Erlanger Theaterpreis 2018/19
Laudatio anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2019 an das Team der Produktion „Draußen vor der Tür“.
Liebe Preisträger,
liebe Mitglieder des Theater Erlangen und seines Fördervereins,
sehr geehrte Gäste und Freunde der darstellenden Kunst,
Alljährlich vergibt der Förderverein Theater Erlangen den „Erlanger Theaterpreis“ für herausragende künstlerische Leistungen an einen einzelnen Künstler oder an eine besonders stimmige Produktion. Nach Preisen für überzeugende Einzelleistungen in Schauspiel und Produktion geht der „Erlanger Theaterpreis“ 2019 an das Team der Produktion „Draußen vor der Tür“, die am 9. November 2018 in der Garage Premiere hatte, begeistert gefeiert und – viel zu selten gegeben wurde. (Viele Interessierte konnten diese höchst eindrucksvolle Inszenierung nicht mehr sehen… und leider zog die Karawane weiter.)
So können wir uns heute nur an diese tolle Inszenierung in der Garage erinnern, wir freuen uns aber über das Wiedersehen und danken herzlich für die einleitende szenische Lesung mit Enrique Fiß und Maria Sendlhofer – den Fixpunkten der Inszenierung.

Der Erlanger Theaterpreis 2019 für das Produktionsteam von „Draußen vor der Tür“ geht an:
Enrique Fiß (Schauspiel + Konzept), Maria Sendlhofer (Konzept, Regie, Bühne), Niklas Handrich (Musik) und Sandra Dehler (Bühne, Kostüm).
Dazu gratuliere ich Ihnen allen und danke den vielen weiteren Beteiligten ganz herzlich! Die Jury musste diesmal nicht bis in die Nacht tagen…
Zum Stück:
„Draußen vor der Tür schrieb der schon schwer kranke Wolfgang Borchert 1946/47 in kürzester Zeit, die Premiere 1947 in den Hamburger Kammerspielen erlebte der Autor nicht mehr – er war tags zuvor mit 26 Jahren gestorben.
Zum Inhalt: Beckmann kommt nach drei Jahren Gefangenschaft aus dem Krieg zurück in ein zertrümmertes Deutschland. Seine Ankunft wird nicht zur lang ersehnten Heimkehr: Er sucht erst seine Familie, dann eine Bleibe, aber niemand lässt ihn ein – er bleibt draußen vor der Tür. Alles hat er verloren, nur seine ihn quälende Verantwortung wird er nicht los.
„Draußen vor der Tür“ wurde hymnisch begrüßt (Hans Weigel: „Es ist das ‚Zeit‘-Stück schlechthin mit all seinen Tugenden und Mängeln. Es ist das Stück, nach dem die Feuilletonisten schreien und das nur Dichter schreiben können.“) und es wurde rigoros abgelehnt (Friedrich Luft: „ Von einer vorrückenden, gedanklich fördernden Handlung ist hier keine Rede. Es ist Qual, ein neurotisches Lamento (!) bis zum Ende mitanhören zu müssen.“) – allein im Jahr 1947 erfuhr das Stationen-Drama 36 Inszenierungen.

Und zu „Draußen vor der Tür“ in der Erlanger Garage
Maria Sendlhofers Inszenierung von „Draußen vor der Tür“ bündelt die meisten theateraffinen Formen der darstellenden Kunst (vor allem natürlich Schauspiel und Medienkunst, aber eben auch elektronische Musik, Video, Film) zu einem überzeugenden und unter die Haut gehenden Ganzen. Das uns allen bekannte, herausragende Stück der „Trümmerliteratur“ nach dem 2. Weltkrieg wirkt in dieser Aufführung ganz neu, so noch nicht gesehen.
Oder, wie Manfred Koch in den Erlanger Nachrichten rezensierte: „Das Theater Erlangen liefert eine so kluge wie intensive Interpretation ab … die ungemein engmaschig ist, die keine Leerstellen kennt, keine überflüssigen Zeilen, die wunderbar getimt daherkommt und dank der klug eingesetzten Mittel die gelungene Umsetzung eines überaus bekannten Titels darstellt. Das ist theatral im besten Sinne. Schullektüre ohne Holzhammer.“
Diese Schullektüre (von einst?) stellt uns neue Fragen: Was erzählt uns Beckmanns Schicksal über die Gegenwart? Ist Beckmann allein Opfer und muss er nicht auch Täter gewesen sein? Wie kann man sich ihm annähern? Es werden grundsätzliche, überzeitlich gültige, Fragen verhandelt, es geht um die Verantwortlichkeit des Individuums in gewalttätigen Zeiten. Beckmann ist der vereinsamte, von der Gesellschaft ausgestoßene Mensch – psychisch verwüstet und körperlich ruiniert. Der „Held“ des Stücks ist ein Antiheld und entspricht damit genau der Erwartung einer mythen- und heldenmüden Generation. Während sich die Gesellschaft, in die er zurückkehrt – versessen auf das Vergessen – schon ihrer unmittelbaren Vergangenheit entledigt hat, bekommt er keine Chance, seine Vergangenheit, seine Schuld im Krieg zu thematisieren und damit zu verarbeiten. Enrique Fiß und Niclas Handrich führen unter Maria Sendlhofers Regie Beckmann in dieser konzentrierten, poetischen Fassung schlüssig ins Heute und legen dabei besonderes Gewicht darauf, dass er eben nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist.
Schon während ihres Studiums am Max-Reinhardt-Seminar in Wien arbeiteten Maria Sendlhofer und Enrique Fiß (auf dessen Vorschlag) gemeinsam an einem Konzept zu „Draußen vor der Tür“. Junge Theaterschaffende nahmen sich einen riesigen Brocken „klassische Moderne“ vor – emotional aufwühlend, eigene Stellungnahme herausfordernd, kein Schwarz/Weiß zulassend – und wie sie das machen: Die intensive Beschäftigung mit dem Stoff über längere Zeit verdichtet das Drama auf die wesentlichen Episoden in einer Inszenierung, die den Gehalt der Handlung auch für heutiges Publikum ohne die persönliche Erfahrung der Nachkriegszeit verdeutlicht. Beider künstlerische Fähigkeiten kommen in dieser Bearbeitung in ihrer Diversivität ausgezeichnet zum Tragen: das Konzept lebt von dem eindringlichen Spiel Enrique Fiß‘ als Beckmann und als sein jeweiliger Kontrapart – und von der überaus zielführenden, klug gekürzten und auf vorwärts treibende Momente setzenden Regie und Bühne Maria Sendlhofers – ohne je in unruhige Hektik zu geraten. Mit Sandra Dehler hat die Multi-media-Artistin Maria Sendlhofer die richtige Frau an ihrer Seite: Selten spielen Video und Film eine derart sinnige Rolle im Theater – nicht um ihrer selbst willen oder als Spielwiese digitaler Möglichkeiten, sondern als Grundlage und Atmosphäre des Agierens Beckmanns. Dies gilt ganz besonders auch für die Musik, besser: die Klänge und Geräusche Niklas Handrichs auf seinem Cello, die er mit „sample-loops“ ergänzt, unterlegt oder konterkariert. Auch wenn Handrich den Ton manchmal ganz zurück nimmt und Stille herrscht: Seine hochkonzentrierte Bündelung der „Schwingungen“ erzeugt den nie aufdringlichen, sich verhalten ins Ohr grabenden background zu diesem „verzweifelt melancholischen Spießrutenlauf“.

Enrique Fiß‘ wirkt auf der vollen Bühne (mit klug gewählter Ausstattung) ungeheuer authentisch und „verkörpert“ die verzweifelte Zerrissenheit Beckmanns im wahrsten Sinne des Wortes. Hervorgehoben sei hier die (Schlüssel)Szene Beckmanns mit seinem Oberst: Klang, Werkstattbühne und Live-Kamera sind Mitspieler, die es Fiß ermöglichen, zwischen seinem absolut hoffnungs- und rettungslosen Selbst und dem saturierten Gegenpart zu changieren – ganz große Klasse … und absolut preiswürdig!
Das Heimkehrer-, Schuld- und soziale Drama besticht immer noch (und verunsicherte damals) durch den beständigen Wechsel von Realität und Irrealität in der Handlung und seine konzentrierte, eindringliche und expressive Sprache. Sendlhofer und Fiß gelingt es, diese auffällige und aufwühlende Mischung aus zugespitzter Einfachheit und ausufernder Bildhaftigkeit, aus lapidarer Feststellung und schichtweise aufgelegter Bedeutungsvielfalt hör- und begreifbar zu machen. (Szenen)Bild und Sprache bekommen von der Regie die Zeit zur Entwicklung und sie verschmelzen zu vollkommener Einheit.
Ihren Ideenreichtum, ihre Ernsthaftigkeit und theatrale Präsenz bei der Umsetzung von „Draußen vor der Tür“ bewiesen uns auf – und hinter der Bühne:
Enrique Fiß
Enrique Fiß, 1993 in Hamburg geboren, begann bereits mit 13 Jahren in Jugendtheatergruppen am Ernst Deutsch Theater und dann in Produktionen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und am Thalia Theater zu spielen. Von 2013 bis 2017 studierte er Schauspiel am Max Reinhardt Seminar in Wien. Neben diversen studienbezogenen Produktionen spielte er während der Ausbildung am Volkstheater Wien und tourt darüber hinaus als Mitbegründer des Theaterkollektivs „SISU & Company“ seit 2015 durch den deutschsprachigen Raum.
Enrique Fiß war in den Spielzeiten 2017/18 und 2018/19 Ensemblemitglied am Theater Erlangen und bleibt hier als Schauspieler in Erinnerung, der in jeder seiner Rollen „vollen Einsatz“ ging.

Maria Sendelhofer
Maria Sendlhofer wurde 1988 in Salzburg geboren. Dort studierte sie Multimedia-Art und realisierte diverse Filmprojekte, u. a. entstand der im Kollektiv erarbeitete Film TROUBLE: TEATIME IN HEILIGENDAMM, welcher 2008 mit dem Cinema for Peace Award ausgezeichnet wurde.
Seit 2010 lebt sie in Wien, wo sie Theater-, Film- und Medientheorie und Theaterregie am Max Reinhardt Seminar studierte. Während des Studiums inszenierte sie u. a. Stücke von Roland Schimmelpfennig, Ewald Palmetshofer und Henrik Ibsen. In Zusammenarbeiten mit dem Volkstheater Wien und dem Schauspielhaus Wien richtete sie szenische Lesungen ein. Ihre erste Inszenierung nach dem Studium „DRAUSSEN VOR DER TÜR“ von Wolfgang Borchert am Theater Erlangen wurde zur Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler 2019 eingeladen.
Niklas Handrich
Niklas Handrich wurde 1989 in Berlin geboren und wuchs in Hamburg auf. Nach der Schulzeit hospitierte er am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg, spielte und assistierte bei mehreren Kurzfilmprojekten und arbeitete als Statist am Schauspielhaus Hamburg. Ab 2012 studierte er Literatur- und Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Nebenbei arbeitete er an mehreren musikalischen Projekten. Seit der Spielzeit 18/19 ist er Regieassistent am Theater Erlangen, wo er auch in enger Abstimmung mit Fiß/Sendlhofer die Musik für die Produktion „Draußen vor der Tür“ entwickelte.
Sandra Dehler:
studierte Performance Design am Liverpool Institute for Performing Arts (UK) und Modedesign an der ESMOD und Akademie für Mode und Design in München. Seit 2001 arbeitete sie als Bühnen- und Kostümbildnerin für verschiedene Theaterproduktionen und Projekte im In- und Ausland. 2009 wurde sie bei den Bayerischen Theatertagen für „Cabaret Tschetchnenien“ mit dem Sonderpreis und 2010 für „Die große Depression“ als beste Produktion ausgezeichnet. Neben Tätigkeiten als Designerin und technische Produktionsleiterin arbeitet sie als künstlerisch-technische Projektantin am Theater Erlangen. Sie wurde zu verschiedenen Festivals und Theatertreffen z.B. Fringe Festival in Edinburgh (UK) und zum Israel Theatre Festival nach Jerusalem (ISR) eingeladen.
„Draußen vor der Tür“ versucht, dem zum Objekt degradierten Menschen wieder zum Subjekt zu verhelfen. Es bedient sich eines Realismus, der die offenen Fragen in irrealen Visionen zu beantworten sucht, aber keine Antworten findet und deshalb außerhalb der bürgerlichen Ordnung – eben draußen vor der Tür – landet. Borchert selbst nennt es im Untertitel: „Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Zuschauer sehen will.“ Die Inszenierung in der Garage Erlangen von 2018 beweist das Gegenteil!

Im Namen der Jury des Theaterpreises Erlangen 2019 gratuliere ich Ihnen sehr herzlich zu der phantastischen Inszenierung, dem hervorragenden Spiel und der Atmosphäre, in der sie Beckmanns Drama überzeugend auf die Bühne bringen. Es gelang Ihnen, ein überzeitliches Drama in gegenwärtiger, packender Darstellung „unter die Haut gehen“ zu lassen!
Schließen möchte ich mit der Kritik Christoph Leibolds aus „Theater der Zeit“:
„In dieser Solofassung … gelingt es, Beckmanns seelische Zerrüttung zu vergegenwärtigen, ohne in eine dick aufgetragene Irrsinnsshow abzudriften. Zugleich hat man jederzeit das Gefühl, dass es sich bei dem Abend um eine Herzensangelegenheit des Darstellers handelt. Fiß hat das Konzept gemeinsam mit Regisseurin Maria Sendlhofer selbst entwickelt. Diese Art von Überzeugungstäterschaft steht jedem Theater gut.“
Für die Jury: Ursel Lanig
29. November 2019
