Erlanger Theaterpreis 2017/18
Ralph Jung

Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2018 an Ralph Jung
Lieber Preisträger, liebe Mitglieder des Theaters Erlangen und seines Fördervereins, sehr geehrte Gäste, die Sie deshalb hier sind, weil Sie das Theater lieben,
Wow! Was haben wir da gerade gesehen, nein: was haben wir da eben erlebt? Genauso packend wie bei der Premiere, aber ruhiger – und dennoch:
Ein Solo als Parforceritt durch die Schönheiten und Widrigkeiten des Lebens – das Leiden an nahestehenden, geliebten Menschen – das Werden vom Kind zum Mann durch Ängste und glückliche Momente.
Wir sahen einen ruhelos Rasenden, einen sich Abrackernden, der mit einer altersgemäß ständig wachsenden Liste „all des Schönen“ die Mutter vom Suizid abhalten will und dabei letztlich unterliegen muss. Einen, dessen grundsätzliche Lebenslust immer wieder subtiler Melancholie und immanenter Traurigkeit weicht und der trotz des immensen Tempos doch in Momente des Nachdenkens, des Innehaltens gezwungen wird.

Einen „Schauspieler“, der eruptiv und mit vollem Einsatz agiert und doch in jedem Moment hochkonzentriert auf dem Punkt ist. Von dem wir Zuschauer nicht den Eindruck haben, dass er „schauspielert“, also so tut, als ob – sondern dass er der ist, den er spielt. Er ist einer, der uns „mitnimmt“ in beiderlei Bedeutung: der uns in seinem Kampf gegen den viel zu großen Gegner „Depression“ verunsichert und berührt und der uns – nicht nur als Stichwortgeber – einbindet in seinen (aussichtslosen) Widerstand. „Hier lässt sich einer nicht unterkriegen“, wie Manfred Koch titelte.
Für diese Leistung geht heute der Erlanger Theaterpreis 2018 an Ralph Jung für die Rolle – nein, das Bühnen-Leben – des von ihm verkörperten Kindes, jungen Mannes, Menschen ohne Namen.
Als die Jury am 10.Juli zusammenkam, kristallisierte sich ziemlich schnell unser heutiger Preisträger heraus. In seiner Rolle ist er universell, „einer“, der ebenso „eine“ sein könnte und der in seinem lebensbejahenden Monolog mit uns Zuschauern – in gekonnt-unterschiedlicher Weise eingebundenen – hinreißend, herzergreifend und unsentimental nachdenkt über Depression und was diese mit uns macht – und wie er (und wir) trotzdem immer wieder an „all dem Schönen“ Halt finden könnten…

Ralph Jung bewegt sich in diesem Solo im intimen Raum der umgestellten Garage, er muss – wie er es selbst formulierte – bei einem solchen Stück „mangels Ansprache aus sich selbst schöpfen“ und empfindet das „körperliche Agieren“ als eine „große Herausforderung“, die dann Kunst wird, wenn „der Text, den man denkt“ eins wird mit „dem Text, den man spielt“.
Eine phantastische Leistung!
Ralph Jung taucht so in seine Rolle ein, stellt Handlungsweise, Motivation und innere Verfassung der Rollenfigur so glaubwürdig dar, dass das Kind und der (junge) Mann in ihrer Entwicklung äußerst präsent sind: er leidet an seiner hintergründigen Angst und will doch sein Leben (mit dem seiner Mutter) leben, indem er dem Leid „all das Schöne“, unbändige Aktivität und Freude gegenüberstellt. Er stellt den vom Leben gebeutelten Menschen nicht nur dar, er ist der Mensch. Als Schauspieler erfüllt er, einmal losgelassen, die intellektuellen und körperlichen Anforderungen seiner Profession hervorragend: er beherrscht die eigene mentale und emotionale Verfassung, um die Hoffnung und Verzweiflung seiner Rollenfigur zum Ausdruck zu bringen. Und dies gelingt ihm sehr überzeugend.
Ralph Jung wurde 1969 in Leipzig geboren. Weil er seit der 5. Klasse Schauspieler werden wollte, erlernte er in den Theaterwerkstätten zunächst den Beruf des Bühnentischlers – um Teil des Theaters zu sein, obwohl er doch vor allem spielen wollte. Von 1990 bis 1994 studierte er dann doch Schauspiel an der Theaterhochschule „Hans Otto“, die 1992 in die „Hochschule für Musik und Theater Felix-Mendelssohn-Bartholdy“ eingegliedert worden war. Mit einer Truppe junger Leute machte er im Sommer nach dem Examen an der Ostsee „Spontan-Theater an der Uferpromenade“ und setzte sich ohne schützende Bühne dem unmittelbaren Kontakt mit den Zuschauern aus – ein echter hardcore-Einstieg! Es folgten Engagements u.a. an der Landesbühne Esslingen, am Theater Basel sowie am Theater Nordhausen, in Solothurn spielte er sogar in einer schwiizerdütschen „Wilhelm-Tell-Aufführung“ (erarbeitet mit Hilfe rein phonetischer Kassetten!). Von 2007 bis 2011 war er am Theaterhaus Jena engagiert und gastierte im selben Jahr am Düsseldorfer Schauspielhaus.
In der Spielzeit 2012/13 war Ralph Jung erstmals am Theater Erlangen in Molières TARFTUFFE zu sehen. Seit der Spielzeit 2015/16 ist er hier festes Ensemblemitglied – und war bisher in sehr unter-schiedlichen Rollen zu sehen: hier eine Auswahl, die mit den Fotos, die nach der Laudatio zu sehen sind, die Bandbreite seines Schaffens zeigen soll:

Neben „Tresen-lesen“, Interviews „auf der Rolle“ (dem hochgebockten Fahrrad), spielt er mit großer Freude Theater an ungewöhnlichen Orten und für Kinder: Die Schneekönigin, Es war einmal, Ox und Esel – all das und noch mehr, was das Theater Erlangen als Stadttheater sonst noch von seinen Künstlern fordert…
Insbesondere blieben mir folgende Rollen im Gedächtnis:
2015 spielte er „sympathisch-verschmitzt“ den Nathan in „Nathan der Weise“ in einer sehr statischen, den Text feiernden, Inszenierung des Dramas in einem Hörsaal – eine große Herausforderung für den jungen, schlaksigen Schauspieler, der schon im Aspekt so gar nicht dem sonst gewohnten Nathan entsprach…
2016 gab er den Weiberhelden Wereschin in Drei Schwestern und in Mittelreich neben anderen Rollen den an seinen grauenhaften Kriegserinnerungen irre gewordenen Dinewitzer. Er hatte „aasig kalte Momente“ als Brandstifter Eisenring in Biedermann. Gemeinsam mit Hermann Große-Berg und Charles P. Campbell setzte er sich in „viel gut essen“ im Theatercafé und der Garage mit Midlifecrisis und der Entwertung des maskulinen Rollenbildes auseinander.
Leider nur 2x zu sehen war „Lächeln Sie nicht zu viel (Ralph probt Emilia)“ im Rahmen der werkschau:lessing. Ralph Jung darf — als Schauspieler oder Regieassistent? — in dieser Werkstatt-Produktion selbst ein Stück, die Emilia, inszenieren und widmet sich den Frauenrollen. Egal ob Emilia, Julia, Ophelia oder Gretchen, „junge Mädchen sind im Theater Opfertiere“, fasst er zusammen und fragt: Muss das so sein? Er spielt Emilia im Monolog zunächst als Opfer; aber alternativ könnten junge Frauen natürlich auch Verführerinnen sein: also mimt er Emilia im identischen Monolog als lasziven Vamp. Darauf nochmal dieselbe Textstelle, gesprochen von einer emanzipierten jungen Emilia, die die Annäherungsversuche des Prinzen angewidert und verächtlich abwehrt. Wie die Kritik meinte: “Grandios gespielt mit philosophisch klugem, humanistischem Ansatz voll Esprit und Humor“
2017 sahen wir Ralph Jung als Vater Montague in „Romeo und Julia“. In „Angst essen Seele auf“ begegnete er uns in verschiedenen Rollen sarkastisch, witzig und vorurteilsbeladen im fliegenden Wechsel. In „Die Physiker“ war er – trotz zunächst slapstickhafter Inszenierung – ein überzeugend-anrührender Möbius. Während sich seine „Physiker-Kollegen“ hinter ihrem historischen Nimbus verstecken können (Hermann Große-Berg hinter Newton und Charles P. Campbell hinter Einstein) bleibt ihm als Möbius keine Rückzugsmöglichkeit, er ist auf sich selbst geworfen und Ralph Jung stellt dies eindringlich dar…

2018 hat er in „paradies: spielen“ zwei Rollen – er gewinnt die Empathie des Publikums im gemeinsamen leisen und dichten Auftritt mit Violetta Zupancic als chinesisches Wanderarbeiter-Paar, dessen Hoffnung auf ein besseres Leben nach den Entbehrungen der Migration so schrecklich scheitert – und er ist lethargischer Passagier im rasenden ICE, der „schon lange falsch abgebogen“ in den Abgrund rauscht. Hier rettet die Menschheit nichts mehr…
Und nun: „All das Schöne“ von Duncan Macmillian – Was für ein Stück und was für ein Solist! Während Ralph Jung den Druck der dystopischen Gesellschaft in „paradies: spielen“ in den beiden Rollen verhalten verdeutlicht, nimmt er den Kampf um das individuelle Glück mit Macht auf:
Unter der Regie Katja Otts agiert er mit höchstem Einsatz, riesiger Spielfreude und größter Präsenz – und es gelingt ihm dabei, seine selbst gestellte Aufgabe (die Mutter zu retten) und sein Scheitern so darzustellen, dass die zwischen den Katastrophen liegende Leichtigkeit des Lebens immer wieder aufstrahlt.
Dafür erhalten Sie, lieber Ralph Jung, nun den Erlanger Theaterpreis 2018.
„Schon der nachgemachte Effekt macht den Schauspieler augenblicklich krank“ – trotz dieser Äußerung Schillers über das ungesunde Leben der Schauspieler und gerade im Hinblick auf die beiden letzterwähnten Stücke: Ich wünsche Ihnen im Namen der Jury und auch persönlich Freude und Gesundheit beim Ausloten und Ausleben neuer Rollen, viel Glück und Erfolg auf dem Theater. Spielen Sie!
Darf ich Sie nun zur Preisverleihung auf „ihre Bretter“ bitten…
Für die Jury: Ursula Lanig
2018
