Erlanger Theaterpreis 2006/07
Jürgen Lier

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2007 an den Bühnenbildner Jürgen Lier
Das Theater beherbergt viele Künste, und dementsprechend geht auch der Theaterpreis des Fördervereins im Laufe der letzten 13 Jahre an ganz unterschiedliche Künstler: Nach dem Regisseur Christian von Treskow vor drei Jahren erhielt ihn ein Vertreter der schreibenden Kunst, der Autor und Dramaturg Marc Pommerening und im vorigen Jahr ein darstellender Künstler, der Schauspieler Denis Larisch.
In diesem Jahr hat die Jury einen Vertreter der Bildenden Kunst ausgewählt. Es ist der Bühnenbildner Jürgen Lier!
Der gebürtige Bochumer Jürgen Lier studierte als ausgebildeter Schreinergeselle Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Nach Assistenzen am Theater Ulm und an der Schaubühne Berlin arbeitet er als freischaffender Bühnenbildner in ganz Deutschland. Unser Preisträger hat im Theater Erlangen seit der Spielzeit 2002/03 als Bühnenbildner Raum geschaffen für insgesamt 10 Inszenierungen unterschiedlicher Regisseure und zwar: „Salomé“, „Floh im Ohr“, „Die Wölfe“, „Im Dickicht der Städte“, „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, den Koproduktionen „Jonny`s Jihad“ und „Die Nibelungen“, dem Stück „Erlangen“, dem Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ und dem Musiktheater „Onyx Hotel“.
Was ist die Aufgabe eines Bühnenbildners, und worin besteht seine Kunst? Aufbauend auf dem Bühnenhandwerk – Sichtlinien, Perspektiven, Proportionen, Beleuchtungsmöglichkeiten, funktionierende technische Abläufe etc. – hat sich der heutige Bühnenbildner längst entfernt vom Kunsthandwerk des Kulissenmalers und Raumdekorateurs früherer Zeiten. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen eine illusionistische Nachahmung von Wirklichkeit in einer möglichst perfekten Darstellung von Ort und Zeit auf die Bühne gebracht wurde.
Bei vielen Zuschauern allerdings besteht immer noch die Sehnsucht nach einem realistischen Genrebild, einer fertig durchgestalteten Schau des Spielortes mit schönen Kostümen und üppiger Ausstattung. Auf der anderen Seite ist aber auch mancher aufgeschlossene, phantasiebegabte Zuschauer mittlerweile der schwarzen, leeren Bühnenflächen überdrüssig und wünscht sich statt extremer Reduktion wenigstens einige Anhaltspunkte für Assoziationen und Vorstellungskraft.
Zwischen diesen Extremen geht Jürgen Lier keinen Mittelweg. Auch er setzt auf Reduktion und die Kunst des Weglassens als Herausforderung an die Imaginationskraft des Publikums. Aber er gibt Hinweise, er bietet dem Auge und der Phantasie Nahrung ohne zu kulinarisch zu werden.
Ich glaube, es ist eine Frage der Methode: Er seziert und analysiert die darzustellende Wirklichkeit und Zeit und setzt aus den so gewonnenen Fragmenten, Versatzstücken, Symbolen oder ausgesuchten Zeichen eine Abstraktion von Wirklichkeit, eine Kunstwelt zusammen – wie bei einem kubistischen Bild, nur dass sich hier jeder Zuschauer aus den Zeichen und seinen individuellen Assoziationen und Erfahrungen sein eigenes Bild im Kopf zusammensetzen kann. Vielleicht wirken deshalb seine Bühnenbilder nicht künstlich, sondern natürlich und seltsam vertraut, von heutiger Zeit und zugleich zeitlos, zum Teil unabhängig von den Kostümen der Figuren und manchmal in stilistischem Einklang mit ihnen.
Sehen Sie das Bühnenbild von den „Wölfen“: Ein Volksempfänger, Klappstühle und eine Kommode, schräg versinkend im Sand, von innen beleuchtet die beklemmende Enge und magische Atmosphäre des U-Boots sinnlich erfahrbar machend und zugleich mit dem unsicher gewellten Sandboden eine Metapher für das Schwanken und Straucheln der Protagonisten, deren Selbstverständnis ins Wanken geraten ist und die vom Volksempfänger eingetrichterten Wahrheiten ver-rückt erscheinen.
Der Bühnenbildner spiegelt damit den Seelenzustand der Figuren, er bebildert nicht die äußere Situation, er zeigt die innere. „Kunst zeigt, was man nicht sieht“ war das Motto einer Ausstellung in der Städtischen Galerie. Dies gilt auch für Jürgen Liers Bühnenbilder.
„Die Wölfe“ war die einzige Inszenierung in der Garage, die Jürgen Lier gestaltet hat, alle anderen spielten im Markgrafentheater, eine noch größere Herausforderung an den Bühnenbildner. Man könnte auf jedes der 10 Bühnenbilder eine eigene Laudatio halten. Wir müssen uns hier darauf beschränken, einige Merkmale der Arbeit unseres Preisträgers anhand weniger Beispiele herauszustellen.
Licht-, Ton- und Raumgestaltung werden vom Publikum oft nur unbewusst wahrgenommen und von der Kritik selten gewürdigt. Was dem Zuschauer bei Jürgen Liers Bühnenbildern jedoch auffällt, ist die intensive Einbeziehung des Lichtes. Es wird nicht nur fokussierend oder atmosphärisch beschreibend eingesetzt, sondern wird als eingeplantes Element des Raumes wirksam und macht die Bühne zu einem magischen Ort, in dem die Figuren von Licht und Farbe umgeben zu schweben scheinen. Das Licht als integraler Teil der Rauminstallation entwickelt eigene Ausdruckskraft und Bedeutung.
Auch die extensive Ausnutzung des Raumes und die trickreiche Verwandelbarkeit des Bühnenbildes kann als Merkmal Jürgen Liers gesehen werden. Bei ihm wirkt der relativ kleine Bühnenraum des Markgrafentheaters grösser als er ist und erzeugt ein Gefühl der Weite für Raum und Phantasie. Er geht in den Keller wie Johannes in der Grube bei „Salomé“, von dem wir leider kein Bild haben, – oder er baut zuerst sachlich karge Einbauwände auf wie bei „Floh im Ohr“, gleichsam als Folie, vor der die aufgetakelten Schauspieler in ihrer Komik besonders plastisch hervortreten. Im nächsten Akt dann reißt er die strengen Wände auf und legt die schlüpfrigen Hintergründe frei – jedoch nicht in einem plüschigen Ambiente, sondern nur in rosa Licht getaucht in gleicher kühler Ästhetik, vor der die schrill kostümierten Figuren noch grotesker wirken.
Er schafft durch diese Zurückhaltung Raum für die Entfaltungskraft und Wirkung der Schauspieler. Gleichzeitig kreiert er ästhetische Spielfelder für eine eindrückliche Choreografierung von Bewegungsabläufen wie sie Christian v. Treskow mit der Meyerholdschen Biomechanik u.a. in „Salomé“ und im „Dickicht der Städte“ zeigt.
Und er geht die Wände hoch wie bei dem Musiktheaterstück „Erlangen“. Der Chor der Erlanger, der in dieser Inszenierung von Christian von Treskow viele Funktionen des antiken Chores im griechischen Drama erfüllt, ist über dem hörsaalartigen oder gerichtssaalartigen Raum aufgestellt wie auf einer Balkonreihe im Theater oder wie auf einer Zuschauertribüne im Gericht oder Parlament oder wie ein Kirchenchor auf der Empore – bei jedem spielen sich bewusst oder unbewusst eigene Assoziationen und Projektionen ab, und in jedem Kopf entsteht eine andere Wahrnehmung.
Die Vieldeutigkeit seiner Bilder und die Erweiterung der Dimensionen des Bühnenraumes verleihen auch der Interpretation, dem Verständnis des Stückes weitere Dimensionen. Trotz dieser Merkmale kann man nicht behaupten, es gäbe einen einheitlichen, wiedererkennbaren Stil in seinen Bühnenbildern. Er hat keine typische Zeichen- und Formensprache, keinen bestimmten Farbkanon oder Vorlieben für Materialien oder Raumaufteilungen – und dafür sind wir ihm dankbar!
Seine Bühnenbilder sind immer anders und laufen keinen Trends oder Moderichtungen, die es ja auch im Theater gibt, hinterher. Jürgen Lier entwickelt für jedes Stück und jedes Regiekonzept seine eigenen, angemessenen Ausdrucksformen. Für das „Dickicht der Städte“ z.B. baute er eine Glaswand, hinter der die Figuren wie im Museum als Exemplare ausgestellt werden – eine Verfremdung ganz im Sinne des brechtschen Epischen Theaters, das kein distanzloses Eintauchen in die Fiktion erlaubt, sondern den Zuschauer immer wieder auf seine betrachtende Existenz zurückwirft. Hier wie in fast allen Produktionen erweist sich unser Preisträger als Mit-Gestalter, Mit-Regisseur einer Inszenierung, der die Konzepte mitdenkt, die Konstellationen dafür schafft und dabei oft im Bühnenbild selbst Sinnfälligkeit , neue Dimensionen der Deutung erzeugt.
Das funktioniert natürlich nur in enger Zusammenarbeit, im Austausch und Einverständnis mit der Regie, man kann ruhig sagen: in Kongenialität mit Christian von Treskow, mit dem er inzwischen schon 20 Produktionen gestaltet hat.
Aber er kann auch mit anderen! Sehen wir uns die letzte Spielzeit an:
Zwei grundverschiedene Projekte: ein Märchen – Kinderstück und die Uraufführung eines zeitgenössischen Musiktheaters. Zwei Gattungen von Stücken, zwei verschiedene Zielgruppen des Publikums, zwei verschiedene Regisseure und zwei grundverschiedene Arten von Bühnenbildern. Für das Märchen eine „kindgemäße“ Bühne, aber weitab von Kitsch und Kunterbuntheit, ein Zauber von Formen, Farben, Licht und Schatten. Bilder voller Poesie und Humor und von einer ästhetischen Qualität, wie man sie sich bei Kinder-Produktionen nur erträumen kann.
In „Onyx Hotel“ dagegen schafft er surrealistische (Alb-)Traumbilder in beklemmender Atmosphäre, die vom Innenleben der Figuren erzählen und z.B. zusammen mit der Wasser-Musik und dem Auftritt der absurden Figur des Mannes mit Flossen und der Taucherbrille eine suggestiv sinnliche Wirkung auf den Zuschauer entfalten. Das Publikum sieht durch einen schräg horizontalen Querschnitt auf drei gleiche Hotelzimmer, in denen synchron drei Schicksale abgehandelt werden – eine Synopse der Tristesse und der Komik, in der polyphon nacheinander, parallel oder sich kreuzend und ineinandergreifend wie bei den Stimmen einer Fuge die Themen verarbeitet werden.
Die Erfindungsgabe des Bühnenbildners macht diese Konstellationen möglich. Musik, Text, Regie, Schauspiel und Bühnenbild verstärken sich gegenseitig und werden zu einem Gesamtkunstwerk.
Dem Text und dem Regiekonzept dienen,
den Schauspielern Spiel-Raum geben,
dem Zuschauer den Hintergrund zum Verstehen erhellen
und zugleich eine eigene Ästhetik zu behaupten,
das ist das Kunststück von Jürgen Lier und wir gratulieren ihm dazu!
Für die Jury: Lisl Brune
23.09.2007
