Erlanger Theaterpreis 2012/13

Der große Gatsby

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2013 an die Inszenierung „Der große Gatsby“

Liebe Theaterfreunde, verehrte liebe Gäste und besonders liebes Ensemble von ‘Der große Gatsby‘,
die Jury des Erlanger Theaterfördervereins hat sich in diesem Jahr nichts Geringeres vorgenommen, als die Inszenierung ‘Der große Gatsby‘, die Eigenproduktion des Theaters zur letztjährigen Themenwoche ‘Romanadaptionen‘ als Gesamtkunstwerk auszuzeichnen, d.h. es wird der Bogen von der Stückfassung über die Musik, den Filmelementen, dem Bühnenbild, den Kostümen und natürlich im Zentrum stehend über Regie und Schauspiel gespannt. Die Jury fand, dass alle diese Bereiche substanziell zum Gelingen dieser Aufführung beigetragen haben.

Der amerikanische Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald hat 1925 den Roman ‘The great Gatsby‘ veröffentlicht – mit umwerfendem Erfolg. Ernest Hemingway bezeichnet ihn als den „Größten unter uns allen“. Fitzgerald beschreibt darin die Zeit der ‘roaring twenties‘, den amerikanischen Traum und die ‘lost generation‘ nach dem 1. Weltkrieg. Fitzgerald selbst gehörte dieser Generation voll und ganz an. Er wurde reich, lebte den ‘american way of live‘ seiner Helden, verfiel der Trunksucht und starb verarmt mit 44 Jahren als Drehbuchautor in Hollywood. Sein Roman wird auch heute noch – auch auf Grund der gesellschaftskritischen Aussage – zu den ganz großen Epen des 20. Jahrhunderts gezählt.

Dies hat wohl auch unsere Autorin Rebekka Kricheldorf bewogen, sich dieses Romans anzunehmen. Die Zeitlosigkeit der Thematik ist ein reizvoller Anlass: Glücksuche und Lebensenttäuschung, Sehnsucht nach der ganz großen Liebe und dem ganz großen Geld, Langeweile gestillt durch Glamour und Glitzer, Illusion, mehr Schein als Sein. Alle Personen sehnen sich nach einem anderen Leben, sie träumen den ‘American dream‘, um dann umso tiefer zu fallen.

Das Ensemble der Inszenierung „Der große Gatsby“ – Foto: Thomas Beger

Rebekka Kricheldorf hat mit ihrer Adaption die Substanz des Romans erhalten und die Hauptthemen klug verdichten können. Sie hat die Personen des Tankstellenwärters George Wilson und seiner Frau Myrtle als gesellschaftliches Gegengewicht aufgewertet und so den zeitkritischen Ansatz des Romans verstärkt. Außerdem hat sie großes dramaturgisches Gespür bewiesen, indem sie die Ich-Figur  des Romans (episch) beibehält und sie ebenfalls aktiv in den gespielten Szenen (dramatisch) auftreten lässt. Der Ich-Erzähler Nick Carraway nimmt uns als Zuschauer mit in die Handlung, dabei unterstützt durch Videosequenzen und führt uns durch das Geschehen. Er ist selbst durchaus einbezogen in die Schicksalsabläufe, aber ihnen auch distanziert gegenüberstehend. Das erlaubt uns Zuschauern ebenfalls eine distanzierte Haltung. Brecht nannte das Verfremdungseffekt. Die Kricheldorfsche Adaption enthält alles, was eine spannende Story braucht: von enttäuschter Liebe, über Intrige bis zum sinnlosen Tod (Ein kleines Apercu – Marcel Reich-Ranicki sagte in seiner unnachahmlichen Direktheit: Liebe und Tod sind die wahren Themen der Literatur, alles andere ist Mumpitz).

Es ist dem Regieduo Mirja Biel und Joerg Zboralski, die beide ebenfalls für Bühnenbild und Videoeinspielungen verantwortlich zeichnen, gelungen, diese weltberühmte Geschichte auch auf der Theaterbühne erfolgreich sein zu lassen. Sie nutzten die Stückvorlage optimal und arbeiteten die Doppelbödigkeit zwischen Schein und Sein, Traum und Wirklichkeit, bitterböser Satire, und tief ernster Betroffenheit mit den Mitteln der großen Show heraus.
To show bedeutet zeigen und dieses Vorführen und Darbieten des Geschehens wird zum ausgeprägten Stilmittel der Inszenierung bis hin zur Verfremdung. Dazu zählen auch die drei Zitate, die nach Brechtschem Vorbild eingeblendet werden. Sie sind von Andy Warhol und bringen die Situationen auf den Punkt:

1. Kaufen ist viel amerikanischer als Denken
2. Geld ist eine tolle Sache, wenn man sich Freunde kauft
3. Von Liebe träumen ist viel besser als Liebe in Wirklichkeit

Das Vorzeigen wird sowohl im Sprechen (gedehnte und überbetonte Silben) als auch in der Gestik weitergeführt und besonders betont. Musik und Gesang bringen dann noch einmal eine Steigerung in eine Musical- Seligkeit. Showelemente verlegen die Handlung auf eine andere Ebene – aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt – die Realität wird ausgeblendet.

Dabei kommt dem Jazz, der Musik dieser Zeit, eine besondere Rolle zu – dies wird von der Regie gekonnt genutzt und mit Jazzklängen werden wir Zuschauer schon vor Beginn der Aufführung in das Flair des ‘jazz age‘ mit seiner Partystimmung eingestimmt.

Diese Klänge begleiten den gesamten  Theaterabend und geben der Inszenierung ihren unverwechselbaren Rhythmus. Dafür sorgt ganz konkret die Klippspringerband (Klippspringer ist eine Figur aus dem Roman und taucht als Musiker in Gatsbys Partyumfeld auf). Der Bandleader Jimi Siebels, der auch eine Eigenkomposition beisteuert, führt das Trio aus Saxophon, Gitarre, Klavier und Gesang an. Außer dem Jazz werden auch Musikstücke aus den 80er Jahren (Duke Ellington und ein Madonna-Song) verwendet und setzen Akzente der Zeitlosigkeit. Die Musiker sind auch als Schauspieler eingebunden und steigern den Showcharakter der Aufführung zusammen mit den Gesangskünsten der anderen Schauspieler zur Hochform.

Diesen Charakter unterstützen ebenfalls die zeitlos eleganten Kostüme von Petra Winterer. Besonders die schönen fließenden Gewänder der Frauen zeigen den 20er Jahre Luxus, der auch heute noch sehr kleidsam ist. Es ergibt sich eine wechselseitige Steigerung: Die Kleider werden mit den Bewegungen wunderbar herausgestellt und dadurch wiederum wird die Eleganz der Frauenfiguren betont. Die Röcke aus leicht fließenden Stoffen schwingen besonders gut beim Tanzen und machen das Hinsehen zu einem Vergnügen.

Die äußere Handlung muss hier nicht erzählt werden. Wie die inneren Befindlichkeiten der Personen sichtbar gemacht werden, ist das eigentlich Wichtige. Die Regisseure lassen  sich auf die Gratwanderung ein, die es braucht, die sozialkritischen Elemente auf den Punkt zu bringen. Die Figuren werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern durch satirisch überhöhte Spielweise in ihrer Dekadenz, Oberflächlichkeit, Langeweile und Sinnentleertheit seziert. Die Bussi-Bussi-Gesellschaft tänzelt an der Oberfläche des Lebens: wir amüsieren uns zu Tode schrieb schon Neil Postman. Ohne einen Moment der Ruhe –  so bewegen sich die Schauspieler durch das Stück. Es gibt keine echten  menschlichen Begegnungen. Alle reden fast immer aneinander vorbei.

In der Szene, in der die beiden Gegenspieler um Daisy‘s Liebe Tom Buchanan und Jay Gatsby erstmals direkt aufeinander treffen, benutzt die Regie die hitzige Atmosphäre des Boxkampfs als Metapher. Die Schauspieler steigen in einen fiktiven, aus Licht gebildeten Ring. Dann findet ihre gesteigerte Aggression Ausdruck in einem Gesangsduell. Ironischer kann man Kontrahenten nicht vorführen!

Überzogene, laute Partystimmung wird uns in einer folgenden Szene in Showformation gezeigt, als Tom und Daisy erstmals bei Gatsby‘s sagenhafter Abendgesellschaft aufkreuzen. Man sieht sechs Schauspieler, frontal zur Rampe tanzend, nur uns Zuschauern zugewandt, aber unentwegt redend.

Auf einer dieser Partys bei Gatsby kommen sich Nick Carraway und Jordan Baker, die eine Intimfreundin von Daisy ist und in dem ganzen Beziehungsgeflecht eine wichtige  Rolle spielt, näher. Aber auch diesen Beiden ist kein Glück beschieden. Ein Innehalten im ‘Tanz auf dem Vulkan‘ wird in drei Momenten des Stückes besonders deutlich:

1. Als George Wilson seine tote Frau im Arm hält – ein Bild wie bei der Pieta,
2. beim totalen Ausblenden des Lichts, nachdem Wilson Gatsby und sich selbst erschossen hat und
3. als Gatsby’s Vater ‘Mr. Gatz‘ einsam und verlassen auf der Bühne steht und eine erloschene Glühlampe an der Glitzerwand /Gatsbys Haus wieder zum Leuchten bringt.

Diese Glitzerwand, von oben bis unten mit Glühlampen bestückt, symbolisiert die Welt der Reichen und Schönen, mehrmals auch in Form der amerikanischen Stars and Strips. Sie ist die eine Seite der Bühnenbild-Wand, die die Regie für die Drehbühne entworfen hat. Die Rückseite zeigt buchstäblich grau in grau die Schattenseiten des Lebens – Wilsons Tankstelle und das kleine Haus von Nick. Lichtwechsel schaffen atmosphärische Unterschiede.
 
Die Inszenierung endet in einer wundersamen Apotheose. Amerikanische Symbolfiguren – von Ku-Klux-Klan über Donald Duck bis zur Freiheitsstatue – tanzen über die Bühne. Sie haben ihre Gültigkeit bis in unsere Zeit nicht verloren. Die Kluft zwischen Reich und Arm, Traum und Wirklichkeit besteht bis heute.

Alle Beteiligten – hier sei noch ausdrücklich auf die wichtige, aber immer im Vorfeld und im Hintergrund wirkende Dramaturgenarbeit von Ralph Blase hingewiesen – lassen uns einen mitreißenden, sehr unterhaltsamen, zum Nachdenken anregenden Theaterabend erleben. Die Musical-Form bietet uns einen Augen- und Ohrenschmaus. Ein überwiegend ganz junges Schauspielteam wird dabei zu einer großartigen Ensembleleistung geführt.

Herzlichen Glückwunsch und Danke an alle Mitwirkenden! Alles, alles Gute für die zukünftige Arbeit.

Für die Jury: Ingrid Beger
12. November 2013