Erlanger Theaterpreis 2009/10
Schauspielensemble

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2010 an Linda Foerster, Hermann Große Berg, Robert Naumann, Gitte Reppin, Steffen Riekers, Christian Wincierz und Winfried Wittkopp in Würdigung der herausragenden künstlerischen Leistung dieses Ensembles, das sich nach Auffassung der Jury besonders durch die Kunst des kreativen Zusammenspiels auszeichnet
Anke Liebau:
Der Preis wird vergeben für künstlerische Leistungen, nicht, wie mancher vielleicht skeptisch vermutet bei einem Ensemblepreis, für günstiges Sozialverhalten oder gar für soziale Nettigkeit. Das Stichwort unserer Laudatio heißt: Zusammenspiel. Aber auch hier kann man fragen, was denn daran künstlerisch lobenswert sei, wenn das Zusammenspiel gelingt. Ist nicht das Zusammen-Spielen Basis allen Theaters, damit eigentlich unterhalb der Ebene von Theaterkunst?
Spielen nicht Gitte Reppin mit Robert Naumann, Linda Foerster mit Steffen Riekers, weil das die Rollen so vorsehen? Wo ist das Besondere? Spielte etwa Lindas Knie mit Roberts Schädel, Christians Nase mit Steffens Hacke, Winnis Ellenbogen mit Gittes und Hermanns Zehen? Nein, solche partiellen Sensationen interessieren uns nicht. Wir möchten den besonderen Geist dieses Ensembles zu packen versuchen.
Katharina Breuser und Leonard Schmitz:
Wir bringen jetzt etwas Leben auf die Bühne, verleihen der Argumentation Körperlichkeit mit Feder, Schaukel, Ball, Lok, Kreisel, Baustein, Würfel, um so mit Spiel im Spiel das Ensemble heraufzubeschwören. So zeigen wir jetzt auf, wie das, was wir in der vergangenen Spielzeit auf den Bühnen und manchmal auch im Oberen Foyer gesehen und genossen haben, gut und kräftig war, weil eine Idee von gutem künstlerischen Zusammenspiel auf erfreuliche Weise realisiert wurde.
Anke Liebau:
Hier ist, was uns gefiel: Vielfältigkeit und Variationsbreite gab es: Von Faust zu Männer, von Virginia Woolf zu Frau vom Meer zu. Dies ist ein kleines Haus, das es nötig und möglich macht, dass Schauspier die unterschiedlichen Facetten ihrer Schauspielkunst an unterschiedlichen Stoffen, in unterschiedlichem Zusammenspiel zeigen.
Es gab keine Stars, aber auch keine „kleinen“ Rollen; der Faust Hermann Große Berg vom Herbst war im Sommer einer von vielen Männern neben Steffen Riekers und Christian Wincierz, die wir dann in Moby Dick ganz neu entdeckten; Linda Foerster und Gitte Reppin überzeugten nicht nur als Bonnie oder Honey, Gretchen oder Anne Frank, sondern auch als Schwestern in Frau vom Meer. Zu Beginn der Spielzeit, so schien es im Rückblick, standen die Frauen im Vordergrund, doch dann holten die Männer entschieden auf, nicht nur mit Männern
Leonard Schmitz: Steffen Riekers
Steffen Riekers schaukelte sich schwungvoll mit großer Begeisterung für seinen Spiel-Platz in luftige Theaterwelten und seine Freude sich immer höher und schneller hinaufzuschrauben war auf der ganzen Bühne zu spüren. Ein heiteres, begeisterndes Lachen oder auch kraftvoller Ernst, ganz wie es das Stück befahl, steckten Zuschauer und Mitspieler an. Einmal war es Clyde, der solchen Schwung sammelte. Ein Tarantinogangster, lässig, ein wenig philosophisch, Wörter fechtend, aber eigentlich Werner. Verliebt, naiv, menschlich. Eine Symbiose aus stilisierter Coolheit und einem ziellosen Nebenprodukt unserer Gesellschaft in 90 Minuten. So spielt man modern Theater. Aber nicht nur so, Queequeg auf der Jagd nach Moby Dick, war zauberhaft. Fremdländisch, mutig, stark und gutmütig verkörperte Steffen Riekers Melvilles „George Washington im Gewand eines Kannibalen“ wie leibhaftig den Seiten des Buches entstiegen. Ein wahrhaft klassischer Held, dessen Gesten, Stimme und Ausdruck sich in einander fügten, passten, um in Atem zu halten. Steffen Riekers entströmte dabei die Würze einer literarischen Figur, die im Lauf des Lesens ans Herz gewachsen ist, und strahlte dennoch eine starke Bühnepräsenz aus. Die Geschichten, die Steffen Riekers auf der Bühne erzählte, die waren immer hör- und sehenswert, seine Schaukel flog von ganz allein.
Katharina Breuser: Hermann Große Berg
Hermann Große Berg hatte seinen Einstand in Erlangen mit einer der größten Theaterrollen, dem Faust. Das erfordert Kraft, Stärke, Präsenz. Große Berg hat diese Stärke. Er ist ein Zugpferd. Wie eine Lokomotive zieht er seine Kollegen und das Publikum mit und führt sie durch die verschiedensten Inszenierungslandschaften. Ob nun als grüblerischer Faust, als tollpatschiger Hausmann im „Ende vom Anfang“ oder als musikalischer Fußballfan in „Männer“, Große Berg findet sich überall zurecht, mal mit Dampf, mal elektrisch. Ein Zug ist mehr als eine Reihe von Waggons und das Ensemble mehr als eine Reihe von Schauspielern. Dass Große Berg das bewusst ist, merkt man seinem Spiel an. Es ist immer ein Zusammenspiel mit dem Ensemble, ein Weitergeben seiner Kraft.
Leonard Schmitz: Gitte Reppin
Ich gäb was drum, wenn ich nur wüsst, wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiss recht wacker aus, Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt ich ihm an der Stirne lesen – Er wär auch sonst nicht so keck gewesen.
Nein, Herr Goethe das stimmt diesmal leider nicht, Gitte Reppins Gretchen war keck, frech, war modern, war der eine Farbfleck im alten Faustgemälde, der die ganze letztjährige Generation der Schüler-Abo-Lektüre-Leser und nicht nur diese, das Gretchen so anders erleben ließ. Denn Gitte Reppin bewahrte ihm die Jugendlichkeit, die Goethe erdichtete, aber eine Jugendlichkeit, die auch zu unserer Zeit glaubhaft erscheint, die ihr von den Jugendlichen selbst abgenommen wurde. Es ist eine Leistung in einem gewaltigen Stück so neu, so überraschend aufzutreten. Als eine farbenfrohe, Feder schwebte sie in den Höhen, die Steffen Riekers erschaukelte und durch die der Wind von Robert Naumanns Kreisel wehte, wie ich zeigen werde. Eleganz, unbekümmerter Anmut, dafür steht die Feder und wenn sie in ein Stück segelte drang Leichtigkeit hinein.
Aber nicht nur Entzücken, löste Gitte Reppin aus. Denn ihre Anne Frank spielte das Bühnentagebuch so lebendig voll, diese Feder konnte auch kratzen, dass der Stoff tief bedrückte. Nicht durch tragisches Gehabe, Gitte Reppin löste durch die Fähigkeit natürlich, in den widrigsten, grausamen Umständen mit den Sorgen und Hoffnungen eines ganz normalen Mädchens aufzutreten, also genau so wie uns die wahre Anne Frank vorkommt, diese Bestürzung aus. Und welches größere Lob kann es geben, als einen solchen Weltstoff, derart erfüllen zu können. Eine starke Feder.
Anke Liebau: Winfried Wittkopp
In großen Inszenierungen gab es kleine Meisterstücke: Robert Naumann beeindruckte zu Beispiel durch eine ihm ganz eigene Komik und Gestik, Winfried Wittkopp als Teebeutel im Lebkuchenmann. Winfried Wittkopp, ein Baustein fürs Erlanger Urgestein. Wer wäre mehr mit diesem Theater verbunden als er? Aber das ist eine andere Geschichte… Auch im neuen Team ist er ein Solitär, das fränkische Element mit schillernden Ausflügen ins Schwäbische – und zurück ins Fränkische. Ein in sich vielstimmiges Instrument ist dieser Schauspieler!
In der vergangenen Spielzeit war er zum ersten Mal in seiner Karriere ein Teebeutel. Das war so überaus komisch, dass es denen, die ihn schon in so vielen anderen Rollen gesehen haben, schier den Atem verschlägt, als er sich griesgrämig aus seiner Tasse nach oben schraubt. So etwas gibt es nur im Weihnachtmärchen. Wie gut, dass es so etwas auch in der neuen Spielzeit gibt!
Leonard Schmitz
Die Mitglieder des Ensembles zeigten deutliches Engagement auch im kleinen Format: bei Tisch und Chips, einer Lesung während der JET-Tage, dem Schillerabend, also in Veranstaltungsformaten, die neben den großen Inszenierungen dazu beitragen, das Theater zu einem kulturellen Mittelpunkt dieser Stadt zu machen.
Katharina Breuser
Den Förderverein erfreute der Mut zum Experiment: Sumsum ² ist ein großes, ein internationales Projekt, das den Förderverein so interessierte, dass er es förderte und auch weiter fördern wird.
Leonard Schmitz
Zusammenklang beim Chorgesang ; und dann die Soli! Wow! Es war eine vielstimmige Spielzeit.
Katharina Breuser
Auch mit dem Publikum gelang das Zusammenspiel: Man kann da an Männer denken, aber auch an die hinreißende Reise einer Wolke!
Anke Liebau
Um als Fazit unser Lob in einem Begriff zusammenzufassen, erfinden wir einen neuen Begriff: Zusammen-Spiel- Freude.
Es lebe die Zusammen-Spiel-Freude!
Katharina Breuser: Christian Wincierz
Der Würfel, einer der einfachsten geometrischen Körper, begegnet uns überall, er findet vielseitige Verwendung, doch auffallen tut er kaum. So ging es anfangs auch mit Christian Wincierz. Er fügte sich in die Inszenierungen ein, trat hinter sie zurück und ließ auch den Kollegen den Raum, den ihre Rolle erforderte. Auch in der „Frau vom Meer“ spielte er seine kleine Rolle mit großer Wirkung und blieb im Gedächtnis. Der große Wurf, um wieder zu unserem Würfel zurückzukommen, gelang dann mit „Moby Dick“. Auch hier verstand Wincierz es, in den richtigen Momenten vollen Einsatz zu bringen und zu begeistern, aber auch zu wissen, wann die Klänge und Bilder der Inszenierung den Vorrang haben und ganz dahinter zu verschwinden.
Leonard Schmitz: Robert Naumann
Die ganze Geisterschar des Mephistopheles, ein Robert Naumann sie zu beschwören, grölend, flüsternd magisch im Stück aufblitzend, um zu betören. Durch seine Erscheinungen wurde der Faust angestoßen, in Schwung gehalten. Dynamik spricht für, ist ein Teil des schauspielernden Robert Naumanns gewesen. Wenn er wie ein Kuckuck akrobatisch auf die Bühne fegte, eroberte er sie, verlieh dem Fortgang das nötige Feuer, selbst wenn er als schüchtern singender Mann auftritt. Zögerlich, die Tasche umschlungen in einem Haufen maskuliner Ungeheuer zaghaft, aber eben nicht untergehend, dabei in der Darstellung ironisch einfach klasse. Es war ein Kreisel der sich so spielerisch auf der Bühne drehte. Und wie ein Kreisel ein faszinierender Anblick ist, so löste Robert Naumanns elegant selbstbeherrschte Artistik Staunen aus und ließ ihre vorwärts jagende Bewegung auf ganze Stücke ausstrahlen, sodass sowohl er, als auch diese nie ins Stocken kamen.
Katharina Breuser: Linda Foerster
Wenn sie die Bühne betritt, scheint plötzlich alles in Bewegung zu sein. Wie ein Gummiball, den keiner fangen kann, steht auch sie niemals still, obwohl Linda Foerster die leisen Töne genauso beherrscht wie die lauten. Laut, das war sie zum Beispiel in Clyde und Bonnie“, jung, wild und mitreißend. Ein perfektes Team mit ihrem Mitspieler. Ganz andere Mitspieler hatte sie in der „Reise einer Wolke“. Sie fesselte die kleinen Zuschauer, bezog sie mit ein, ließ sie Teil der Geschichte werden, mitspielen. Dann „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Wieder eine ganz andere Linda Foerster, wieder voller Energie. Drei willkürlich ausgewählte Rollen, die zeigen, wie vielseitig diese Schauspielerin ist und wie grandios sie Kollegen und Publikum die Bälle zuspielt.
Anke Liebau:
Vor einem Jahr rutschen Sie, die Preisträger, hier mit Schwung hinein ins Erlanger Theaterleben. Wir kannten Sie – mit einer Ausnahme – nicht, waren neugierig auf Sie. Jetzt sind wir mit Ihnen bekannt geworden und sind immer noch gespannt: Auf die bevorstehende Spielzeit. Ihre Zusammenspiel-Freude hat sich uns Zuschauern mitgeteilt. Wir wünschen uns und Ihnen, dass sich Erlangen dauerhaft davon anstecken lässt und den Theater – Spieltrieb als Bildungstrieb pflegt.
In Jena, unserer Partnerstadt, schrieb Schiller schon 1794:
„Mitten in dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten in dem heiligen Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem dritten fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen die Fesseln aller Verhältnisse abnimmt, und ihn von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen als auch im Moralischen entbindet.“ (Ästhetische Erziehung des Menschen)
Vielen Dank!
Für die Jury: Anke Liebau, Katharina Breuser und Leonard Schmitz
