Abschied Winni Wittkopp

Foto: Bernd Böhner

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2014 an Multitalent Winni Wittkopp für ein eindrucksvolles künstlerisches Lebenswerk, das dieses Theater so vielfältig geprägt hat.

Lieber Winni, liebe Theaterfreunde,

Es gab vor über 40 Jahren in Erlangen einen jungen Mann, der für sein Leben gern Musik machte. Aber, seinem Opa zuliebe, lernte er erstmal einen „anständigen“ Beruf und machte eine Lehre als Maschinenschlosser, natürlich bei Siemens. Doch die Musik ließ ihn nicht los: Er sang und spielte Rock, Jazz, Blues auf den verschiedensten Instrumenten und gründete – mal mit Klaus Karl Kraus, mal mit anderen- mehrere Bands und hielt sich nebenher mit verschiedenen Jobs über Wasser: Er fuhr Zähne für‘s Zahnlabor aus, arbeitete in einem Fotostudio und vieles mehr …

Da begab es sich, dass der erste Intendant des neu gegründeten Garagentheaters die Rock-Jazz-Gruppe „Cellophan“ hörte und dem jungen Mann den Auftrag gab für die Musik des geplanten Stückes „Zwischen Himmel und Erde“ von Ionesco. Die Produktion wurde ein großer Erfolg, und der Intendant wollte das junge Talent heuern. Doch der sagte: “Aber nur, wenn ich auch schauspielern darf!“

Foto: Bernd Böhner

Und so begann nach der Pflicht-Lehre bei Siemens die Wunsch-Lehre am Garagentheater: Der Intendant Manfred Neu gab dem jungen Winni Wittkopp Schauspielunterricht, organisierte internationale Workshops, ließ ihn in allen Sparten des Theaters experimentieren, so dass durch dieses „learning by doing“ der junge Musiker zu einem Selfmademan des Theaters wurde. Das hört sich an wie ein Märchen, und das ist es irgendwie auch.

Diese ersten 15 Jahre am Garagentheater haben Winni Wittkopp geprägt – und er sie. Es war mit 6 Ensemble-Mitgliedern das kleinste städtische Theater der Bundesrepublik – und wollte alles andere sein als ein Stadt-Theater. Es war mit seinen internationalen Gastspielen und immer mehr Eigenproduktionen das Gegenstück zum Tournee-Theater des gVe im großen Haus, zu dem das Garagen-Ensemble nur für das Weihnachtsmärchen zugelassen war. Heftig bekämpft vom gVe und argwöhnisch überwacht von einigen Stadträten entwickelte sich das kleine Theater zu einem Ort des Experimentierens und Improvisierens mit politischem Anspruch und Widerspruch zu den bürgerlichen Kunstvorstellungen, idealistisch und künstlerisch ambitioniert, aber in freier, anarchisch-kreativer Atmosphäre.

Foto: Bernd Böhner

Da konnte Winni sich entfalten. Alle haben alles probiert und gemacht: Bühnenbild, Kostüme, Musik, Licht, Ton und Maske, gespielt und inszeniert, unglaublich viele Spielorte ausprobiert und intensiv gefeiert. Das forderte vom Ensemble den ganzen Mann und die ganze Frau, bei Tag und bei Nacht …, man lebte praktisch im Theater und den umliegenden Kneipen.

Es gab legendäre Kult-Stücke und richtige Flops in dieser Zeit. Winni feierte Erfolge mit seiner ersten Regie der „Schlündelgründler“ und in seinen vielfältigen Rollen und anderen Funktionen als Bühnen- und Kostümbildner, Musiker, Licht- und Tongestalter. Seine schauspielerische Vielseitigkeit hat er bis heute in über 150 Produktionen und noch mehr Rollen bewiesen: Von Puck bis Mercutio, von der Maus bis zum Teebeutel, von Lord Byron bis zum Hausmeister, von Don Juan bis zur Nonne … er hat Frauenrollen und Bühnentode gespielt. Und das mit einer Bühnenpräsenz, die die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich bannt, auch wenn er nur stumm auftritt und scheinbar gar nichts macht. Wie er das macht, weiß ich nicht … Es ist wohl so, wie Winni es selbst einmal sagte: “Jede künstlerische Wirkung muss auch ein Geheimnis haben“.

Foto: Bernd Böhner

Dabei hat er fast nie den Hauptdarsteller, den großen Protagonisten gespielt. Winni sagt dazu: „Ich bin kein Typ, der sich auf große Rollen stürzt. Und wenn ich immer die Hauptrollen gespielt hätte in den über 30 Jahren, hätte man mich längst hinausgeprügelt. Manfred Neu hat gesagt, es gibt keine kleinen Rollen … Und dann finde ich es eben spannender und vielfältiger, sich in den kleineren und mittleren Charakterrollen zu zeigen  -das wollte ich mir immer bewahren.“ Diese Art der Bescheidenheit -und auch Weisheit- charakterisiert ihn – auch wenn sich die verschiedenen Intendanten und Intendantinnen nicht immer davon überzeugen ließen.

Fünf Intendanzen hat er durchlebt und überlebt. Er hat Theaterskandale und auch die späteren Überlebenskämpfe des Theaters mit überstanden, aber nicht wie der Soldat Schweyck (dazu ist er viel zu gradlinig und schüchtern), eher wie der sächsische Feldwebel: dapfr, aber vorsischtisch…

Ihm selbst drohte am Anfang der Hänsel-Ära sogar einmal der Rausschmiss, aber mit einer hauchdünnen Mehrheit im Stadtrat wurde Winfried Wittkopp in die Unkündbarkeit befördert und so zum ersten und einzigen Kammerschauspieler unseres Theaters gemacht. Doch noch während dieser Existenzkrise hatte sich Winni schon wieder neu erfunden: Er malte und gestaltete Collagen und Skulpturen, wieder als Autodidakt und wieder erfolgreich mit verschiedenen Ausstellungen.

Foto: Bernd Böhner

Auch bei den nachfolgenden Intendanten und Intendantinnen begann es mit Zurückhaltung und gegenseitiger Skepsis bis man sich dann arrangierte oder auch gegenseitig schätzen lernte. Noch unter Hänsel gab es interessante Rollen in gelungenen und preisgekrönten Stücken wie „Quartett“, „Fernando Krapp …“, „Woyzeck“ und „Antigone“ oder in den aufsehenerregenden Produktionen wie den von Magnus Reitschuster geschriebenen lokalpolitischen Stücken „Der Prozess des Ernst Penzoldt“, den gefeierten „Schattengeburten“ und „Unser Julius“, deren Figuren Winni „Fleisch und Geist gegeben hat“, wie Reitschuster sagt. Diese zeitgeschichtlichen Stücke mit ihrem direkten lokalen Bezug wirkten identitätsstiftend. Sie waren in der Aufbauphase des eigenproduzierenden Theaters, das damals immer wieder seine Existenzberechtigung beweisen musste, von großer Bedeutung und werden heute nicht nur von Winni schmerzlich vermisst. Nur in der Ära Dhein hatten wir in Marc Pommerening noch einmal einen Dramaturgen, Autor und Regisseur, der in den geschichtskritischen Stücken „Tatarenschlacht“, „Erlangen“ und den berühmt-berüchtigten „Wölfen“ die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit gewagt hat.

Winni hat indessen auch selbst eine eigene lokal bezogene, publikumswirksame Kunstform gefunden: Das fränkische Volkstheater. Als Glücksfall erwies sich dabei das Zusammentreffen von Winni und Helmut Haberkamm. Winni, der Figurenerfinder, Musiker und Erzähler, der die Geschichten, Anekdoten und Ideen liefert und Haberkamm, der diese als „Perlen für die Bühne“ erkennt, wie er sagt , und Winnis bodenständige Authentizität als „gefundenes Fressen“ für seine Dialektstücke verwenden kann. Für ihn selbst, sagt Winni, seien diese selbstgebastelten Stücke eine herrliche Gelegenheit gewesen, „einmal das zu machen, was wir sonst nicht durften.“

Foto: Bernd Böhner

Wenn er spielen, singen und tanzen kann, ist Winni unschlagbar. Das Trio Winni (als Stenz „Bugaddi“) mit Stefan Kügel und Stefan Nast-Kolb in „No Woman, No Cry…“ war einer der Höhepunkte in Winnis Karriere. Die vier Dialekt-Stücke am Erlanger Theater (wo anders hat er ja noch viel mehr gemacht) waren identitätsstiftend für die ganze Region, und Winnis Rolle ist dabei unverwechselbar und unersetzbar.

Und dennoch wäre es falsch, Winni vorwiegend als Volksschauspieler zu sehen. Er kommt nicht aus der affirmativen, volkstümelnden Brauchtumsecke. Seine geistigen und künstlerischen Wurzeln sieht er im Dadaismus, der anarchischen Anti-Kunst, die sich nicht klassifizieren ließ und für einen radikalen Individualismus und den Zweifel an allem, besonders den etablierten Kunstkonventionen stand.

Winnis verehrte Vorbilder sind zum einen Karl Valentin, der nicht nur als Volksschauspieler, sondern von einigen Theaterwissenschaftlern auch als heimlicher Dadaist gesehen wird. Zum anderen ist es Kurt Schwitters, der auf allen Gebieten der Kunst vertreten war: Er malte, collagierte, komponierte, dichtete, gestaltete Räume und verwirklichte seine Idee vom Künstler als einen, der auf allen Gebieten der Kunst kreativ ist. Wie viele Dadaisten wollte er die damals noch getrennten Ausdrucksweisen der Künste zerstören und alle verschiedenen künstlerischen Disziplinen auf der Bühne verschmelzen.

Da ist Winni seinem Vorbild recht nahe gekommen, und ich würde Ihnen zu gerne alle Stücke und Beispiele seiner dadaistischen Rollen ins Gedächtnis rufen, wenn wir die Zeit dazu hätten. Selbst in den vielen, oft prämierten Kinderstücken blitzen immer wieder dadaistische Elemente auf. Kinder lieben und machen ja selbst gern grotesken Nonsens und phantasievollen Unfug und sind dabei doch das kritischste und unbestechlichste Publikum. Winni hat die Kinderstücke immer ernst genommen und ohne betuliche Kindertümelei den Humor der Kinder und der Erwachsenen intuitiv getroffen.

Der Sohn eines bekannten Fotografen, der immer alle Kinderstücke gesehen und zuhause viele Western konsumiert hat, wurde von seiner Mutter gefragt: “Welche Schauspieler gefallen Dir denn am besten? Die Antwort war: „Winni Wittkopp und Clint Eastwood“.

„Das ist für mich die größte Ehrung“, sagt Winni.

Foto: Bernd Böhner

Offizielle Ehrungen und Preise hat er in großer Zahl bekommen, wie wir gehört haben. Aber seinen ersten Preis -und das weiß fast niemand mehr- hat er von unserem Vorläufer, dem Garagenverein bekommen. Es war der „Venus von Petridis-Preis.“ Der war zwar nicht dotiert, bestand dafür aber aus einem hübsch-kitschigen Torso der Venus, benannt nach Papa Petridis, dem Wirt des “Mohren“, bei dem das Ensemble und der Verein so gerne getagt und gefeiert haben. Und so ist es nur folgerichtig, dass Winfried Wittkopp seinen – vorläufig – letzten Preis auch vom Förderverein des Theaters bekommt, den Preis für ein eindrucksvolles künstlerisches Lebenswerk, das dieses Theater so vielfältig geprägt hat!

Auch wenn wir jetzt seinen Abschied feiern, bin ich mir sicher: Winni, der liebenswerte Theatermann unserer Stadt, wird weiter da sein, so wie er immer da war, als Schauspieler, Musiker und bildender Künstler, als einer, der aus den Straßen und Spielorten, den Galerien und Theatern dieser Stadt nicht wegzudenken ist.

Um zum Märchen und seinem obligaten Schluss zurückzukehren: Und solang er nicht gestorben ist, wird er diese Stadt bespielen.

Für die Jury: Lisl Brune
15. November 2014