Festrede 30 Jahre Theater Erlangen und 30 Jahre Förderverein

Festrede anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Theater Erlangen und des 30jährigen Jubiläums des Fördervereins Theater Erlangen
30 Jahre Theater, meine Damen und Herren, sind auch 30 Jahre Förderverein, sind 10 Jahre Theaterpreis.
Vor 30 Jahren allerdings hieß der Verein noch „Garagenverein“, und ebenso wie das Theater in der Garage war der Verein jung, verrückt, kreativ, bohèmehaft und chaotisch. Theater und Kneipe, Kunst und Bier gingen eine enge, am Ende allzu enge Verbindung ein.
Wie das Theater ist er erwachsen geworden – allzu erwachsen vielleicht-, seriös – allzu zu seriös vielleicht-, etabliert – aber immer noch mit zu wenig Mitgliedern – und akzeptiert, aber hoffentlich doch noch ein bisschen engagierter und aufmüpfiger als andere Vereine… Aus der Garagen-Kneipe ist das Theatercafé geworden, nicht nur Vereinslokal und Theaterkantine, sondern unter Habib Bektas der beliebteste Kulturtreff Erlangens. Unser Dank gilt ihm und seiner Familie, die das Theatercafé zu dem gemacht haben, was es heute ist: die schönste Verbindung zwischen Kunst und Kneipe!
Nie hat sich der Förderverein als Selbstzweck verstanden, sondern als Unterstützer und Beschützer des Theaters, und die Identifizierung mit dem Theater war immer so groß, dass er sich meist im Gleichschritt mit ihm in seinen Zielen, Ansprüchen und Stilformen weiter entwickelt hat. Vor 10 Jahren, als die bayerischen Theatertage zum 1. Mal und erfolgreich in Erlangen durchgeführt wurden, war das ein sichtbarer Meilenstein in dieser Entwicklung:
Das Theater wurde überregional -und dann tatsächlich auch in Erlangen- wahrgenommen, plötzlich sogar von den Erlanger Nachrichten unterstützt und bekam schließlich einen Preis für Hänsels Inszenierung der „Antigone“. Der Förderverein durfte auf der Schlussveranstaltung im Zelt auf dem Schlossplatz zum 1. Mal seinen Theaterpreis verleihen, und der damalige Rektor der Universität hielt die Laudatio auf den Autor der „Schattengeburten“, Magnus Reitschuster…
Darauf hat dann auch unser damaliger Oberbürgermeister, Herr Dr. Hahlweg,- etwas zögerlich zwar wegen der Proteste eines anderen, allzu ehrwürdigen Vereins-, aber dann doch mutig die Laudatio auf den Darsteller des „Erlanger Babys“, Oswald Gayer, verlesen. Einige Jahre später, bei der Wiedereröffnung des Markgrafentheaters, war alles schon unkomplizierter, die Preisverleihung des Fördervereins selbstverständlich geworden. Wie Sie wissen, hat auch in diesem Jahr das Erlanger Theater einen Preis der Bayerischen Theatertage in Regensburg bekommen – und zwar für die Produktion „Macbeth“ von Marc Becker, die der Förderverein schon im letzten Jahr mit seinem Theaterpreis ausgezeichnet hatte.
Erinnern Sie sich, wie wir hier im Oktober, am Tag des Offenen Theaters, den Preis verliehen haben, nachdem am Vormittag in der Garage eine öffentliche Probe der „Wölfe“ mit Diskussion stattgefunden hatte? Wir dachten, damit die Kritiker des Projektes beruhigt zu haben, aber danach ging es ja erst richtig los… Wie meist in den 30 Jahren läuft der Förderverein zu Hochform auf, wenn’s brennt – das heißt wenn die Existenz des Theaters, die Freiheit der Kunst oder seine moralische Integrität bedroht ist. Die Organisation der Podiumsdiskussion um die „Wölfe“ und die professionelle Hilfe bei der Ausstellung waren solche Beispiele seiner Unterstützung. Dafür und ebenso für die heutige Ausstellung gilt unser besonderer Dank unseren Vorstandsmitgliedern Bodo Birk und Manfred Fischer, ohne sie wären diese Veranstaltungen nicht möglich geworden!
Ich will jetzt hier zu dieser Feierstunde nicht auf die „Wölfe“-Geschichte eingehen oder gar rechthaberisch nachtarocken . Nur eine Sache möchte ich ansprechen, weil Sie von prinzipieller Bedeutung für die Theaterarbeit ist:
Einige politisch korrekte, allzu korrekte Gegner erklärten den Begriff „Ambivalenz“ zum Unwort und meinten, angesichts der Naziverbrechen verbiete sich die Beschäftigung mit ambivalenten Haltungen oder Personen. Das ist natürlich für unsere Generation, die Kinder der Täter-Generation, die ein Leben lang mit solchen Ambivalenzen leben mussten und ihre Eltern nicht einfach in schwarz und weiß, gut und böse einteilen konnten, eine absurde Forderung, die von einem erstaunlichen Realitätsverlust zeugt.
Die Wahrheit, die Menschen und ihre Haltungen sind immer voller Widersprüche gewesen, nur die meisten Menschen halten das schlecht aus. „Realismus heißt, Widersprüche aushalten“, sagt der junge Regisseur Stefan Nübling. Wer aber die Ambivalenzen, deren uraltes Symbol der Januskopf ist, wer die Ambivalenzen leugnet, begeht nicht nur eine realitätsferne Simplifizierung aller Gefahren, sondern betreibt eine fahrlässige Verharmlosung. Wie sonst können wir auf der Hut sein vor der Verführungskraft des Bösen , den Tarnungen des Verbrechens, wenn wir nicht seine verschiedenen Gesichter wahrnehmen wollen?
Und wer wäre besser geeignet, die „Banalität des Bösen“ offen zu legen, die tabuisierten Abgründe auszuleuchten oder die Verführungskraft des Irrationalismus darzustellen als das Theater? Das Theater tut dies nicht erst seit Shakespeare und nicht nur bis Brecht, sondern schon immer und immer wieder auf der Suche nach Wahrheit. Das ist nicht nur das Interessante und Faszinierende, sondern auch das Aufklärerische an ihm.
Mit großen, allzu großen Aufregungen also fing die letzte Spielzeit an und bot darauf so viel Vielfalt wie noch nie und in mehreren Produktionen eine künstlerisches Niveau wie schon lange nicht mehr. „Vom Skandal zum Theaterpreis“ haben wir diese Spielzeit betitelt, und wir hoffen, dass die Bayerischen Theatertage im nächsten Jahr bei ihrem Preis wieder unserem Votum folgen werden!
Für den Förderverein: Lisl Brune
Sonntag, 26.09.2004
