Erlanger Theaterpreis 2004/05
Marc Pommerening

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2005 an Marc Pommerening
Ein Stück und sein Autor, Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner, Lichtgestalter, Inszenierungen und schließlich auch ein ganzes Ensemble waren unter den Gekrönten des Preises, den der Förderverein des Theater Erlangen seit 1994 vergibt, und der mit 2.500 Euro dotiert ist.
Die Jury, die bei ihren Sitzungen Meinungen, Vorschläge und Argumente austauscht, ist meistens relativ rasch zur Übereinstimmung gekommen. So auch diesmal wieder. Die neun Jury-Mitglieder tagten im Juli. Dreizehn Inszenierungen mit ihren Protagonisten waren im Gespräch. Gesucht wurde die „herausragende künstlerische Leistung des eigenproduzierenden Theaters“. Wir wurden fündig bei einem jungen Theater-Künstler, der mit Text- und Regie-Arbeiten gleichermaßen auf sich aufmerksam gemacht hat. Der Preis geht diesmal an Marc Pommerening.
Bei unserer Sitzung im Juli dachten wir noch nicht daran, dass der heutige Tag der Preisvergabe auch ein politischer Tag ist und zwar auf verschiedenen Ebenen: In ganz Deutschland wird der Tag der deutschen Einheit gefeiert, und im Theater Erlangen einen ganzen Tag lang Friedrich Schiller zu seinem 200. Geburtstag. Schiller gilt als der deutsche politische Dramatiker par excellence.
In diesem Rahmen den Preis an einen jungen Dramatiker vergeben zu können, in dessen Werk das Politische eine herausragende Rolle spielt, freut uns nun natürlich ganz besonders. Marc Pommerening, der 1970 in Flensburg geboren wurde, studierte von 1994 bis 2000 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Von 2000 bis 2003 arbeitete er als freier Autor vorwiegend für das Theater der Jugend in Wien, dessen Intendant, Reinhard Urbach, auch langjähriger Leiter der Dramaturgie des Wiener Burgtheaters und wichtiger Förderer von Marc Pommerening, übrigens heute hier und unter uns ist.
Für das Theater Erlangen wirkte Marc Pommerening mit Theater-Arbeiten unterschiedlicher Art. Gleich mit seiner ersten Inszenierung brachte er Erlangens Theater in die bundesweiten Schlagzeilen: Regie führte er beim U-Boot- Drama „Die Wölfe“ von Hans Rehberg in der Spielzeit 2003. In der Spielzeit 2004 folgte die Regie bei der ebenso bundesweit beachteten Uraufführung der „Tartarenschlacht“ des bis zu seinem Tod 2003 unbeirrt „stalinistischen“ Dichters Peter Hacks.
Marc Pommerening ist Autor des Emigrantenstücks „Schlaflos in Casablanca“, das 2003 für die Glockenlichtspiele inszeniert wurde, von ihm stammt außerdem die Text-Bearbeitung der „Nibelungen“, die als Koproduktion mit dem Wiener Theater der Jugend 2004 in Erlangen aufgeführt wurde, der Text von „Johnnys Jihad“, das als Auftragsproduktion für das Kunstfest Weimar 2004 in Koproduktion mit dem Theater Erlangen im gleichen Jahr auch hier zu sehen war, schließlich die textliche Bearbeitung von Alfred Kantorowicz „Erlangen“. Es war 1929 geschrieben worden unter dem Eindruck des Antisemitismus in Deutschland. Sven Kleine hatte es im Internet entdeckt, 2005 ging es als Uraufführung über die Bühne des Markgrafentheaters.
Besonders bemerkenswert ist Marc Pommerenings Gespür für politisch brisante Stoffe und neu zu entdeckende und umstrittene Autoren der jüngeren Vergangenheit. Über „Die Wölfe“ ist viel geschrieben und diskutiert worden. Deshalb hier und heute nur so viel: In Erinnerung bleibt von Marc Pommerenings Inszenierung nicht zuletzt die Herausarbeitung der Zerrissenheit des Menschen im Spiel von Macht, Blut-und-Boden-Ideologie und daraus resultierender Verblendung.
Peter Hacks 1996 unter dem Eindruck der Wende geschriebene „Tartarenschlacht“ ist fern von Deutschland und dem Macht-Poker der Wende-Zeit in Russlands Weiten und Geschichte angesiedelt. Doch wie ein Spiegel legt sich die Theater-Fiktion über die Gegenwarts-Fakten in der Erkenntnis der Fragilität von politischen Bündnissen, der verbreiteten Mediokrität der Machthaber und der Trivialität von Zufall und Chemie, die im Machtspiel eine wohl häufig unterschätzte Rolle spielen.
Marc Pommerenings Regie-Arbeiten sind auch als Spurensuche zu sehen. Sie stellen Fragen danach, was Politik ausmacht, was Macht bedeutet, wie sich der Mensch mit ihr verändert. Und da Theater immer auch Teamarbeit ist, sei dabei stellvertretend für andere im Team die Funktion des Dramaturgen Sven Kleine als intensiver Mit-Fährtensucher erwähnt. Tief in die Geschichte, aber gleichzeitig in die politische Gegenwart dringt Marc Pommerening unter diesen Fragestellungen auch mit seinen Texten und Stückbearbeitungen.
„Die Nibelungen“, der Deutschen Nationalepos aus dem hohen Mittelalter, glaubt man ausgespielt, doch immer wieder zeigen gerade junge Dramatiker, wie viel Gegenwart in der Erzählung dieses traumatischen Rachefeldzuges eines Volkes steckt. Zu einer unterhaltsamen und intelligenten Persiflage mit dem Subtext seiner Rezeptionsgeschichte im Jargon der Gegenwart schrieb Marc Pommerening diesen blutrünstigen Stoff um. Und wenn er seinen Hagen, Schiller zitierend, sagen lässt: „Der Mohr tut seine Schuldigkeit und ich soll gehen? – Wer Abschied nimmt entscheidet sich,“ so schwingen viele theater-reife Sätze aus dem Polittheater der Gegenwart mit, das wir derzeit ja in nuce erleben können, wie zuletzt etwa „Vor 20 Jahren habe ich die Freiheit gegen die Macht getauscht, jetzt tausche ich die Macht gegen die Freiheit.“
In „Johnnys Jihad“ schließlich transponierte Marc Pommerening die authentische Geschichte eines jungen Amerikaners, verloren im Clash der Kulturen und Religionen, im Wirbelsturm von Fanatismus und Terrorismus, mit Blankversen und antikem Chor in die Überzeitlichkeit. Es wird in dem Stück Gericht gehalten über einen, der im Namen Gottes auszog, die Welt zu retten, und der zurückgeholt wurde von seinem Land, das sich –siehe oben – auf blindem Rachefeldzug befindet, und dessen einstiger Außenminister diesen Feldzug in einer heute von ihm als „Schandfleck“ bezeichneten Rede vor dem UNO-Sicherheitsrat mit scheinbaren Beweisen rechtfertigte. Pommerening lässt den zynischen CIA-Agenten Thyson sagen: „Sie haben selber Schuld, die Toten. Die Toten haben immer selber Schuld. Wer lebt hat Recht.“
Marc Pommerenings Theater-Arbeit für Erlangen zeigt in unterschiedlichen Formen und von unterschiedlichen Ansatzpunkten her, wie sich Geschichte wiederholt. Sie konterkariert Erwartungshaltungen, indem sie Gegenwart archaisiert, Geschichte in Gegenwart transponiert, die Tragödie zum Satyrspiel umschreibt. Bei alldem spiegelt sie die Gefahren der Veränderungen, die Macht und Ideologie, Anpassung und Opportunismus im Menschen bewirken. Sie trägt dazu bei, den Standpunkt eigener Selbstgewissheit zu hinterfragen und vermeintliche Sicherheiten als brüchig zu sehen. Auch wenn man der Meinung ist, dass Kunst die Politik nicht verändern kann. Auf der Suche nach ihren Möglichkeiten aber landet man am Ende wieder bei Schiller und seiner Idee davon: “Die wahre Kunst aber,“ schreibt er, „ hat es nicht bloß auf ein vorübergehendes Spiel abgesehen; es ist ihr ernst damit, den Menschen nicht bloß in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, sondern ihn wirklich in der Tat frei zu machen.“ Ich hoffe, dass Marc Pommerening damit, wenigstens für heute, einverstanden ist.
Für die Jury: Lisa Puyplat
03. Oktober 2005
