Erlanger Theaterpreis 2016/17
Janina Zschernig

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2017 an Janina Zschernig
Liebe Janina,
sehr verehrte Gäste, Freunde, Bekannte, Kollegen, und alle, die sich aus reiner Neugierde hierher verirrt haben.
Jetzt haben wir den Salat.
(PAUSE)
Sie stutzen. Dann sollte ich das vielleicht etwas näher ausführen. Ich fange mal von vorne an und arbeite mich von der Peripherie zum Kern vor.
Warum, zu welchem Anlass werden Preise vergeben? Denken Sie beispielsweise an den Bayerischen Filmpreis oder die LOLA, den Deutschen Filmpreis oder den Deutschen Theaterpreis FAUST. All diese Auszeichnungen haben etwas gemeinsam. Sie werden in verschiedenen Kategorien ausgelobt. Und sie beziehen sich auf eine einzelne Produktion. Beste Inszenierung von… bestes Drehbuch für… Beste Schauspielerin in… Das gilt auch für die Goldene Himbeere und die Oscars. Nicht selten ist man also verleitet zu denken, dass Künstler mit Preisen honoriert werden, die an eine einzelne, hervorstechende Leistung, bezogen auf eine konkrete Produktion, geknüpft sind.
Außer man bekommt einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Da wird dann alles berücksichtigt, was man in vierzig, fünfzig, sechzig Jahren künstlerischem Schaffen so mehr oder weniger Herausragendes gemacht hat. Ein paar Dinge werden sich sicher finden lassen, bei dieser Zeitspanne. Bis solch ein Ehrenpreis ansteht, liebe Janina, hast Du hoffentlich noch ein bisschen Zeit. Natürlich kannst Du es auch machen, wie Heath Ledger, aber davon würde ich persönlich abraten.

Die Preise haben auch gemein, dass sie jährlich vergeben werden. Das hat aber einen entscheidenden Effekt auf die Wahrnehmung der Zuschauer, auf die Wahrnehmung derer, die einen Preis ausloben. Weil in diesen Etappen gedacht wird. Was war das letzte Jahr? Was gab es diese Spielzeit? Und danach wird alles wieder auf null gesetzt und es geht von vorne los. Es liegt also nahe, wenn es um Schauspieler geht, große Rollen auszuzeichnen, Rollen, die für die einzelne Produktion von besonderer Bedeutung waren.
Der Preis jedoch, der dieses Jahr vom Förderverein des Theaters Erlangen verliehen wird, bezieht sich nicht auf eine Einzelleistung.
Tja, und somit haben wir den eingangs erwähnten Salat, denn über Einzelleistungen ließe sich sehr leicht schwatzen. Es ist leicht, weil man weiß, worüber man reden soll. Und nun? Ich habe mir in Vorbereitung auf diese Laudatio Janinas Rollenliste, seit Sie nach Erlangen gekommen ist, mal angeschaut. Puh, ich muss sagen. Ich war überfordert. Ich werde jetzt einfach chronologisch, 2012 mit der Rolle des Dienstmädchens in Molières Tartuffe beginnen …mich durcharbeiten…unterteilt in Markgrafentheater, Garage und Extras…
Nein, natürlich nicht! Sonst verweilen wir hier noch Stunden. Und glauben Sie mir, dass wollen Sie nicht. Sie verzeihen mir also hoffentlich, dass ich jetzt nicht auf jede einzelne Rolle eingehe.

Aber treffen Sie mal eine Auswahl aus mehr als 30 Inszenierungen und Rollen, die von Abigail in Arthur Millers „Hexenjagd“ über Julie in „DantonsTod“ bis zu der Haushaltshilfe Jessica, oder wie Michael sagt, Tschessika! in „Stück Plastik“ reichen. (PAUSE)
Dann wollen mir mal… Janina Zschernig, begann, nach ihrer Ausbildung an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, ihr Engagement zur Spielzeit 2012/13 am Erlanger Theater. Seitdem häuft Sie Glanzpunkte an. Und irgendwann hat man so viel Glänzendes fabriziert, dass eine Jury dieses funkelnde Feld gar nicht mehr übersehen kann. Es kommt so, wie es kommen muss und so war dieses Jahr kein Vorbeikommen an Dir, liebe Janina.
Um Ihnen, meine Damen und Herren einen Schnelldurchlauf zu gönnen, bevor ich mir den Mund fusselig rede, und Dir Janina noch einmal vor Augen zu führen, was Du bislang angerichtet hast, haben wir da mal was vorbereitet. Film ab! [Videoeinspielung]
Als blonde Lichtgestalt fegt sie über die Bühne des intergalaktischen Liederabends „Heimat erlangen!“. Die anderen Showgäste fest im Griff. Oder wie es die Bayerische Staatszeitung in ihrer Rezension ausdrückt: „Star des terrestrischen Heimatabends auf der Erde ist jedoch Janina Zschernig, die als Helene-Fischer-Persiflage der Schmalz- und Schmerz-Soiree die satirische Krone aufsetzt.“ Als wäre das nicht genug, möchte sie in selbiger Spielshow auch noch als Anneliese Rappelmann den Hauptgewinn, die Auswanderung auf den Planeten Alpha Beta Gamma 47 gewinnen. Anneliese, das schrullige aber liebenswerte Mauerblümchen, dem man irgendwie alles gönnen würde.

Ihre Wandlungsfähigkeit stellt sie auch in „Angst essen Seele auf“ unter Beweis. Als derb verrotzte, unleidliche Assi-Tochter gräbt sie sich ihr Ehe-Höllen-Grab selbst. Frönt dem Proletentum, dass es körperlich im Zuschauerraum spürbar wird. Immer wieder changiert sie zwischen komödiantischem Können, außergewöhnlicher Nähe, wie in „Atmen“, und der sterilen, unnahbaren Hochnäsigkeit einer Frau Gerich in „Jeder stirbt für sich allein“.
Letztere Facette findet ihre nuancierte Steigerung in der unerträglichen Schwägerin der Drei Tschechow-Schwestern, die einen als Zuschauer die Hände vor das Gesicht schlagen lässt, so schleimig und gouvernant selbstzentriert kommt Natascha daher. Und doch hat man irgendwie in ihrer Verbitterung und Pedanterie Mitleid mit ihr. Damit versetzt sie den Zuschauer in ein Wechselbad zwischen genervter Abneigung und unfreiwilligem Mitgefühl. Ein unangenehmer Zwiespalt für eine Außenseiterin in dieser Tschechow-Familie, die versucht, sich bei ihrem Gatten mit „Man muss es ihr nur sagen“ Gehör zu verschaffen. Ein eindrucksvoller Brückenschlag ist Ihr da gelungen zwischen strapaziösen, schrillen Getue einer Furie und der aufflackernden Verletzlichkeit dieser Figur. Ihr einziger Trost, eine Horde voller Kinder, die sie liebevoll betüddelt. Eine überängstliche und überambitionierte Löwenmutter mit Schnappatmung nach Liebesbekundungen.
Dass Sie ein Händchen für Kinder hat, die sind ja wohlweißlich das strengste Publikum, stellt sie jüngst in „Es war einmal…“ und „Um die Ecke“ unter Beweis. Kindlich-Naiv beineschlotternd auf Entdeckungsreise zwischen Zuckerschnute und Knetgesicht. Das Ganze spickt sie mit clownesken Einlagen und charmanten Einfällen, mit sichtlichem Spaß an großer Mimik und Gestik.
Mit dem Ausruf Rosas „Ach Mama!“, in„Unschuld“ist Sie mit ihren Couchkommentaren das Zentrum des Minimalismus, die sich wacker gegen die grantige Mutter und ihre zusammengesponnenen Traumwelten aufrecht hält. Stoisch. Abgestumpft. Desillusioniert. Der milchige Blick eines Karpfens.
In „Anna Log“ wird sie zu einem Digital-Nerd, der aussteigen will. Zurück ins Analoge, raus aus den Fesseln ihres Smartphones, das unentwegt Aufmerksamkeit einfordert. Ein Solo-Abend mit Mandarinen, Zauberwürfel und dem verführerischen Griff zum Tipp- und Wischmedium. Es kommt mir wie ein meditatives Hörbuch vor, wenn ich mich dabei erwische, wie ich Anna gespannt lausche, wenn sie von einer Internetplattform oder von Snapchat AGBs vorliest! (PAUSE)

Janina Zschernig hat auf der Bühne mitunter etwas Beiläufiges, eindrücklich Beiläufiges. Es sind die eingestreuten Details und Kleinigkeiten, die aufmerken lassen. Auch in Nebenrollen gelingt es ihr, den Fokus immer wieder subtil auf sich zu ziehen. Selbst der Abgang einer Figur von der Bühne wird bei Janina zum Hingucker. Da geht nicht einfach jemand ab. Sie findet immer noch ein Amuse-Gueule, das sie obendrauf setzen kann. Das Banale wird speziell. Das Beiläufige eindrücklich.
Und Janina, ja wir kommen nicht drum herum. Wir müssen über deinen Gesang und deine Musikalität reden. Ich weiß, dass gerade Schauspieler mitunter allergisch reagieren und reflexartig befürchten, man wolle sie nur auf ihre ganz annehmbare Stimme reduzieren. Aber welch außergewöhnliche, raumfüllend-klare Stimme Janina hat, ist nun einmal nicht zu überhören. Also nimm´ es den Regisseuren nicht zu krumm, wenn Du mal wieder zum Mikrofon greifen sollst. Von Ihrer Interpretation des Liedes „Ich sag nicht ja“ der Gruppe „Silly“ in „Spaziergang auf den Barrikaden“ wird noch heute geschwärmt. Von ihrer großartigen, warmen Stimme durften sich die Zuschauer nicht nur in „Der große Gatsby“, sondern auch soeben in „Die Schutzflehenden“ wieder überzeugen. (PAUSE)
Der Erlanger Theaterpreis wird für herausragende künstlerische Leistungen verliehen. Und auch, wenn dies das ausschlaggebende Kriterium für die Verleihung an Dich ist, so möchte ich mir doch herausnehmen, ich hoffe, das erlauben Sie mir liebe Gäste, kurz abzuschweifen und diese Gelegenheit zu nutzen, um das Gesamtpaket in den Blick zu nehmen. Ich habe Janina als äußerst aparte, sympathische Person kennen lernen dürfen und man streckt vorab ja seine Lauscher mal so in alle Richtungen aus. Meine Quellen bleiben natürlich an dieser Stelle ungenannt. Wie dem auch sei. Mir kam zu Ohren, dass diese Frau eine permanente gute Laune und Fröhlichkeit auf den Proben, aber nicht nur da, an den Tag legt, dass es eine Art hat. In Puncto Kollegialität und Herzlichkeit kann Ihr offenbar keiner so schnell etwas vormachen. Zudem wurde mir aus mehreren Quellen mehrfach eindringlich versichert, und ich solle es dringend erwähnen, dieser Bitte bin ich hiermit nachgekommen. Also mir wurde eindringlich versichert, dass Janina verboten gut backen könne. Ihre Brownies sollen derart kompakt und dicht sein, dass man schon nach dem ersten Bissen bis auf weiteres gesättigt ist.

Und so biegt die Laudatio an dieser Stelle gemächlich auf die Zielgerade ein, nicht ohne Dir liebe Janina viele, viele weitere knallbunte Theaterjahre hier oder wo auch immer es dich mal hin treibt, zu wünschen. Ich wünsche dir von Herzen Rollen, in denen du die Sau rauslassen darfst, gegen den Strich gebürstet, und die durch Dich eine Strahlkraft entwickeln, dass das Theater hier aus allen Löchern und Ecken platzt.
Es war mir eine besondere Ehre deine Laudatio halten zu dürfen. Und zum Schluss möchte ich Janina noch einmal selbst zu Wort kommen lassen. Denn uns sind da nämlich so einige dubiose Schnittmengen zwischen den Rollen aufgefallen: Film ab, die Zweite! [Videoeinspielung 2]
Und so bleibt mir nur noch zu sagen:
Der Preis des Fördervereins des Theaters Erlangen geht dieses Jahr an die Schauspielerin Janina Zschernig.
Herzlichen Glückwunsch und lass Dich feiern!
Für die Jury: Karolin Berg
8. Oktober 2017
