Erlanger Theaterpreis 2007/08
Hamlet

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2008 an die Inszenierung „Hamlet“
Es scheint als sei zum Erlanger Hamlet alles gesagt. Wenn aber alles gesagt ist, ist der Rest …. Schweigen.
Sie kennen das. Aber – eine schweigende Laudatio? Silent agreement? Preis ohne Worte?
Spiel ohne Worte. Der Preis ein Traum. Ich setze neu an.
A. Referat
Die Hamlet Inszenierung gewinnt den Theaterpreis des Fördervereins. Das ganze Ensemble gewinnt diesen Preis. Die Jury des Fördervereins zeichnet aus:
In der Reihenfolge des Programmheftes
Bernhard Majcen – Claudio; Michaela Domes – Gertrude; Winni Wittkopp – Geist und Totengräber; Gregor Henze – Hamlet; Lutz Wessel – Polonius und Priester; Juliane Pempelfort – Ophelia; Peter Neutzling – Laertes und Güldenstern; Maximilian Löwenstein –Horatio und Rosenkranz; Christian von Treskow – REGIE; Jürgen Lier (again !) – Bühne; Kristina Böcher – Kostüme; Jens-Uwe Beyer – Musik; Frank de Buhr – Regieassistenz; Sven Kleine – Dramaturgie
Wenn ich im Folgenden vom Ensemble, von der Inszenierung spreche, meine ich jeden und jede von Ihnen. Leider können nicht alle hier sein, denn woanders beginnen auch die Spielzeiten.
Hamlet hatte Premiere am 29.9. 2007. Am 2.Oktober lobt Dieter Stoll in der Abendzeitung: “… eine der besten Aufführungen, die im Markgrafentheater entstanden sind“. „So macht man das!“ kommentiert Friedrich Bröder im Uni Plärrer und fügt hinzu: „Wieder einmal zeigt das Theater Erlangen, eines der kleinsten bayerischen Stadttheater…, wie man überwältigendes Theater machen kann“.
Hamlet gewinnt den Abendstern.
Die Inszenierung erhält bei den Bayerischen Theatertagen einen Preis für das „künstlerische Leitungsteam“. Die Jury würdigt, dass man in Erlangen für das „Stück aller Stücke“ …“eine ganz eigene, auf dieses Ensemble zugeschnittene Lesart fand“. Gibt es dem noch etwas hinzuzufügen? Ja. Wenn man sich genau erinnert, gibt es viel zu ergänzen. Drei Punkte möchte ich herausgreifen.
B. Laudatio in drei Punkten.
1. Drama
Spannend war es bereits bei der Einführungsmatinee am Tag des Offenen Theaters vor einem Jahr, denn mühelos gelang es Christian von Treskow, Sven Kleine und Jürgen Lier unser Interesse neu zu wecken. Mehr als das: Sie rücken die bekannte Handlung in ein neues Licht, indem sie sie ernst nahmen. Familienaufstellung auf der Bühne. Im hellen Licht auf offener Fläche. Verstecken unmöglich. Und der Zuschauer erfährt ganz neu, was ihm vielleicht bekannt war, was er gleichwohl so klar nicht gesehen hatte.
Eine Familienaufstellung. Etwas stimmt nicht, ist faul. Der Vater ist tot, verschwunden. Die Mutter bindet sich neu. In aller Schnelle geht sie zum Alltag über. Keine Trauer. Das ist dem Sohn unbegreiflich. Das dadurch tief verletzte Kind in Hamlet wird auf einmal deutlich. Und im hellen Licht der Bühne wird dem Zuschauer -eh er sich versieht- in der fernen Königsfamilie ein aktuelles Thema vorgespielt, dem er sich nicht entziehen kann. Keine Zeit für Trauer. Die Lebens-Lust der Mutter als destruktive Kraft.
Von Rache war da noch nicht die Rede. Dieses Motiv wird als zweite Schraubendrehung eingeführt. Der Rachewunsch des Vaters – welch eine grausame Zumutung dem Sohn gegenüber….. Die Rache-Lust des Vaters als zweite destruktive Kraft. Die von Christian von Treskow in einem Interview behauptete „Selbstauflösung der Figuren“ folgt logisch psychologisch anschaulich aus der doppelt auferlegten Destruktion.
Der Sohn, Hamlet, sucht zunächst –wenn man sich das genau überlegt erstaunlicherweise- „sicheren Grund“ (S.31), bevor er handelt. Er inszeniert die Selbstentlarvung der anderen, inszeniert den eigenen Wahn. Alles Theater. Spiel im Spiel nicht nur als Kunstgriff, sondern als Ernstfall. Das führt uns dieses Ensemble eindrucksvoll vor. Mit Musik.
2. Reduktion
„Uns hat die psychopathologische Familienkonstellation interessiert. Und die Familie ist ja nicht so groß: Onkel, Mutter, Kind“….“Vater, Sohn, Tochter“ …“Hofpersonal“ …“Mehr braucht man nicht, um die Geschichte zu erzählen.“
„Wir haben etwa 50 Prozent des Originaltextes gestrichen. Aber man vermisst nichts, weil es nicht mehr bedarf, um die Geschichte zu erzählen. Wir haben ganze Szenenfolgen umgestellt, neue Situationen erfunden …. Aber diese ganze Textarbeit fällt nicht so auf, weil sie nicht in den Vordergrund gestellt wird. Die Spielzeit beträgt übrigens genau zwei Stunden und 50 Minuten. Ich finde, dass ist das Minimum, das dieser Text braucht, um sich entfalten zu können.“ (CvT)
Reduktion im Kern nicht als Antwort auf die äußeren Bedingungen am Erlanger Theater, sondern als Konzept. Erinnern Sie sich an den Prolog:
Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt.
`s ist eine schneidende und strenge Luft.
Was ist die Uhr?
Ich denke, nah an zwölf.
Wirklich schon?
Die Luft geht scharf.
Die Luft geht beißend.
Die Luft schneidt´ entsetzlich.
Und:
Etwas ist faul im Staate Dänemarks.
Die Situation ist von außen -aus der Welt der Wachen- nach innen – in die Welt der Familie –verlegt. Während im Original manche dieser Worte erst später gesprochen werden, als Hamlet und Horatio auf den Geist warten, dient der Text hier gleich zu Beginn als präziser Gradmesser des Befindens, teilt das Gefühl des Unheimlichen mit und teilt es von Beginn an mit dem Zuschauer. Reduktion gelingt als Verdichtung.
Reduktion des Personals bedeutet auch Verdeutlichung. Das Spiel im Spiel führt das in atemberaubender Verbildlichung vor, als das Königspaar sich selbst entlarvt, indem es sich selbst etwas vorspielt ……. und sich selbst dabei zuschaut. Die Reduktion fordert vom Ensemble Genauigkeit , Nuancen, keine Schwarz-Weiß-Malerei, auch wenn Kostüme und Bühnenbild dies scheinbar andeuten..
3. Humor
Shakespeare und comic relief – diese Formel kennen bereitsunsere Schüler. Vielleicht merken sie sich das immer so leicht, weil es so einleuchtet.
Comic relief ist aber, Sie wissen das, auch immer ein Zerrspiegel derBühnenhandlung. Ah Kunst. Ja Kunst. Zwar Kunst ist nicht gleich Kunst. Aber man riecht sie gleich die kunstspezifischen Körperausdünstungen, den kunstspezifischen Kunstkunstgeruch….
Leider muss ich diesen Tiefsinn hier abbrechen. Rosenkranz und Güldenstern durften in rosa und hellblau sich mit Kunst verkünsteln. Ich erinnere Sie an die Schauspielerszene, in der spitz, derb und lustig, vermutlich auch alltagsnah das moderne Regietheater parodiert wird als quasi aussichtsloses Unterfangen. Hatten wir nicht zuvor schon Hamlet als Regisseur wahrgenommen? Als einen Regisseur, der dann scheitert?
Das Spiel im Spiel im Spiel…. Die Inszenierung war ganz Shakespeare. Und sie war etwas ganz Eigenes. Und nicht nur etwas für Erlangen „Zugeschnittenes“! Schluss.
Ach, wenn ich doch jetzt noch länger reden und loben dürfte! Bei guten Inszenierungen bedarf es nur der Erinnerung an eine einzelne Geste, an einen Ton, um gleich wieder einzutauchen in das Erlebnis der Aufführung.
Kein Schweigen. Dank an Sie alle für die große Leistung.
Für die Jury: Anke Liebau
05.10.2008
