Erlanger Theaterpreis 2008/09

Leitungsteam „Der Wilhelmine-Code“

Foto: XXX

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 200 an das Leitungsteam der Inszenierung „Der Wilhelmine-Code“, Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner, Autor Constantin von Castenstein und Komponist und musikalische Leitung Michael Emmanuel Bauer

Meine Damen und Herren,

In der vergangenen Woche, ein paar Tage nach der Premiere des „Sturms“, Shakespeares „Zeremonie des Abschieds“, sozusagen, kam die Jury für den Theaterpreis des Fördervereins Theater Erlangen zusammen, um ihre Voten abzugeben. Die Jury-Mitglieder diskutierten in lockerer Atmosphäre, sprachen über Inszenierungen, herausragende Einzel-Leistungen und kamen dann rasch zu einem einhelligen Votum.

Ausgezeichnet mit dem diesjährigen Theaterpreis wird das junge Leitungsgespann des Musiktheaterstückes „Der Wilhelmine-Code“, das sind: Michael Emmanuel Bauer, Musik und musikalische Leitung, Constantin von Castenstein, Text, und Lilli-Hannah Hoepner, Regie. Der 35-jährige Michael Emmanuel Bauer lernte u.a. bei Dieter Schnebel und Karlheinz Stockhausen und arbeitete lange mit dem Fassbinderkomponisten Peer Raben zusammen. Wiener Festwochen, Staatstheater Stuttgart, Burgtheater Wien gehören zu seinen bisherigen Stationen. Am Theater Erlangen wirkte er musikalisch mit im Märchen „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ in „Parzifal“ und in „Pettersson und Findus“. Constantin von Castenstein, ebenfalls 35, studierte Geschichte, Politik und Betriebswissenschaft in München, Paris, Rom und Bologna (Alle Achtung). Er sei auch Laienprediger und Rennfahrer gewesen, gibt er an. Und seit 2002 ist er Theaterautor, hauptsächlich von Familienmelodramen und politisch-biografischen Tragödien. Lilli-Hannah Hoepner, mit 28 Jahren die jüngste in diesem kreativen Dreier-Bunde,  inszenierte u.a. am Teatro SESC Copacabana in Rio de Janeiro, und mehrmals am Schauspiel Frankfurt.

In Sabina Dheins Intendantenzeit, in der zwischen „Klassik reloaded“ und neuen Blicken auf die Zeitgeschichte Ungewohntes und auch Provokationen durchaus zum Prinzip geworden sind, bekommt am Ende nun auch das Musiktheater einen Preis, das von der Intendantin seit ihrem Antritt mit großer Beharrlichkeit auf den Spielplan des Barockjuwels gehoben wurde.

Musiktheater ist in seinem Gesamtkunstwerkcharakter ein teures theatralisches Unterfangen. Das personell schmal aufgestellte Erlanger Ein-Sparten- und Gastspiel-Haus konnte dem hohen Anspruch, den es setzt, bisher nur genügen durch Kooperationen mit Nürnbergs Staatstheater und Musikhochschule, zumindest, was die klassische Oper angeht. Dennoch ging bereits 2004 Henry Purcells Semi-Opern-Meisterwerk „King Arthur“ über die Bühne, 2005 „Merlins Insel“ des gebürtigen Oberpfälzers Christoph Willibald Gluck und als Eigenproduktion das Musiktheaterstück „Erlangen“ von  Alexander Kukelka nach dem bis dato unaufgeführten Schauspiel von Alfred Kantorowicz. 2006 folgte Mozarts Singspiel-Fragment „Zaide“, von Jenny Erpenbeck mit Gewalt in jeder Hinsicht ergänzt und aktualisiert und 2007 die barocke „Bettleroper“ von John Gay und John Christopher Pepusch sowie das eindrucksvolle Eigenprodukt „Onyx-Hotel“ wieder von Alexander Kukelka, 2008 schließlich Händels „Alceste“, in dieser Form eine Uraufführung und Teil der Gluck-Opernfestspiele.

Der musiktheatralische Wagemut der Intendantin, verbunden mit ihrem Durchhaltevermögen, blieb der Jury des Theaterpreises über die Jahre hin nicht verborgen und war immer wieder Gegenstand der Diskussionen. Und so haben wir uns in diesem Jahr ganz besonders gefreut, dass mit dem „Wilhelmine-Code“ und seinem Dreierteam an der Spitze in dieser ihrer letzten Spielzeit nun ausgerechnet das Tüpfelchen auf dem I dieser verdienstvollen Programmarbeit ausgezeichnet werden kann.

Das Stück ist ein in mehrfacher Hinsicht ureigenes Erlanger Gewächs. Wilhelmine, die proto-feministische Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth, wird in diesem Jahr zu ihrem 300. Geburtstag in Bayreuth und Erlangen mit vielen und unterschiedlichen Veranstaltungen gefeiert, so auch mit diesem Auftragswerk. Deutlich wird in diesen Monaten, dass die „Provinzaufmischerin“ mit ihrer preußischen Herkunft, ihrem Bauwurm und ihrem künstlerischen Eigensinn diesem Landstrich eine ganz eigene Färbung gegeben hat, mit der Konsequenz, dass die Bayern sich sogar eine politisch unbotmäßige Wortschöpfung wie Brandenburg-Franken gefallen lassen müssen.

Wilhelmine hat nicht nur dieses schöne Markgrafen-Theater von ihrem Lieblingsbaumeister Gaspari herrichten lassen, sie hat vielleicht indirekt bewirkt, dass die Erlanger den zugezogenen Siemens-Preußen nach dem 2. Weltkrieg nicht ganz so fremd gegenüberstanden. Und wäre denn Wagner in Bayreuth möglich gewesen, ohne ihre Vorarbeit? Wer kann das denn alles wissen?

Das biografische Musiktheater, das in unserer Zeit zwischen Einstein, Stalin, Nixon und Lady Di Urständ feiert, wurde in Erlangen mit Wilhelmine aufgegriffen, doch passend auf die Dimensionen ihres Theaters zum Singspiel geformt und mit den Attributen des  Pasticcios versehen. Das Arrangement des Crossovers und der Zitate wurde  so geistreich, unverkrampft und unterhaltsam, so herrlich schräg und noch dazu versiert getimt in Szene und Musik umgesetzt, dass das Ganze am Ende viel mehr war als die Summe seiner Pastiche-Teilchen.

Der musikalisch-monochrome erste Teil entließ das Publikum bereits nach einer halben Stunde in die lange Umbau-Pause – ratlos: Statt mit einnehmenden Rokoko-Klängen schockierte er mit Wohnküchen-Sozialbau-Mief. Sohn Rico träumte sich in andere Welten, der brutale Vater ging trinken, die egozentrische Mutter fremd, Tochter Billie machte einen Harmonielehre-Kurs per MP3-Player, um diesem Elternhaus sobald wie möglich entfliehen zu können. Die Kindheit der Wilhelmine, deren Traumata hier zum Bild wurde, ist überliefert. Weiterdenkend hätte das Wohnküchenbild reale Züge bekommen können, wenn man es mit jenen Untertanen besetzt hätte, welche später die Steuern für die Exzesse ihrer Feudalherrin abzuliefern hatten. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Erst der zweite Teil des Singspiels führte in die Rokoko-poppige Feudalwelt hinein, mit Groteske, Ironie, Witz und Übertreibungen, und im übermütigen Spiel mit der Musikgeschichte – Bach und Mozart, Morton Feldman und Mauricio Kagel und selbstverständlich auch die komponierende Wilhelmine waren mit von der Partie. Wie sechs Personen und eine Sängerin ihre Oper „Argenore“ als Stück im Stück nach dem Motto „Am Ende alle tot“ pantomimisch in Ultrakurzfassung auf die Bretter brachten, das war brillant.

Neben der doppelten Wilhelmine (gesungen und gesprochen) tummelten sich 17 Personen auf der Bühne, dargestellt von 1 Sängerin, 3 Schauspielern und 4 Musikern, die zu einem spielfreudigen gelösten Miteinander über alle sonst immer so penibel eingehaltenen Sparten hinweg fanden. Im Darstellungsreigen:  der ebenso untreue wie unsensible Ehemann, der „ein Cembalo zwar nicht von einem Rasenmäher unterscheiden kann“, doch erstaunlich viel Verständnis für seine Ehefrau aufbringt; der eitle Voltaire “Wenn ich denke, haben Engel Orgasmen…“; die majestätische Maria Theresia mit ihrem Roter-Teppich–Rollator; der Pillen-Arzt  Dr. de Superville (das Stück läuft doch gerade wieder); die Hofschranzen aller Couleur mit ihrem Krisengerede zwischen Bankrott und Steuererhöhungen (auch das Stück läuft gerade wieder); und nicht zu vergessen Wilhelmines Flusspferde, in die sich die Musiker zu verwandeln hatten.

Mit „ derart rasantem, derart inspiriertem Musiktheater sei dem kleinen Haus ein großer Wurf gelungen“. Dies war nicht nur Rezensenten-Meinung. Die Jury fügt hinzu „unbedingt weiter so“.

Für die Jury: Lisa Puyplat
05.Juli 2009