Erlanger Theaterpreis 2021/2022

Udo Eidinger und Christoph Panzer

Foto: Arne Seebeck

Laudatio
anlässlich der Verleihung des künstlerischen Sonderpreises BÜHNE DIGITAL an Udo Eidinger und Christoph Panzer. In den Zeiten der Pandemie ermöglichten sie somit dem Publikum trotzdem einen Blick ins Theater.

Laudatio zum künstlerischen Sonderpreis 2022

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Angehörige desTheaters,
liebe Mitglieder des Fördervereins Theater Erlangen und vor allem:
liebe Preisträger Udo Eidinger und Christoph Panzer,

veränderte Umstände erfordern verändertes Handeln – und die Spielzeiten 2021 und 2022 waren tatsächlich gewaltig verändert: Die Covid-Pandemie hat das Theater Erlangen vor völlig neue Herausforderungen gestellt, denn an „normale“ Spielzeiten mit Publikum im großen Haus und der Garage war überhaupt nicht zu denken.  Wir alle, Ensemble und Gewerke des Theaters, Publikum und der Förderverein mussten ab März 2020 eine Zeit erleben, die wir uns in dieser Konsequenz nicht  vorstellen konnten: deutschlandweit wurden die Theater geschlossen und die darstellenden Künste durften vor Publikum nichts mehr live darstellen! Angesichts der Pandemie notwendige wechselnde Verordnungen und Einschränkungen erschwerten die Probensituation und notgedrungen „berührungsfreie“ Inszenierungen (zu ahnen war das noch in der „Bartholomäusnacht“) hätten eine ungewohnte, andere, Art Theater geboten, aber: es gab keines! Keine Aufführungen vor gespanntem Publikum, keine Freude am gemeinsamen Theatergenuss, keine Gespräche über das eben Gesehene – das alles fehlte zunehmend mehr gerade in einer Zeit, in der man sich so gerne ausgetauscht hätte.

Kurz: das Publikum dürstete und das Ensemble kreiste notgedrungen um sich selbst – und keiner wusste, wie lange das so gehen sollte… Im Theater ging nichts mehr und der Schluss lag nahe: dann muss das Theater eben raus und zwar in den digitalen Raum! Alles begann mit „Let them eat money“: Noch für die analoge Aufführung geprobt, konnte schon die Premiere nicht mehr wie gewohnt stattfinden und daraus entstand die erste rein digitale Aufführung mit anschließenden Expertendiskussionen um Udo Eidinger. Und damit war die Idee geboren… .       So wurde ab Januar 2021 eine dritte Spielstätte des Theaters Erlangen eröffnet: BÜHNE DIGITAL. Das Format konnte den wechselseitigen Kontakt zwischen Publikum und Ensemble aufrecht erhalten und vom reinen Zuschauen sogar in die Interaktion münden! Zum Valentinstag 2021 war sogar das gemeinsame Schreiben eines Liebesbriefs anhand berühmter Beispiele im Angebot…

Soziale Netzwerke wurden zur Bühne, im 3-tägigen Detektivspiel „Panopticon“ reagierten die Schauspielerinnen auf die Erkenntnisse der Detektiv-Zuschauer und auch bei „All das Schöne“ war das Publikum (wie live auch) in die Handlung mit eingebunden… Das Stadt-Rätsel-Spiel „Theater in Stücken“ mit Parcours vom Burgberg bis zum Rathaus, bei dem die Einzelteile des zerborstenen Theater zu finden und wieder zusammenzusetzen waren, funktionierte via Smartphone mit den Zuschauern. Die Bürgerbühne versuchte in dem Recherche-Projekt „Ich – die neue UniDiversität“ Universität und Diversität zusammenzudenken und nach akademischer Bildung angesichts der verbissenen Auseinandersetzung um die vermeintlich „richtige“ Einstellung zu fragen. Oder, anders ausgedrückt: Wieviel „Correctness“ braucht/verträgt eine Gesellschaft?

Für Kinder gab es die mehrteilige Lesung „Der kleine Prinz“, die den Klassiker mit selbstgemalten Zeichnungen von Erlanger Kindern präsentierte. Oder die Lesereihe mit Live-Illustration, „Es war einmal … digital“, in der unser Ensemble Geschichten wie z.B. eine Adaption des Nils Holgersson live gezeichnet online erlebbar werden ließ.

Foto: Arne Seebeck
Foto: Arne Seebeck

Spielzeit übergreifend wandelten Hermann Große-Berg und Ralf Jung durch die Stadt und unterhielten sich im Podcast „Theater Erlangen unterwegs mit …“ miteinander oder mit Gästen über die Stadt und das Leben. Top-acts waren 2022 „Else (ohne Fräulein)“ und „trail-thielx“ nach Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“: das Siegerteam des 5. Regienachwuchs-Wettbewerbs inszenierte „trail_thielx“ speziell  für BÜHNE DIGITAL. Beide Stücke zeigen die reale Gefahr des Rückzugs in digitale Welten und den drohenden Verlust des sozialen Anschlusses: Else geht in ihrem imaginierten, nur digital realen Netz aus Anschuldigung und Schuld und dem realen Druck ihrer „follower“ unter. Beim Gewinner-Konzept  „trail-thielx“ ersetzt das Netz das Bahnwärterhäuschen, in dem Thiel seine Traumwelt errichtet – mit einem ebenso schrecklichen Ende wie im Original: dem modifizierten Tod des Söhnchens Tobias. Die Kritik schwärmte: „Kopfkino vom feinsten …“. Weiterhin als Video on Demand wird es „Let them eat Money“ und „Die Leiden das jungen Werther“ geben – die dritte Spielstätte BÜHNE DIGITAL hat sich also bereits etabliert und kann fortgeführt werden. Und damit hoffentlich „digital natives“ auch in das analoge Theater ziehen zu einem Ensemble, das allabendlich „seine Haut und sein Können zum Markte trägt“ – und dem Publikum unter die Haut geht…

All dies klingt so „ganz normal“ – ist es aber nicht, denn die Anforderungen an BÜHNE DIGITAL sind durchaus andere als an analoges Theater und stellten die Macher der ersten Stunden vor ziemliche Probleme… Das begann schon mit der vollkommen unzureichenden Internetverbindung, mit der zuverlässiges streamen ohne Unterbrechungen aller Art nicht möglich war – zunächst musste Glasfaser her: dank der Unterstützung innerhalb der Stadtverwaltung und der ESTW waren Bagger und Verkabelung erstaunlich schnell erledigt – es war die Zeit der ersten Lockdowns!

Zudem sind Udo Eidinger und Christoph Panzer Theaterleute und keine Filmcrew: während der ohnehin schwierigen Zeiten der Pandemie (Einschränkungen durch Corona, Unterbrechung der Lieferketten – es kommt ja so viel aus China, geschlossene Läden, alles zu) mussten sich alle Beteiligten Kenntnisse zu Hard- und Software bzw. filmkompatibler Aufführung durch Internet-Recherche oder Telefonate mit erfahrenen KollegInnen aneignen. Denn Aufnahme, Ton, das Agieren der SchauspielerInnen, Schnitt und/oder zeitgleicher Stream erfordern völlig andere Vorgehensweisen als das bis dato erfolgte Filmen einer Aufführung für theaterinterne Zwecke.

Foto: Arne Seebeck
Foto: Arne Seebeck

Zur ersten digitalen Produktion „Let them eat Money“ kam daher noch ein externer Kameramann dazu – aber das Team kniete sich in die Aufgabe, lernte durch „trial and error“ und konnte respektable Streams und interaktive Formate entwickeln. Und dies ohne all die filmischen Gewerke wie Storyboard, Continuity, Boomoperators und Mischpulte (die Rückkoppelungen z.B. bei Zuspielungen von außen verhindern), deren Fehlen den nötigen Schnitt sehr erschwerte. Und außerdem gibt’s beim Live-stream keine Takes, die sich beliebig oft wiederholen ließen…

Aber die Mühe wurde belohnt: das Publikum blieb dem Theater erhalten und nutzte die Möglichkeit, nach dem Stream oder in interaktiven Formaten noch im Netz zu bleiben und sich mit den Machern auszutauschen – die Teilnehmer von außerhalb Erlangens nahmen zu und z.B. „Werther“ wurde auch nach Bamberg und Chemnitz verkauft…

Grundsätzlich wurde klar: die gegenüber dem klassischen Theater doch sehr andere Vorgehensweise braucht Zeit, Menschen, Räume und Equipment – und um dies alles in allen Produktionen einzusetzen, fehlt in der – glücklicherweise – wieder normalen Spielzeit die Zeit… Aber: Interesse, Kenntnisse und Grundausstattung sind nun vorhanden und BÜHNE DIGITAL hat nicht nur den Horizont des Publikums, sondern trotz des Mehraufwands die Freude der Macher an alternativen Formen des Theaters gesteigert. Die technischen Möglichkeiten mussten im Hauruck-Verfahren ausgebaut werden und sind vielfach auch in den analogen Produktionen einsetzbar. Ein Résumé in den Worten der Preisträger: „nach einem heftigen ¾ Jahr war klar, was geht und was nicht“ – der „Spirit der Kooperation“ bleibt und: „wir sind Theaterleute, bleiben aber offen“….

Denn: auch wenn Theater ursprünglich und eigentlich ein gemeinsames Live-Erlebnis zwischen Schauspielern und Publikum bedeutet, zeigt BÜHNE DIGITAL, dass Theater spielen auch auf Internet-Plattformen möglich ist und damit auch Publikum außerhalb des Theatersaals erreichen kann.

Udo Eidinger und Christoph Panzer gelang es, mit BÜHNE DIGITAL während der Pandemie den Kontakt zwischen dem Theater Erlangen und seinem Publikum zu halten. Das neue Format BÜHNE DIGITAL ermöglicht es den Nutzern zudem, sich sowohl rezeptiv als auch interaktiv an unterschiedlichen Produktionen zu beteiligen. Das Theater Erlangen steht damit weiterhin in der jahrhundertealten Tradition des gemeinsam erlebten Auftritts und kann mit BÜHNE DIGITAL all jene ansprechen, die – aus welchem Grund auch immer – an unmittelbarer Teilnahme und Genuss verhindert sind.

Diese – auch in die Zukunft wirkende – Leistung ehrt der Förderverein Theater Erlangen mit dem Künstlerischen Sonderpreis 2022.

Für die Jury
Laudatio: Ursula Lanig
02. Mai 2023