Erlanger Theaterpreis 2011/12
Katja Prussas

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2012 an die Dramaturgin Katja Prussas
Liebe Freundinnen und Freunde des Erlanger Theaters, liebe Freundinnen und Freunde von Katja Prussas, liebe Katja Prussas,
die Jury tagte und beriet und kam zu dem Ergebnis, den Theaterpreis 2012 an Katja Prussas zu vergeben, die drei Jahre lang das Theater Erlangen als leitende Dramaturgin geprägt hat.
Wie kommt man dazu, eine Dramaturgin für den Theaterpreis auszuwählen, ist doch die Dramaturgie eine Arbeit, die zunächst gar nicht auffällt, an die man gar nicht denkt. Da ist es doch schön, dass Mitglieder des Fördervereins einst im Statut für den Theaterpreis ausdrücklich auch Leistungen auf dem Gebiet der Dramaturgie aufgenommen hatten. So ist gut dafür gesorgt, dies nicht aus den Augen zu verlieren. Ist der Blick einmal geschärft, so merkt das Jurymitglied schnell, welche Bedeutung der Dramaturgie zukommt: sie wirkt wie ein Gewürz im Hintergrund – erst wenn es fehlt, merkt man es.
Die Aktivitäten des Dramaturgen sind dabei weit gefächert: ein ausgeprägtes organisatorisches Talent sollte nicht von Nachteil sein, verbindet sich in der Dramaturgie doch umfangreiche Arbeit im Innenbereich des Theaters und seiner Produktionen sehr eng mit der Außenwirkung. Aber welcher Art die einzelnen Tätigkeiten auch sind, das Endprodukt ist das Kunstwerk Theater in welcher Form auch immer. In einsamer Künstlerklause wird sich da allerdings wenig Erfolg einstellen, Dramaturgie findet immer im Team statt, mit Regisseuren, Schauspielern ebenso wie Verwaltungsleuten und Journalisten. Und das hat unsere Preisträgerin in den Spielzeiten von 2009 bis 2012 gezeigt.
Als fulminanten Auftakt begleitete sie dramaturgisch den Klassiker der deutschen Theatergeschichte „Faust“ und verhalf mit, wieder einen neuen Blick auf diese Tragödie zu finden. Eine besondere Arbeit zum Kampf mit dem Alltag und dem möglichen Scheitern an der Größe der Probleme zeigte das Stück „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Feller. Katja Prussas begleitete und unterstützte den Jungregisseur Jakob Fedler, die Überlastung der Sozialpädagoginnen zwischen Sendungsbewusstsein und Leistungsdruck darzustellen. Auf welch schwankendem Boden sich die Protagonistinnen bewegen, wurde überdeutlich, als sie nicht auf festem Boden, sondern auf einer Hüpfburg spielten. In einem Foyergespräch mit Betroffenen – zusammen mit dem Förderverein – wurde dieses sozialpädagogische Dilemma noch einmal durch Katja Prussas vertieft.
Im Kontext zur Produktion von Ibsens „Die Frau vom Meer“ erstellte Katja Prussas als leitende Dramaturgin erstmals eine Werkschau mit Gastspielen anderer Ibsenstücke, Foyergespräch und Film. Eine wunderbare Möglichkeit, sich neu oder wieder mal in einen Autor und seine Hauptthematik – hier Frauen zwischen Einsamkeit und Aufbegehren – zu vertiefen.
Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Jakob Fedler bei „Kaspar Häuser Meer“ führte wiederum zur Produktion eines – diesmal jüngeren – Klassikers „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht. Die Textbearbeitung von Katja Prussas zusammen mit dem Regisseur zeigte, dass die Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg, als Stück verfasst 1939, auch heute – leider – immer noch die gleichen Wahrheiten enthält.
Eine ganz andere Seite zeigte Katja Prussas zusammen mit dem Regisseur Eike Hannemann und den Schauspielern Björn Jacobsen und Winfried Wittkopp bei dem Live-Hörspiel „Spiel mir das Lied von Tod“. Ein Theaterspaß, bei dem sich die witzigen Einfälle nur so überschlugen.
Und wieder Themenwechsel zu einem Projekt der ganz besonderen Art: „Mutwerk“. Berichte über Gewalttaten, Zivilcourage oder Wegsehen waren für Katja Prussas zusammen mit der Regisseurin Tina Geißinger Anstoß, dieses Problem vor Ort, also in Erlangen, genauer zu betrachten und darzustellen. Das beeindruckende Theaterstück wurde in Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Institutionen wie Evang.-ref. Kirche, Polizei und Seniorenbeitrat entwickelt. Ein schönes Beispiel dafür, wie das Theater mit Einrichtungen der Stadt vernetzt werden kann. Überregionale Anerkennung blieb bei den letzten Stücken nicht aus.
Auch zu Spielzeitbeginn 2011/2012 wieder ein Klassiker: „Leonce und Lena“ von Georg Büchner. Hier konnte man das Team Constanze Kreusch (Regie) und Katja Prussas ganz besonders bei der Einführungsmatinée erleben und erfahren, wie sie gemeinsam Büchners Idee des literarischen Zitats in seinem Stück weiter führten, indem sie – englische – Texte von David Foster Wallace einfügten, die die unerträgliche Schwere der Langeweile des Leonce mit Worten des 21. Jahrhunderts noch unterstrichen. Wieder ein schönes Beispiel für die künstlerische Gestaltung der Dramaturgin.
„Der Theatermacher“, „Das Versprechen“, „Der Mann der die Welt aß“ – alles Projekte von Katja Prussas begleitet; in besonders guter Erinnerung bleibt hier die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem beeindruckenden Darsteller Thomas Marx. Und zwischendurch immer wieder Foyergespräche in Zusammenarbeit mit dem Förderverein u. a. zu Thomas Bernhard und Dürrenmatt, ebenso Publikumsgespräche als Einführung zu den Stücken oder als Nachbetrachtung mit den Zuschauern. All diese Gespräche fanden – zur Freude der Beteiligten – nicht auf einer hochintellektuellen Wolke statt, sondern Katja Prussas kleidete ihre fundierte Sachkompetenz in reizvolle Unterhaltung.
Jet-Tage mit starken Stücken für starke Kinder, film/-theater, Kulissengeflüster, die Gesprächsreihe „Ich lade gern mit Gäste ein“, alles Projekte von oder mit Katja Prussas, die dazu beitrugen, Kunst in die Gesellschaft zu tragen und die Gesellschaft daran teilhaben zu lassen.
Und wenn man in den letzten Jahren in die Nähe des Theaters kam, hatte man große Chancen zwischen irgendeiner Tür und irgendeiner Angel Katja zu treffen, ein jedenfalls kurzes, manchmal auch längeres Gespräch mit ihr zu führen, um ganz schnell ihre Leidenschaft für das Theater mit allen seinen Facetten zu spüren und ihre Ideen zu erleben, diese Begeisterung umzusetzen und weiterzutragen.
Meine Damen und Herren, ich hoffe, ich konnte Sie anhand einiger Beispiele davon überzeugen, warum Katja Prussas für den diesjährigen Theaterpreis ausgewählt wurde und, liebe Katja, ich hoffe, du konntest dich in dem, was ich sagte, auch ein wenig wiederfinden.
Für die Jury: Liselotte Wirsing
09. Dezember 2012
