Erlanger Theaterpreis 2005/06

Denis Larisch

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Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2006 an Denis Larisch

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Theaterfreunde!

Im Jahre 1975 habe ich mich mit meiner kleinen Familie in der Nähe von Erlangen niedergelassen. Ich war damals mittleren Alters, und ich konnte mir nicht träumen lassen, dass ich dereinst festrednerische Worte für einen Menschen finden würde, der erst zwei Jahr später, nämlich 1977, das Licht der Welt erblickte.

Der Theaterpreis des Fördervereins wird seit 1994 jährlich vergeben, „für herausragende künstlerische Leistungen auf den Gebieten Schauspiel, Bühnenbild, Dramaturgie oder Regie“, wie es in unserer Satzung heißt. Nur einmal wurde der Preis in dieser Zeit nicht vergeben, weil sich die neunköpfige Jury nicht auf einen Preisträger einigen konnte. Anfangs betrug die Preissumme 1.000 DM, also nach neuer Rechnung 500 €. Inzwischen beträgt sie 2.500 €, die Steigerung beträgt also 500 %. – Meist einigen sich die Mitglieder der Jury relativ schnell und meist auch einstimmig. Das war auch diesmal wieder der Fall. Der Preis der Spielzeit 2005/06 geht nach dem einstimmigen Votum der Jury an den am 1. Mai 1977 in Leipzig geborenen Schauspieler Denis Larisch.

Das wissen Sie diesmal schon aus der Zeitung, und das will ich gerne begründen. Ich muss dazu aber etwas ausholen. Johann Christoph Adelung, Zeitgenosse von Schiller und Kant definierte in seinem großen „Wörterbuch des Deutschen“ Schauspieler noch so: „Eine Person, welche die Schauspielkunst ausübet“, das ginge ja noch, obgleich nicht besonders erhellend, aber dann fährt er fort: „Ein anständiger Ausdruck für das niedrigere ´Komödiant´ und ´Komödiantinn´.“ Besonders hoch schätzte Adelung den Beruf des Schauspielers also offenbar nicht. Ein bisschen davon hat sich aber bis heute erhalten, eine Spur vom „lustigen Völkchen“, etwas eher Leichtlebiges, Unkonventionelles, Gauklerhaftes, Liederlich-Geniales. – Adelungs Charakterisierung war eher eine gefühlte Beschreibung als eine wissenschaftliche Definition. Ganz anders geht da ein modernes Lexikon vor, etwa das Deutsche Universalwörterbuch des Duden: Ein Schauspieler ist danach „Jemand, der nach entsprechender Ausbildung bestimmte Rollen auf der Bühne oder im Film künstlerisch gestaltet.“ – Das passt eher zu Denis Larisch und auch zu den Anforderungen unserer Satzung. Denis Larisch hat an der Hochschule für Musik und Theater in seiner Geburtsstadt Leipzig die Schauspielkunst studiert. Und weil zum Beruf des Schauspielers nicht nur Wissen über Schauspielkunst gehört, sondern vor allem die Praxis des Schauspielens, hat er dies während seines Studiums am Deutschen Nationaltheater in Weimar erlernt. Es folgten Engagements an kleineren Bühnen, wo er aber auch schon Titelrollen spielte, etwa Hamlet oder Woyzeck. Von der Spielzeit 2002/03 bis zur gerade abgelaufenen Spielzeit 2005/2006 gehörte Denis Larisch zum Ensemble unseres Theaters Erlangen.

Sucht man heute nach Informationen über irgendjemanden oder irgendetwas, wendet man sich erfahrungsgemäß an Google. Gibt man hier Denis Larisch als Suchbegriff ein, erhält man 16.900 Einträge in immerhin 36 Sekunden. Aber da sind auch viele einfach zu Denis oder nur zu Larisch dabei. Man muss also richtig bei Google nachfragen. d.h. man muss „Denis Larisch“ eingeben! Da erhält man weit weniger, aber immerhin auch noch 172 Einträge, und das ist bemerkenswert, alle beziehen sich auf unseren Denis Larisch. Auch auf die Homepage unseres Erlanger Theaters wird verwiesen. Daraus zitiere ich jetzt: „ Er bezauberte nicht nur das kleine Publikum mit seinem Solo Jeda der Schneemann. Außerdem war er als Narraboth in Salome zu sehen,  verblüffte in Schlaflos in Casablanca und Floh im Ohr. Alle Fans haben sich sicherlich auch wegen Denis Larisch auf die Wiederaufnahme von Macbeth – es lebe der König gefreut. In der Saison 2003/04 konnte er in allen seinen Rollen begeistern, sei es als Heiko Griff in Die Wölfe, Gigi Fremdenführer in Momo, oder George Garga in der beeindruckenden Inszenierung von Im Dickicht der Städte.“ – Hübsch ist in diesem aufs Äußerste verknappten Text die für jeden Deutschlehrer vorbildliche Variation der Verben: er bezauberte, er war zu sehen, er verblüffte, Fans haben sich gefreut, er konnte begeistern. – Leider reicht diese Homepage für Denis Larisch nur bis zur Spielzeit 2003/04. Aber natürlich spielte er auch in den folgenden beiden Spielzeiten. Etwa in der Spielzeit 2004/05 in Heldenhaft, in Romeo und Julia, in Reigen und in  Tatarenschlacht. In der gerade vergangenen Spielzeit den Klaus im Haus zur Sonne, oder den Heiko in Jung und unschuldig oderden Nikolaj Iwanowitsch Trilezkij in der Inszenierung von Anton Tschechows Platonov, meines Erachtens eine der besten Inszenierungen unseres Theaters in der abgelaufenen Spielzeit.

Ich hatte Frau Planert, unsere Geschäftsführerin gebeten, mir ein paar Zeitungsbesprechungen von Stücken zu faxen, in denen Denis Larisch vorkam. Sie rief an, um zu sagen, dass sie das lieber per Post täte. Als der Umschlag kam, wusste ich auch warum: 94 DinA4 Blätter von insgesamt 22 Stücken aus den vergangenen 4 Spielzeiten waren drin, ein kleines Buch, beeindruckend für einen Menschen von Mitte zwanzig! Ich kann daraus nur skizzenhaft ein paar Beispiele zitieren: Von „grandios choreographierten tänzerischen Einlagen“ war da die Rede (Brecht: Im Dickicht der Städte),  als Romeo in Romeo und Julia führte Denis Larisch „eine bravouröse Studie seiner schauspielerischen Bandbreite vor, in der Sprache und Körpersprache, Stimme, Mimik und Gestik zu einem Staunen machenden schauspielerischen Gesamtgestus zusammenfließen“, oder: „Denis Larisch skizziert den Nikolaj grandios als zynischen Durchblicker, der Platonov längst durchschaut hat“ (im gleichnamigen Stück), in Haus zur Sonne bewundert Katarina Tank Denis Larischs „widerborstige Individualität“ und Andreas Radlmaier „eine Reife Schauspielerleistung“. In Christian von Treskows Inszenierung Der Floh im Ohr macht Denis Larisch „eine Sprachstörung zum urkomischen Kabinettstückchen.“  – Ich halte ein.

Für Denis Larisch ist die barocke Erkenntnis  Dasein heißt eine Rolle spielen in besonderer Weise Wirklichkeit. Er spielt viele Rollen und er spielt sie überzeugend und mit großem Einsatz. Wenn man ihn auf der Bühne erlebt, hat man nicht den Eindruck, dass er „schauspielert“, also so tut als ob, sondern dass er jedesmal das ist, was er spielt. Das haben auch alle Mitglieder der Jury übereinstimmend so empfunden. Ein Rollenwechsel – und Denis Larisch hat, wie wir gesehen haben, viele verschiedene Rollen gespielt – bedeutet also jedesmal einen Wechsel der Identität. Was das an Lebenskraft kostet, können Außenstehende natürlich kaum abschätzen.

Am 2. Oktober 2004, also vor fast genau vor zwei Jahren, hatte Eugene O´Neills Stück: Eines langen Tages Reise in die Nacht, Premiere am Erlanger Theater. Denis Larisch spielte in dem deprimierenden Vierpersonenstück den schwindsüchtigen Seemann Edmund, den Sohn des versoffenen und nur auf sein Talent bezogen mäßigen Schauspielers Tyrone. Im 4. und letzten Akt blabbert der Vater nach vielen Flaschen Whiskey tränenselige Erinnerungen aus seinem Leben. Darauf antwortet Edmund im O`Neillschen Text: „Du hast mir gerade ein paar Höhepunkte aus deinem Leben erzählt. Soll ich jetzt ein paar zum Besten geben? Sie haben alle mit dem Meer zu tun. Aufgepasst!“ und dann folgen etwa 20 Textzeilen, die so enden: „Immer wieder habe ich diese Erfahrung gemacht, wenn ich weit hinaus aufs Meer geschwommen war oder allein am Strand lag. Ich wurde zur Sonne, zum glühenden Sand, zum grünen Tang, der sich, am Fels verankert, mit den Gezeiten wiegt. Wie die Vision eines Heiligen von der Glückseligkeit. Als hätte eine unsichtbare Hand den Schleier vor den Dingen weggezogen. Für einen Augenblick sieht man klar – man sieht das Geheimnis und man ist es. Für einen Augenblick erkennt man den Sinn. Aber dann läßt die Hand den Schleier wieder fallen, und man ist im Nebel verloren, und man stolpert weiter, irgendwohin, ohne zu wissen warum.“  Darauf sein Vater Tyrone: „Ja, du hast wirklich das Zeug zu einem Dichter!“ – Und diese Bemerkung hat Denis Larisch alias Edmund so stark animiert, dass er buchstäblich in seine Rolle des Seemanns hineinschlüpfte und zum Dichter wurde, wie im Stück: Er zieht zwei Blätter aus der Brusttasche seines Jacketts und liest vor: „Könnt ihr euch erinnern, damals als das Fleisch so seltsam saftig und die Luft, in der wir sprangen, so einzig eigenblumig schien; die Gleise auf dem Schotter unendlich uns führten und noch nach draußen den Gewittern und gewaltig geführten Stunden schmeckten; …..  alles, was wir dachten und taten uns endlich und unendlich schien und nur ins Meer führen konnte, ins Meer, das niemals, wir wussten es, versiegen, niemals aufhören würde, Wellen zu schlagen, niemals seine Stimme verlieren würde, niemals das gleiche sein würde, das von ständiger Veränderung berauscht von uns in ihm berichten und allem in uns unterliegen würde? Also bestiegen wir die Meere…..“ es geht noch ein paar Minuten mit der poetischen Schilderung von Meeresabenteuern weiter. Irgendwann ist das erste Blatt fertig gelesen, Larisch wirft es auf den Bühnenboden und fährt mit dem zweiten fort. Der Schlusssatz lautet: „Jetzt wird es an uns sein, ob endlich wir die Tiefe erkunden werden, oder dem rettenden Anker selbst versinkend entgegen sehen.“ Dann wirft der Dichter Larisch auch das zweite Blatt weg und wird wieder zum Schauspieler Larisch, der weiter den O´Neill-Text spricht wie es seiner Rolle als Edmund zukommt.

Denis Larisch hat mir versichert, das er diesen Text selber geschrieben hat. Insofern ist es auch nur plausibel, dass er ihn aus der Tasche zieht und vorliest, damit man sieht, dass jetzt etwas kommt, das nicht von O´Neill ist. Das ist phänomenal, denn damit empfindet er sich nicht nur wieder mal einer anderen Rolle an, sondern dem Dichter selber, dessen etwas schwülstigen und blumigen Stil der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts er sich anverwandelt. Hätte er nicht den Text aus der Tasche gezogen und vorgelesen, sondern auswendig rezitiert, keiner hätte etwas gemerkt. Er hat mir auch erzählt, dass er in späteren Vorstellungen seinen eigenen Text in der Tat auch gelernt hat, so dass keiner mehr merkte, dass Larisch und O´Neill eins geworden waren.

„Wie Denis Larisch zwischen Ernst und Galgenhumor, gespielter Nonchalance und tiefster Depression schwankt und dabei eine sich von sich selbst und seiner Familie distanzierende, ironisch gebrochene Sprachgeste findet, läuft auf die großartige Darstellung einer psychischen und physischen Selbstzerstörung hinaus“ schrieb Friedrich Bröder über die Rolle von Denis Larisch als Edmund in Eines langen Tages Reise in die Nacht.

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Denkt man an Friedrich Schiller – und wer am Theater denkt nicht dauernd an Schiller? – ist die Schauspielerei eine ungesunde Tätigkeit: „Schon der nachgemachte Effekt macht den Schauspieler augenblicklich krank“, hatte Schiller behauptet. Auch sei der nicht ganz bei Sinnen, wenn er sich auf die Bühne begebe: „Der Schauspieler befindet sich einigermaßen im Fall eines Nachtwandlers.“

Wir können nur hoffen, dass er doch nicht recht hatte, als er meinte, dass dieser ständige Identitätswechsel und diese Identifizierung mit ganz unterschiedlichen Rollen nicht nur am Ende, sondern „augenblicklich“  krank macht. Und dann kommt in diesem Fall ja auch noch der Identitätswechsel mit einem Dichter dazu!!! Wir können Denis Larisch nur wünschen, dass er das ständige Schlüpfen in andere Rollen auch auf Dauer unbeschadet durchhält. Zunächst wünschen wir ihm alles Gute für sein neues Engagement am Theater in Oldenburg. Und hier und heute beglückwünschen wir ihn zum diesjährigen Theaterpreis Erlangen. Herr Larisch, ich darf Sie auf die Bühne bitten, auf der Sie viel, viel besser zu Hause sind als ich.

Für die Jury: Bernd Naumann
01.Oktober 2006 im Markgrafentheater