recht hat er gehabt. Geradezu genial war dann Beckers Idee, das Raum- und Personalproblem dadurch zu lösen, dass er das Ganze als Puppenspiel konzipierte. In der Gestalt der 3 Hexen kamen zwar auch echte Puppen auf die Bühne, aber ansonsten gerierten sich die Schauspieler als Puppen.
  2. Damit dies gelang, führte der Nürnberger Puppenspieler Tristan Vogt die Schauspieler sehr überzeugend in die Körperlichkeit von Puppen ein. Marionettenhaft, wie an Fäden gezogen, bewegten sie sich grell geschminkt mit abgehackten Bewegungen durch das Spiel, sie wackelten herein und hinaus, hielten Requisiten in starren Händen, oder klappten steif über die Brüstung, ganz so als seien sie wirklich aus Pappmaché.
  3. Die Schauspieler, Inge Schilling als Lady Macbeth, Stefan Drücke als Macbeth, Denis Larisch als Banquo, Alexander Stamm als Malcolm und Winfried Wittkopp als Duncan (um jetzt nur ihre Hauptrollen zu nennen) agierten souverain und brillant und schafften es, dass Shakespeares letzte, blutigste Tragödie spannend und unterhaltsam in ihrer ganzen Absurdidät dem Publikum vermittelt wurde.
  4. Die Schauspieler, Inge Schilling als Lady Macbeth, Stefan Drücke als Macbeth, Denis Larisch als Banquo, Alexander Stamm als Malcolm und Winfried Wittkopp als Duncan (um jetzt nur ihre Hauptrollen zu nennen) agierten souverain und brillant und schafften es, dass Shakespeares letzte, blutigste Tragödie spannend und unterhaltsam in ihrer ganzen Absurdidät dem Publikum vermittelt wurde.

Auf der mit dem Preis verliehenen Urkunde werden also insgesamt 8 Namen stehen:

Marc Becker, Stefan Drücke, Peter Engel, Denis Larisch, Inge Schilling, Alexander Stamm, Tristan Vogt und Winfried Wittkopp, jetzt in alphabetischer Reihenfolge. Aber natürlich bekommt jeder der Genannten seine eigene Urkunde. Wir haben schon auch überlegt, ob man den Kreis der zu Ehrenden nicht noch weiter ausdehnen sollte, auf die Beleuchtung, die Masken, auf alles, was so hinter der Bühne noch dazugehört. Aber dann ist einmal eine Grenze zu finden fast nicht mehr möglich, zum anderen  würde dann die Preissumme für den Einzelnen so klein, dass es fast eine Zumutung wäre, sie anzunehmen. Wir haben es also bei den 8 Genannten belassen. Der Scheck in Höhe von € 2500.- ist summarisch auf „Marc Becker und Schauspieler“ ausgestellt, ich werde ihn stellvertretend Winfried Wittkopp überreichen, denn Marc Becker kann heute leider nicht hier sein und auch Inge Schilling, die einzige Frau im Team, die ich sonst aus Gründen der Galanterie auf die Bühne gebeten hätte, ist nicht da. Aber Winfried Wittkopp besitzt auch herausragende Merkmale, wobei die äußerlichsten die am wenigsten wichtigen sind, er ist der Älteste und der letzte im Alphabet, aber, und das ist viel wichtiger, er ist auch ein für das Theater Erlangen unverzichtbares Universalgenie. Für jeden der 8 bleibt ein kleines Sümmchen, genau 625.- Mark in alter Währung, das klingt dann etwas bedeutender.

Zur Entgegennahme des Schecks bitte ich also jetzt Winfried Wittkopp auf die Bühne,  und zur Entgegennahme des Theaterpreises 2002/2003 des Fördervereins mit ihm Stefan Drücke, Peter Engel, Denis Larisch, Alexander Stamm und Tristan Vogt.

Für die Jury: Bernd Naumann