Erlanger Theaterpreis 2007/08
Sonja Hilpert

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2008 an Sonja Hilpert für ihre langjährigen, herausragenden künstlerischen Leistungen als Leiterin und Regisseurin des Jugendspielclubs am Theater Erlangen – jet*-klub
Das Leben ist kein Ponyhof. Auch – oder besser: schon gleich gar nicht das Leben von Jugendlichen. Und Theater ist Arbeit. Natürlich Arbeit, die im besten Fall den Beteiligten Spaß machen soll. Aber, wenn am Ende ein vorzeigbares künstlerisches Ergebnis stehen soll, dann fließen auf dem Weg dorthin auch Blut, Schweiß und Tränen. Auch wenn es „nur“ Jugendliche sind. Und nur, wenn am Ende ein ernsthaftes künstlerisches Ereignis steht, kann der Weg auch ein Ziel gewesen sein. Denn, wenn es sich um einen künstlerischen Prozess handelt, muss man wissen, wohin der Weg führen soll, auch wenn sich zwischendrin die Richtungen immer wieder ändern. Am Ende des Probenprozesses des Erlanger Jugendspielclubs „jet*-klub“ stehen immer Theaterereignisse. Und dafür zeichnet der Förderverein des Theater Erlangen heute die Leiterin und Regisseurin des „jet*-klubs“, Sonja Hilpert, mit seinem Theaterpreis 2007/2008 aus.
Im Jahr 2000 kam Sonja Hilpert als Theaterpädagogin ans Theater Erlangen. Im Jahr 2002 entstand die erste Inszenierung mit Schülern und Studenten: „Plusquamperfekt“ im inzwischen abgerissenen alten Postgebäude erarbeite Sonja Hilpert zusammen mit André Studt. Aus dieser Produktion heraus entstand der „jet*-klub“ – so benannt und gefördert von ihrem Nachfolger als Theaterpädagogen am Theater Erlangen, Kai Schmidt. Sonja Hilpert erarbeitet seitdem als freie Theaterpädagogin und Regisseurin mit dem jet*-klub, dem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 24 Jahren in wechselnden Konstellationen angehören, ein bis zwei Mal im Jahr eine neue Inszenierung.
Die erste offizielle „jet*-klub“-Produktion war „Sitz“, bei der die Jugendlichen allein mit Hilfe von verschiedenen Stühlen und Musik, Szenen und Geschichten entwickelten und dabei ein hohes Maß an Kreativität und Musikalität, aber auch großes Vertrauen in die entwickelten Geschichten an den Tag legten.
Die folgende Produktion „Taumel“ basierte auf der Idee, die Comic-Figuren der Peanuts zehn Jahre älter aufeinander treffen zu lassen. Diesmal arbeitete Sonja Hilpert mit den Schauspielerinnen und Schauspielern an den Szenenfolgen und Figurenkonstellationen, die den Comic-Strips entnommen wurden. Diese Arbeitsweise gab den jet*-klub-Mitgliedern Gelegenheit, Einblick in Figurenentwicklung und Dramaturgie eines Theaterstücks zu nehmen. Das Ergebnis hatte „es in sich“, wie die Erlanger Nachrichten schrieben.
„Pigmentstörung“ hatte 2005 Premiere. Diesmal war die Vorgabe keine Geschichte, sondern einen Raum, den der Bühnenbildner Mikel Klein – übrigens regelmäßiger künstlerischer Partner von Sonja Hilpert und sozusagen „Mitglied“ des „jet*-klubs“ – entworfen hatte. Stark Körper-orientierte Arbeit und Experimente aus dem Bereich des Objekttheaters prägten eine beeindruckende Inszenierung voller Farben und Bilder, ein „Loblied auf die Individualität“, um noch einmal die Erlanger Nachrichten zu zitieren. Spätestens mit „Pigmentstörung“ wurde deutlich, dass die Ambitionen des „jet*-klubs“ mit konventionellen Schultheaterklischees nichts zu tun haben. Die Inszenierungen wurden von nun an auch stärker vom ganz normalen Theaterpublikum wahrgenommen.
Es folgte 2006 ein „ebenso eindrucksvoller wie drastischer, Woyzeck’“ (F. J. Bröder im Fränkischen Tag), der wieder in Zusammenarbeit mit André Studt und dem Erlanger Institut für Theater- und Medienwissenschaft entstand. Dieser Woyzeck, zitternd, müde und chancenlos dargestellt vom Schauspieler Thomas Karl Hagen, stand einem Chor in weiße Arztkittel gekleideter jugendlicher Darsteller, Schülern und Studenten gegenüber, der ihn in die Katastrophe treibt.
„Hallo wie geht’s“, so wurde der Besucher der „Mogelpackung“ 2007 am Eingang des Theater begrüßt. Die unverfänglichste aller Fragen, die unehrliche Antworten geradezu provoziert. Und um Ehrlichkeit ging es in dieser Inszenierung. Um die Oberflächlichkeit im glitzernden Spiegellabyrinth und um die Sehnsucht nach echter Wahrhaftigkeit. Das selbst entwickelte Stück berührte den Zuschauer durch seine inhaltliche Authentizität, unterstrichen von einer dazu perfekt entwickelten, den Kenntnissen und Fähigkeiten des jet*-klubs entsprechende Form. Das Ergebnis war ein Theaterabend, der so im Profi-Betrieb vielleicht gar nicht möglich wäre.
Es folgte das Experiment „Auf Dich!“. Eine Grillparty im Hinterhof des Markgrafentheaters, bei dem die Darstellerinnen und Darsteller quasi „unsichtbar“ zwischen den Zuschauern agierten. Aus einer lauschigen Party und vermeintlichem Spaß wird plötzlich bitterer Ernst. Die Geschichten brechen sich Bahn. Eine große Leistung, was Mut und Selbstbeherrschung der „jet*-klub“-Mitglieder anbelangt. Verunsichert waren nur die Besucher.
Im Jahr des großen Hamlet-Erfolgs des Theater Erlangen, traute sich der „jet*-klub“ an seine Version des klassischen Stoffs. „Mein Hamlet“ 2007 brauchte den Vergleich mit der „großen“ Inszenierung hinsichtlich seiner Originalität und Zeitgemäßheit aber nicht zu scheuen. So nah kann man Klassikern kommen: Elena Kaufmann, „jet*-klub“-Schauspielerin, schrieb dazu in den Erlanger Nachrichten: „Seit September haben wir daran gearbeitet, einen Mix aus alten Texten und unserer Sprache, dem alten Stoff und aktuellem Alltag hinzukriegen. Am Ende waren wir so in Shakespeares Text drin und so begeistert, dass wir gebremst werden mussten, um das Publikum nicht völlig zuzutexten.“
Die letzte Produktion des „jet*-klubs“ hieß „Kein Wunschkonzert“ und versammelte junge und ältere Menschen auf der Garagen-Bühne. Ein öffentlicher Aufruf brachte den Erfolg, der nicht zuletzt auch der Projektleiterin und derzeitigen Theaterpädagogin des Theater Erlangen, Angela Löer, zu verdanken ist. Sechs junge Menschen zwischen 18 und 20 Jahren sowie vier Akteure über 70 Jahre berichteten über verschiedene Abschnitte ihres Lebens, oder wie Sonja Hilpert es gegenüber den Erlanger Nachrichten formulierte: „Das Stück soll mit seiner kaleidoskopartigen Dramaturgie die Dramaturgie des Lebens abbilden, mit seinen unzähligen Einflüssen und Unwegsamkeiten.
Im Juli wurde „Kein Wunschkonzert“ übrigens zum Treffen der Bayerischen Jugendspielclubs in die Münchener Kammerspiele eingeladen. Der vorläufige Höhepunkt einer bemerkenswerten Entwicklung am Theater Erlangen.
Theater kann magisch sein. Es kann mit ganz einfachen Mitteln große Gefühle erzeugen. Egal ob es sich um Theater mit professionellen Schauspielern oder um Theater mit Laien handelt. Natürlich geht es in der Arbeit von Sonja Hilpert nicht allein um das Ergebnis. Sonja Hilpert versteht ihre Theaterarbeit als eine Form der sinnlichen Bildung und der spielerischen Förderung der Persönlichkeit. Theater soll den jugendlichen Darstellern helfen, eigene Sichtweisen auf das Leben zu finden, ihnen helfen, die Fähigkeit zu entwickeln, sich einzufühlen, sich auszuprobieren und sich auszudrücken. Ihren theaterpädagogischen Ansatz beschreibt sie mit dem Begriff „Theater der Erfahrung“. Dabei werden selbst erlebte Erfahrungen thematisiert, das Spiel greift immer wieder auf das ganz persönliche Repertoire authentischer Gefühle der Mitwirkenden zurück. Die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler werden dadurch mit ihren Geschichten ernst genommen und lernen – was fast noch entscheidender ist – sich selbst ernst zu nehmen, in dem was sie tun und was sie sind. Und das vermittelt sich dem Zuschauer.
Und weil sich die Reise der Darsteller am Ende auf so eindrucksvolle Weise dem Zuschauer vermittelt, weil die Authentizität – um das Schlüsselwort am Ende noch einmal zu bemühen – niemals peinlich ist, weil die Darsteller niemals schutzlos ausgeliefert sind, da die Szene formal gefasst ist, und weil Sonja Hilpert eben nicht nur eine sehr gute Pädagogin, sondern auch eine ausgezeichnete Regisseurin ist, würdigt der Förderverein des Theater Erlangen nicht einen pädagogischen Ansatz, sondern einen im höchsten Maße künstlerischen Prozess. Dass die Beteiligten dabei auch Professionalität im besten Sinne entwickeln, zeigt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass inzwischen einige „jet*-klub“-Mitglieder an deutschen Schauspielschulen angenommen wurden. Aber das nur am Rande …
Liebe Sonja Hilpert, vielen Dank für diese Leistung!
für die Jury: Bodo Birk
05. Oktober 2008
