Erlanger Theaterpreis 2013/14
Anika Herbst

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2014 an Anika Herbst.
Philipp Rollenprofil: Lockerer Richtungsweiser, Schüler, der wenig Zeit hat.
Andra Rollenprofil: Ernstere Theaterwissenschaftsstudentin, die sich mitreißen lässt.
ANDRA Sehr geehrte Damen und Herren, auch die junge Jury möchte Sie herzlich willkommen heißen. Philipp Kollert und ich wurden diesmal auserkoren die Laudatio für die diesjährige Preisträgerin zu halten. Das Wort „Laudatio“ kommt ja aus dem lateinischen laudare was loben und preisen bedeutet. Wie findet man nun den Einstieg in eine Lobrede zu Ehren einer Person ohne in eine, den Stil brechende, Lobhudelei zu verfallen?
PHIL *Schnarchgeräusch*… Mann, sag doch mal was über die Preisträgerin, ich mein deswegen sind doch die Leute überhaupt hier!
ANDRA Äh… nun ja gut… also: Die Preisträgerin ist in Haldensleben, Sachsen-Anhalt geboren. Nach ihrem Bachelorstudium in Philosophy & Economics absolvierte sie ihr Schauspielstudium an der Otto Falckenberg Schule in München. Bevor sie Ensemblemitglied des Theater Erlangen wurde, spielte sie u.a. an den Münchner Kammerspielen und am Akademietheater der Bayerischen Theaterakademie August Everding mit. 2011 erhielt sie für ihr zweisprachiges Theaterprojekt ATAMAII – GEWITZTE KERLE den Deutsch-Japanischen Freundschaftspreis der Robert Bosch Stiftung.
PHIL Wahnsinn oder? Und was ist denn mit der vergangenen Spielzeit?
ANDRA In der Spielzeit 2013/14 drehen sich viele Produktionen um die Schlagwörter „Rebellion, Widerstand und Revolte“.
PHIL Ja hör mir auf… da fällt mir doch sofort die Inszenierung von „Demut vor deinen Taten Baby“ ein… die war halt wirklich irgendwie anders… so ach keine Ahnung… einfach geil. Die Anika ist ja da eine von den verrückten drei ja – wie sagt man dazu jetzt – „Terroranschlagssimulatorinnen“. Die fahrn ja da so durchs Land und machen so einen auf großen Terror – Kriegsszenario – und dadurch, dass die Leute Angst haben, fühlen sie sich nachher irgendwie besser. Also das… naja ist ja hier jetzt auch egal aber jedenfalls dachte ich mir schon da… alter Schwede… die geht ja richtig ab. Also ich mein jetzt die Anika… also ich wusste damals um ehrlich zu sein noch gar nicht wie sie hieß. Aber trotzdem… mit so einer Begeisterung und einem Lust einfach am Spielen die mich und ich denke auch andere ansteckte. „Einen Terroranschlagssimulator – damit fahren wir dann durchs Land und die Leute können an Terror teilnehmen“ – allein bei dem Satz … wie sie das gesagt hat – als wäre das eine total logische und tolle neue, gut umsetzbare Idee. Die hat das Stück – das ja an sich echt… etwas makaber und komisch ist – so gut umgesetzt, dass ich meinte „Hey, also das fände ich wirklich cool wenn ich bei sowas auch mal dabei sein könnte. Sogar die Presse schrieb ja nachher sie „Spielen, was Körper und Stimme hergeben“ – ein einfaches Wow hätte da genügt denk ich… oder?

ANDRA Hmh… genau. Des Weiteren ist sie aufgefallen als zerstreut, besorgte Mette in „Das Fest“. Im Stück „Jeder stirbt für sich allein“ brillierte sie in der Rolle der angsterfüllt trauernden Trudel im blumigen Overall. Bewundern konnten wir sie auch in zweifacher Besetzung, als resolut nachdenkliche Kalonike und als, die Männer beschwichtigende Schönheit mit wallenden langen Haaren und schwarzem Satinkleid, Versöhnung in „Lysistrate“.
PHIL Ja und weißt du im Stück „Zuhause“ inszeniert von Jasmin Sarah Zamani – sie ist ja heute auch anwesend wie ich gehört habe – verkörpert Anika Herbst in drei Monologen drei Frauenfiguren!!!
ANDRA Die Aufführung beginnt mit einer charmant lächelnden und an der linken Bühnenwand gelehnten Darstellerin, die im dumpfen Spotlight das Publikum begrüßt und mit, in die Taille gestützten Armen und deutlich sichtbarem Schwangerenbauch darauf hinweist, dass „sie zwar privat schwanger sei, die Figuren die sie verkörpere aber allesamt nicht.“ Damit appelliert sie an die, im Theater schon a priori von den Zuschauern geforderte Fantasie. Mit einem „Aber ich bin mir sicher Sie kriegen das hin“, verschwindet sie im Off und wünscht nochmal schnell „Viel Vergnügen“.
PHIL Ja das fand ich zum Beispiel auch echt toll! Also bei so modernen Stücken da weiß man ja manchmal nicht so richtig gehört das jetzt tatsächlich noch zum Stück oder ist das jetzt wirklich passiert. Aber bei ihr wusste ich sofort, dass das real ist, insbesondere als sie dann angefangen hat zu spielen – dieser krasse Persönlichkeitswechsel. Bumm, schnipps und Theater! Es beging ja dann nach den Eindrücken … [zu dir] hätte ich jetzt Impressionen sagen sollen?! Jedenfalls nach den Eindrücken über die verschiedenen Ansichten von „zu Hause sein“ gings ja sofort mit dieser Lady los… dieser Altbauvernarrten… Die hatte voll die Probleme! Naja die hatten ja alle Probleme aber die erste hat ja ihre Wohnung mehr geliebt als ihren Mann! Aber fang doch du erst mal an.
ANDRA Mit weit aufgerissenen Augen schwärmt die erste Figur von dem echten englischen Kamin im Wohnzimmer, dem Terrazzosteinboden in der Küche, den einzeln dimmbaren Lämpchen im Arbeitszimmer etc., um plötzlich zu einer frustriert momenthaften Beschreibung der Kälte zu wechseln, die zwischen ihr und ihrem Partner besteht. Sie changiert konstant zwischen der Entsche idung ihren Partner, mit dem sie keinerlei Wärme und Emotionalität mehr teilt, zu verlassen oder einfach in der Wohnung mit der exklusiven Einrichtung zu bleiben. Im einen Moment blickt sie zu Boden, hält sich die Stirn und stellt fest: „Wir sind total gescheitert“. In der nächsten Sekunde sagt sie mit einem übertrieben begeistert, schwelgendem Blick, gerümpfter Nase und hoher Stimme: „Es riecht so gut nach Basilikum“, bezugnehmend auf den üppigen Kräutergarten auf dem Balkon. Die schnellen Wechsel erinnern an das schizophrene Spiel des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die getriebene Fremdbestimmheit der Figur löst Beklemmung aus. Plötzlich Black: Auf der Bühne sitzt nun eine Frau mit Zopf, flauschigen Zebrasocken, weißer Leggins und grauem Pullover auf einem weißen Quader und hält sich am Rand fest. Sie steht auf, läuft seltsam steif zum Bett und zupft die Decke zurecht, um sich wieder hinzusetzen. Das ganze Gesicht ist angespannt, mit breit geöffnetem Mund und nach oben gezogenen Augenbrauen erzählt sie davon, wie ihre Mutter sie mit allen Mitteln abtreiben wollte, weil sie durch eine Vergewaltigung entstanden sei. Dabei wirkt die Darstellerin wie ein Kind im Körper einer Erwachsenen und klammert sich nestelnd an der Sitzfläche fest. Für den Bruchteil einer Sekunde frage ich mich, ob es sich um die gleiche Darstellerin handelt. Anika Herbst schafft es mit jedem Wort immer mehr Anspannung und Entsetzen in mir zu erzeugen. Sie ermöglicht es sich in die Figur hineinzuversetzen, erzeugt jedoch gleichzeitig eine Distanz zu den Erlebnissen der Figur, die für uns kaum nachvollziehbar erscheint. Das Wechselspiel aus empathischer Nähe und Distanz führt zu einem fast unaushaltbaren Spannungszustand, der es ermöglicht die Figur und ihre Emotionen aus einer sehr menschlichen Perspektive zu sehen.
PHIL Ich sag es nochmal so, dass die Leute es verstehen: Die war der Hammer! Wie man so verschiedene Persönlichkeiten so perfekt ausspielen und darstellen kann! Der Wahnsinn! Respekt Anika! Auch bei dem letzten Charakter: Den fand ich ja auch richtig toll! Also ich hab ja schon gelacht – da war noch kein Wort gesprochen! Das war so krass, dieser Übergang, das Aussehen und die Wirkung allein durch die Sitzhaltung, das kleine verschmitzt – betont freundliche Lächeln, der Blick! Die sah schon so aus als ob sie eine unerhörte Story auf Lager hätte, etwas, das sie beim kleinen Kaffeekränzchen unbedingt loswerden müsse. Das war ja die Frau mit dem Kleidchen die über ihre „türkische Migrantin“ die ja „ganz legal in Deutschland lebt“ und „dann auch noch Aische heißt“ redet. Sie klimpert dabei andauernd mit den Augen – spielt mit den Händen, nickt und trinkt einen Schluck aus ihrer Tasse – sie spielt das mit einer so grandiosen Affektiertheit, dass man einfach lachen muss. Wenn man nicht tatsächlich so ist schätze ich… Sie beendet die Sätze absichtlich nicht vollständig, schmunzelt peinlich berührt oder legt den Kopf schief um daraufhin in Sekundenschnelle von dem kleinen Tabuthema, bei dem sie sich selbst noch nicht so ganz wohl fühlt zu einer wohl etwas aufgesetzten Haltung gegen ein Klischeedenken zu wechseln. Sie versucht dabei zu betonen wie schrecklich das sei und mit welchen bewussten Impulsen sie dagegen vorginge. Peinlich genau wird zwischen Deutschen, Türken, Deutsch-Türken, Türkischen Migranten und natürlich Migrantinnen unterschieden, dass man ja nicht auf den Gedanken kommt sie sei gegen Ausländer oder richte ihr Handeln nach vorhandenen Klischees aus. Es war durchgehend unterhaltsam und witzig, auch wie die von Anika dargestellte Frau versucht in „den Dialog“ zu kommen und es dabei zu kleinen und großen Missverständnissen kommt. Die Sache mit dem Salam aleikum, das zu salam salabim wurde – genial. Ebenso dass sie das forsche Auftreten von Aische so erstaunlich findet und aber Aisches Zurwehrsetzung gegen die für sie offensichtliche Opferrolle unterstützt. Anika spielt diese verrückten und durch ihre Klischeehaftigkeit oft so witzig und scheinbar realitätsnahen Szenen so gut, so lebendig, dass man gerne zu ihr auf die Bühne springen würde um sie von der Naivität abzubringen oder mit ihr zu reden und ihr ihr Verhalten bewusst machen. Ich kann mich nur wiederholen Anika: Einfach der Hammer oder wie man vielleicht manchmal in meinem Alter sagen würde… Krasser Scheiß! Du hast einmal selber gesagt „auf der Bühne muss man eine klare Botschaft rüberbringen“. Die Botschaft für uns war: Die hat den Preis echt verdient!
ANDRA Liebe Anika, wir danken dir für deine intensiv wahrnehmbare Spielfreude und Authentizität auf der Bühne.
PHIL Und gratulieren zum diesjährigen Theaterpreis des Fördervereins! Bleib so wie du bist – was anderes bleibt dir ja sowieso nicht übrig! 🙂
Für die Jury: Andra Maria Jebelean und Philipp Kollert
26. Oktober 2014
