Erlanger Theaterpreis 2003/04

Christian von Treskow

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2004 an Christian von Treskow am Tag des offenen Theaters zu 30 Jahre Theater Erlangen und 30 Jahre Förderverein Theater Erlangen e.V.

Wie alle Jahre wieder ging es für die neunköpfige Jury auch in diesem Jahr um die „herausragende künstlerische Leistung des eigenproduzierenden Theaters“. Viele Vorschläge und Argumente wurden ausgetauscht, in der Zuspitzung wurde dann aber doch eine relativ rasche Übereinstimmung erzielt. Bei zehn größeren und kleineren Inszenierungen wurde das Für und Wider erwogen. Acht Namen kamen ins Gespräch. Am Ende einigte sich die Jury auf einen Namen, der sich mit fünf Inszenierungen verbinden lässt. Und jetzt werden es einige unter Ihnen vielleicht schon ahnen. Ich habe leider keinen Briefumschlag, um die Sache spannender zu machen. Also, der Gewinner ist der Regisseur Christian von Treskow.

Christian von Treskow, so befand die Jury, verleihe jedem Text, jedem Stück und jeder Inszenierung eine eigene Sprache und Spielweise, in welchen gleichwohl immer seine persönliche Stimme deutlich werde. Mit den Textfassungen und Neuübersetzungen, die er für seine Stücke wählt, trifft er einen Nerv der Zeit. Er verstehe es, die Schauspieler mit präzisen Rollenporträts zu einem Ensemble aus einem Guss zu vereinen, die jeweiligen Stärken zu steigern, und die Schwächen zurückzudrängen. Bild, Sprache, Bewegung und Musik seien in seinen Inszenierungen zu einer Einheit verbunden, die Mut zum Experiment ebenso wie einen ausgeprägten Stilwillen in seinem choreografischen Gestus zum Ausdruck bringe. Unterstützt wird er dabei nicht zuletzt von seinem Ausstatter Jürgen Lier, der bei vier Inszenierungen mitwirkte.

Die Beziehungsgeschichte zwischen dem heute 35-jährigen Berliner Ernst-Busch-Absolvent von Treskow und dem Theater Erlangen begann bereits 2002 mit Oskar Wildes Einakter „Salome“. Das „Hohe Lied“ von Macht und Begierde in der Nachdichtung des Wiener Sprachkünstlers Gerhard Rühm machte Treskow, unter anderem mithilfe der „Biomechanik“ genannten Bewegungstechnik des russischen Theaterrevolutionärs Wsewolod Meyerhold, zu einem Gesamtkunstwerk, sehr aktuell nicht zuletzt im Zeichen von Camp, dem in Amerika definierten Fin-de-Siecle-Stil unseres, des 20. Jahrhunderts. Die Beziehung setzte sich 2003 fort mit „Floh im Ohr“ des französischen Comedy-Exzentrikers Georges Feydeau in der Neuübersetzung der Österreicherin Elfriede Jelinek. Der Engländer Wilde und der Franzose Feydeau sind beinahe Generationsgenossen. Von der Fin de Siecle-Stimmung des 19. Jahrhunderts, welche die Zeit in einem Galopp auf den Abgrund zurasen sah, waren beide geprägt. Mit überdrehter Artistik, einem aufwendigen Bühnenapparat und genauester Kalkulation der szenischen Abläufe brachte Treskow die Komödie der Getriebenen auf die Bühne des Markgrafentheaters.

Bert Brecht, der Deutsche im Bunde der europäischen Dramatiker, die Treskow für Erlangen inszenierte, hatte seinen Lebensmittelpunkt später, doch gewählt wurde eines seiner frühesten und selten gespielten Stücke. „Im Dickicht der Städte“ von 1923/24 ragt in seinem sprachlichen Manierismus aus Brechts Gesamtwerk heraus. Der Abgrund, den die „Fin-de-Siecler“ noch fürchteten, war nun nach dem Ersten Weltkrieg und mit dem Höhepunkt der Inflation da. Die Zuckungen des Spätkapitalismus, die in diesem Stück über die Unmöglichkeit menschlicher Kommunikation  zur Sprache kommen, übersetzte Treskow in Kampfszenen von extremem Formalismus. Er inszenierte diesen Brecht quasi im Kontrast zur leeren Fülle der Feydeau-Komödie in der Leere der geräumten ´Bühne. Die Darsteller agierten in maschinen- und staubgrauen Kostümen unter knapp 400 Neonröhren. „Eine furiose Inszenierung,“ war in der Presse zu lesen.

Die Handschrift des Regisseurs, die in dieser dramatischen Trias zum Ausdruck kam, bestätigte sich in zwei Gastspielen beziehungsweise Koproduktionen, welche die Jury in ihre Entscheidung miteinbezog. In einer Neueinstudierung für Erlangen sah man im Frühjahr dieses Jahres „die nibelungen ˑ melodram“, das Treskow 2002 bereits für das Wiener Theater der Jugend inszeniert hatte. Zwischen Blankvers und Jargon hat der mit Erlangen vielfach verbundene Autor Marc Pommerening das altdeutsche Epos um Macht und Sex aktualisiert. Treskows Bewegung- und Sprachchoreografik bindet sich hier eng an die dynamische Life-Musik. Diese Dramen-Version vom Untergang des lengendären Germanenstamms transportiert zugleich die eigene Rezeptionsgeschichte insbesondere durch die nationalen und nationalistischen Strömungen des 19. Und 20. Jahrhunderts. Treskow hatte das Stück souverän zwischen Karikatur und Tragödie positioniert.

„Wir im Finale. Ein deutsches Requiem“ von Marc Becker in der Produktion des Theaterhauses Jena war u.a. für die Mülheimer Theatertage nominiert. Den Erlangern wurde es während der Fußballweltmeisterschaft zur Endspielzeit im Juni diesen Jahres serviert. Wohl den Erlangern! Sie konnten sich im Markgrafentheater vergnügen, während die Nation in den Stadien und vor den Bildschirmen eher verzagte. Die Fußball-Tribünen-Collage zwischen Gesellschaftssatire und Politik meisterte Treskow 90 Minuten lang „ohne Tor, ohne Ball, ohne Trikots“ und machte sie mit Assoziationen zur griechischen Tragödie zu einer kleinen Sternstunde des Theaters. „Ein großer Wurf!“ befand die Kritik. Und die Jury wurde in ihrem Votum noch nachträglich bestätigt durch die alljährlich mit Spannung erwartete Kritikerumfrage der Zeitschrift §Theater heute“: Christian von Treskow wird mit „Wir im Finale“ zweimal als bester Nachwuchskünstler genannt. „Ich sage nur ein Wort: herzlichen Dank!“ wird der Fußballspieler Horst Hrubesch im Programmheft zitiert. Dem hat die Jury nichts hinzuzufügen.

Für die Jury: Lisa Puyplat
Sonntag, 26. September 2004 im Markgrafentheater