Erlanger Theaterpreis 2015/16
Irina Finkel

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2008 an Sonja Hilpert für ihre langjährigen, herausragenden künstlerischen Leistungen als Leiterin und Regisseurin des Jugendspielclubs am Theater Erlangen – jet*-klub
Liebe Freunde des Theaters, liebe Elina Finkel,
Vielen von Ihnen dürfte bekannt sein, dass das Theater Erlangen einen Förderverein hat und dieser eine Jury wählt, die in jeder Spielzeit die Aufgabe übernimmt, eine Eigenproduktion des Erlanger Theaters mit einem Theaterpreis auszuzeichnen. Im Namen dieser Jury stehe ich vor Ihnen, um für die Spielzeit 2015/16 die Übersetzerin und Regisseurin Elina Finkel zu laudatieren.
Elina Finkel hat in der letzten Spielzeit Anton Tschechows Gesellschaftsdrama ‘Drei Schwestern‘ für unser Haus neu übersetzt und inszeniert. Diese Arbeit hat uns als Jury überzeugt.
Dabei können wir von einem sehr glücklichen Zusammentreffen sprechen. Elina Finkel ist gebürtige Russin. Als sie die Dramen Anton Tschechows kennen lernte, wurde sie eine begeisterte Bewunderin und Kennerin seiner Theaterkunst, die sie ja in der Originalsprache lesen und verstehen konnte. Elina Finkel ist ein Tschechow- Fan. Sie wollte mit Ihren Übersetzungen seinen Theaterstücken einen klaren Blick für unsere heutige Zeit geben.

Elina Finkel wurde in Odessa geboren, lange bevor sich die Wende in der Sowjetunion abzeichnete. 1978 emigrierte sie aus Russland. Nach Aufenthalten in Israel, Italien und Österreich lebt sie seit 1983 in Deutschland, wo sie 1989 in Bremen ihren Schulabschluss machte. Zwischen 1990 bis 1994 war sie Mitbegründerin und Mitglied des Jungen Theaters Bremen. Von 1995 bis 1998 machte sie in Hamburg eine Schauspielausbildung und schloss diese mit dem Diplom ab. Danach arbeitete sie zuerst als Regieassistentin, dann als freie Regisseurin und übersetzt russische Dramatik.
Ich möchte Elina Finkel dazu selbst zu Wort kommen lassen:
„Als wir nach vielen Jahren der Emigration, die uns durch verschiedene Länder führte, in Deutschland „gestrandet“ sind, wusste ich nicht mehr wirklich, was Heimat bedeutet und war also auf der Suche nach zumindest einer geistigen Heimat. Die fand ich im Theater.
Das Theater prägte mein Gesellschaftsbild, bildete mich, beantwortete mir Fragen, verlangte nach Haltungen. Gerade weil ich Deutsch durch und mit dem Theater lernte, war mein Zugang zur Sprache von Anfang an ein sehr genauer, spezifischer, der mich lehrte, mir nicht die kleinste Nuance entgehen zu lassen. Diese Fähigkeit erachte ich als essentiell für meine Arbeit als Regisseurin, sie ermöglichte mir aber auch ein weiteres berufliches Feld zu erobern, meine Tätigkeit als Übersetzerin russischer Dramatik.
Es gibt natürlich sehr viele Übersetzungen. Viele davon packen zu viel drauf, einige specken zu viel ab. Dabei geht es darum, den Figuren genau zu zuhören und zu verstehen, wirklich zu verstehen, was sie sagen und dieses dann zu transportieren. Ich habe das Glück, dass Russisch meine Muttersprache ist, ich also auch die kleinsten Nuancen verstehe. Andererseits bin ich ein Theatermensch, das heißt, ich höre schon beim Übersetzen, wie es klingen kann oder soll. Diese Kombination ist eine ganz besondere und einzigartige; ein Geschenk, welche es mir ermöglicht, Tschechows Sprache nah am Original zu übersetzen und gleichzeitig absolut zu entstauben. Ich übersetze immer das komplette Stück.“
Anton Tschechow gehört schon seit langem zu den Klassikern der deutschen Theaterlandschaft. Elina Finkel hat bereits ‚Die Möwe‘ und ‚Onkel Wanja‘ übersetzt und in Bremerhaven und Aachen inszeniert. Sie ist beeindruckt von Tschechows Suche nach dem Glück der Menschen, das sich im Komischen und Tragischen der Figuren ausdrückt, die immer aus dem Leben gegriffen sind.
‚Tschechow war ein unvergleichlicher Künstler, ja, ein Unvergleichlicher. Ein Künstler des Lebens. Er war aufrichtig. Er schrieb über das, was er sah, und wie er es sah. (Leo Tolstoi) ‚
Anton Tschechow wurde 1860 in Taganrog geboren. Sein Großvater war Leibeigener, der sich und seine Familie mit großer Mühe befreit hatte. 1879 beendete er dort das Gymnasium und schloss 1884 das Studium an der medizinischen Fakultät in Moskau ab. Während dieser Zeit wurden erste Erzählungen publiziert, denn er schrieb auch um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und er reiste viel. 1887 wurde sein erstes Bühnenwerk ‚Ivanov‘ in Moskau uraufgeführt. Die Uraufführungen seiner späteren Dramen erfolgten am Moskauer Künstlertheater u.a. 1898 ‚Die Möwe‘, 1899 ‚Onkel Wanja‘ und 1901 ‚Drei Schwestern‘. Anton Tschechow war Arzt. Durch diesen Beruf war er besonders mit der gesellschaftlichen Situation vertraut. Das prägte seine demokratischen Anschauungen. Er war mit Maxim Gorki befreundet und sympathisierte mit der russischen revolutionären Bewegung.
Ebenfalls im Jahr 1901 heiratete Anton Tschechow. die Schauspielerin Olga Knipper, die er am Moskauer Künstlertheater kennen gelernt hatte und die in die ‚Drei Schwestern‘ die Mascha spielte. Anton Tschechow., der seit seinem 24. Lebensjahr an Tuberkulose litt, lebte deshalb in Jalta auf der Krim und starb am 15. Juli 1904 in Badenweiler in Deutschland.

Anton Tschechow wird als ein sehr bescheidener Mensch beschrieben. Mit der für ihn typischen, wertneutralen und zurückhaltenden Art, Aspekte aus dem Leben und der Denkweise der Menschen in der russischen Provinz darzustellen, gilt Tschechow als einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur. Er war Arzt, betrieb die Medizin aber fast ausschließlich ehrenamtlich. Er schrieb zwischen 1880 und 1903 über 600 literarische Werke, international berühmt wurde er aber als Dramatiker. Sein handlungsarmes Theater prägte besonders seine späteren Werke und wies durch die Art des sprachlichen Umgangs der Menschen auf die tragisch-komischen zwischenmenschlichen Beziehungen hin.
Tschechow bewertet seine Bühnengestalten nicht. Seine Vorstellung von einer undramatischen Dramatik und offen konzipierten Charakteren, sich verfehlenden Dialogen, langen Momenten des Schweigens und einer spannungsarmen Handlung ist ungewohnt. Der Künstler soll nicht Richter seiner Personen sein. Es ist wichtig, keine Antworten zu geben, sondern nur die richtigen Fragen zu stellen. Es ist eine Zeit in Russland, in der ein starker sozialer Zerfall stattfindet. Als Individuum für das Gemeinwohl zu wirken, ist die positive Vorstellung, die der ‚Dichter der Arbeit (Thomas Mann)‘ von der Aufgabe der russischen Intelligenz hat.
Gerade bei Stücken, in denen es um emotionale Lebensrealitäten geht – wie eben bei Tschechow – bedürfen die Übersetzungen von Zeit zur Zeit einer Überprüfung, sie müssen auf ihre gegenwärtige Daseinsberechtigung abgeklopft werden.
Nochmals Originalton Elina Finkel:
„Ich habe versucht Tschechows Figuren, seiner gesamten Personage, eine noch bessere, klarere und dadurch verständlichere Stimme zu geben als bisher. Denn als russische Muttersprachlerin höre ich den Figuren so lange zu, bis ich sie genau verstehe. Oft geht es ja auch darum, wie etwas gesagt wird. Als Theatermensch suche ich also so lange nach dem richtigen Wort, dem passenden Ausdruck, dem einen Satz, der die größtmögliche Wahrheit enthält. So lange, bis ich sicher sein kann, dass die Sprache lebendig und „bühnentauglich“ wird. Ich höre auch die Laute, die Zwischentöne, das Gemeinte – aber ich übertrage es nicht nur, sondern ich bemühe mich verstärkt um einen passenden Ausdruck im Deutschen.
Die Sprache darf sich niemals verstaubt anhören, die Figuren dürfen nicht museal wirken, denn das würde sofort eine Distanz schaffen. Man darf den Figuren nicht sentimental begegnen, sie nicht schonen – wie sie es ja auch selbst nicht tun. Die Stücke sind komisch! Und diese Komik, den Humor, das über sich selber zumindest Schmunzeln können, das will ich noch sichtbarer machen. Tschechows Figuren sollen Menschen von heute werden – ohne dass ich sie ihrer Zeit beraube, oder ihnen ihr Geheimnis nehme. Wirklich nichts an diesem Stück ist veraltet. Tschechow. ist großartig.“
Damit komme ich zur Inszenierung von ‚Drei Schwestern‘ auf unserer Bühne. Dabei zeigt sich, wie sich ein Text in Bühnenleben verwandelt. Ich möchte dies an zwei Szenen der Inszenierung aufzeigen.
‚Die Menschen essen bloß zu Mittag. Sie tun sonst nichts, aber während dieser Zeit baut sich ihr Glück auf oder zerbricht ihr Leben. (Anton Tschechow.) Die drei höheren Töchter, die Schwestern Olga, Mascha und Irina, sind mit Ihrem Bruder Andrei durch die Versetzung Ihres Vaters, eines Brigadegenerals, in der Provinz gelandet. Sie verzehren sich in Ihren Erinnerungen nach Moskau, nach dem Tode des Vaters immer mehr. Nach Moskau, nach Moskau wollen sie.
Die Inszenierung beginnt bei Elina Finkel vor dem Eisernen Vorhang. Olga, die älteste der drei Schwestern schildert die Lebenssituation der Familie unter einem luftballonartigen Dreigestirn von Einhorn, Tiger und Delphin, welches als Symbol für die drei Schwestern steht. Die mittlere Schwester Mascha und danach der Bruder Andrei schauen nach ihr. Der Eiserne Vorhang wird hochgezogen, und es zeigt sich ein kleinerer Innenraum des Hauses, der durch eine schwarze Rückwand begrenzt wird. Es wird der Geburtstag der jüngsten Schwester Irina gefeiert. Es sind Geburtstagsgäste anwesend. Irina tanzt. Mit diesem furiosen Tanz, natürlich mit musikalischer Begleitung durch die Gäste, beginnt die Vorstellung. Ein hoffnungsfroher Auftakt. Irina ist glücklich, sie will leben und arbeiten, nichts als arbeiten.
Im 4. Akt des Stückes, in der letzten Szene unserer Inszenierung fehlen jegliche Bühnentrennwände. Das Haus der Schwestern öffnet sich, ihre bürgerliche Welt zerfällt. Sie sehen sich dem Außen ungeschützt gegenüber. Sie verlieren ihr zu Hause. Vier Jahre sind vergangen, ein Abschiednehmen ist angesagt. Alle Darsteller stehen auf der offenen Bühne und dialogisieren aneinander vorbei. Wir sehen einen großen abstrakten schwarzen Bühnenraum, der eine Endzeitstimmung vermittelt. Bloß nicht dem Leben ins Gesicht schauen müssen. Es fehlt die Energie zur Veränderung. Aber das Leben hat eine Zukunft. Irina geht weg und will arbeiten.
Unsere Inszenierung der ‚Drei Schwestern‘ hat den Untertitel ‚Heimatverklärung‘ erhalten. Dieser Begriff setzt sofort einen Gegenpol frei, den der Fremde. Damit weist die Inszenierung in unsere kommende Spielzeit hinein, wo Heimat in der Fremde fortgesetzt wird. Es ist schön, dass sich bei Elina Finkel beides ergänzt. Sie ist Russin, weiß was Migration bedeutet und hat bei uns in Deutschland hoffentlich ihre Heimat gefunden.
Apropos: ‚Der Kirschgarten‘ ist das letzte Stück von Anton Tschechow. Die Uraufführung war an seinem Geburtstag, dem 29. Januar 1904. Tschechow war im Moskauer Künstlertheater anwesend. Ein halbes Jahr später ist er gestorben. ‚Der Kirschgarten‘ wird demnächst in Aachen Premiere haben, Übersetzung und Regie Elina Finkel.
Elina Finkel wir danken Ihnen.
Für die Jury: Ingrid Beger
23. Oktober 2016
