Erlanger Theaterpreis 2023/2024

Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg

Foto: Simone Voggenreiter
Foto: Simone Voggenreiter

Laudatio
anlässlich der Verleihung des Theaterpreises 2023/2024 an Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg für herausragende schauspielerische und künstlerische Leistungen am Theater Erlangen.

Laudatio anläßlich der Verleihung des Erlanger Theaterpreises 2024

Einen guten Abend alle zusammen.
Aus gegebenen Anlaß begrüße ich heute besonders herzlich
Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg
sowie die Mitglieder vom Schaupiel Erlangen,
die Mitglieder des Fördervereins,
und ein herzliches Willkommen an alle Gäste.

Heute ist es wieder einmal soweit, und inzwischen eine feste Tradition:

Der Förderverein „Theater Erlangen“ vergibt den „Erlanger Theaterpreis“ für  herausragende künstlerische Leistungen an einzelne Künstlerinnen bzw. Künstler oder an eine besonders gelungene Produktion. Laut Satzung des Vereins kann sich diese Auszeichnung nicht nur auf besondere Leistungen aus der vergangenen Spielsaison beziehen, sondern sie kann auch frühere überragende Darstellungen berücksichtigen.

Und von solch einem Fall sprechen wir heute Abend und gleich im Doppelpack. Denn – der diesjährige Theaterpreis geht an Alissa Snagowski und an Hermannn Große-Berg, beide langjährige Esemblemitglieder am Erlanger Theater.

Alissa Snagowski wurde in Gera in Thüringen geboren und kam direkt vom Jugendtheater in die Schauspielausbildung unter Mario Portmann, der in den Jahren 1997 bis 2000 als Theaterpädogoge am Theater Altenburg-Gera wirkte. 2008 wechselte Alissa Snagowski zum Staatstheater Braunschweig, spielte aber auch in Magdeburg, am Stadttheater Bern und Theater Konstanz ein weitgefächertes Repertoire. Bei den Schlossfestspielen in Ettlingen war sie ebenso gefragt wie in Nürnberg beim Gostener Hoftheater. Am Theater Erlangen spielte sie ab 2010 zunächst in Rollen wie „Die kleine Hexe“ und „Die Geschichte vom Onkelchen“, wurde hier festes Ensemblemitglied und blieb in Erlangen bis zum Saisonende 2024. Parallel engagierte sie sich beim Erlanger Kultformat „Tresenlesen“,  z.B. mit Ausschnitten aus dem Roman „Taxi“ von Karen Duve. Bereits ab 2001 war Alissa Snagowski regelmäßig in Rollen bei Serien- und Kurzfilmen zu sehen.

Hermann Große Berg stammt aus Lingen im Emsland, Niedersachsen – das liegt schon fast an der Grenze zu den Niederlanden – und bewarb sich nach dem Abitur erfolgreich am Max Reinhardt-Seminar in Wien. Bereits als Eleve spielte er unter Peter Zadek und nach Ende der Ausbildung mit Heiner Müller. Es folgten Engagements an den Städtischen Bühnen Münster und am Schauspielhaus Essen. Hermann Große-Berg spielte am Rheinischen Landestheater Neuss, bei den Festspielen in Schwäbisch-Hall und bei den Burgfestspielen Dreieichenhain die Titelrolle in Jedermann von Hugo von Hofmannsthal. Er wirkte regelmäßig in Film- und Fernsehproduktionen mit. So 2008, als er in dem Dokumentarspielfilm Hitler vor Gericht die Rolle des Hermann Göring übernahm. Bei verschiedenen Hörspielen war er als Sprecher bei ORF und WDR gefragt. In Erlangen debütierte er im Oktober 2009 erfolgreich in der Titelrolle des Faust. Beim Erlanger Tresenlesen gastierte erunzählige Male an wechselnden Orten mit Texten aus dem Sechsunddreißig Stunden- Roman von Ödön von Horváth.

Die Jury des Theatervereins hatte Sie beide schon länger im Visier. Zudem ergab sich aus Gesprächen mit Vereinsmitgliedern und Theaterbesuchern, dass besonders zwei von den zahlreichen Stücken, bei denen Sie auf den Erlanger Bühnen zu erleben waren, gewissermaßen im kollektiven Gedächtnis der Theaterbesucher verhaftet geblieben sind.
Das ist zum einen Glückliche Tage von Samuel Beckett und zum anderen Der Bau nach einer späten Erzählung von Franz Kafka.
Das mit zwei Personen besetzte Stück von Beckett hatte am 22. Oktober 2021  Premiere.

Foto Simone Voggenreiter
Foto: Simone Voggenreiter

Foto: Simone VoggenreiterDie Grundidee von „Happy days“ besteht nach Auskunft des irischen Autors darin, dass es das Schlimmste sein müsste, nicht schlafen zu dürfen. Ein lauter Gong würde einen wecken, lebend sänke man auf den Boden. Dazu rund um die Uhr eine unbarmherzige Sonne und kein Schattenplatz […]. „Und ich fragte mich“, so Beckett, „wer würde so was durchstehn und singend zu Boden gehen, nur eine Frau“.  Und ich ergänze: oder eine Schauspielerin vom Format einer Alissa Snagowski, die Tempo, Rhythmus und Genauigkeit dieses Dramas bis zum letzten Augenblick klug und höchst differenziert durchzuspielen wusste.

Wir erinnern uns: Glückliche Tage? Eine fast apokalyptische Landschaft, die sich in der Erlanger Inszenierung zu einem Stoffberg, einer Textur aus Wohlstandsmüll auftürmt. Darin – ab der  Taille versunken – Winnie, bewegungsunfähig. In ihrer Nähe ihr Mann, auch kein homo erectus, sondern ein schwerhöriger, schläfriger, wortkarger Vierbeiner, der sich nur kriechend fortbewegen kann. Doch im absurden Widerspruch zu der katastrophalen äußeren Situation scheint Winnie tatsächlich als der Inbegriff eines glücklichen Menschen, der mit unbeirrbarem Optimismus das Schicksal belächelt.

Herausragend wie Alissa Snagowski mit Gebrauchsgegenständen wie Brille und Zahnbürste oder  Schminkutensilien zur Selbstoptimierung – ihre ganz intensiven  Schein-Dialoge führt. Einen Sonnenschirm spannt sie so gekonnt auf, dass selbst dem Publikum zunehmend heißer unter dem blendenden Licht der Scheinwerfer wird. Auch im zweiten Akt, wenn nur noch ihr Kopf aus dem verstofflichten Grabhügel ragt, wenn die kontinuierliche Verschlechterung der Verhältnisse längst offensichtlich ist, hat sich Winnie perfekt angepasst. Der Zuschauer wird Zeuge einer letzten Stunde, die in absurden Sätzen gipfelt: „Dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein“. 

Zwei Stunden zwanzig Minuten dauert die Aufführung: in nahezu völliger Unbeweglichkeit – für die Hauptdarstellerin: Ein physischer Kraftakt. Doch Alissa Snagowski gelingt das Kunststück, sowohl die Archetypen von Liebe, Abschied und Tod als auch die Essenz des Daseins darzustellen und die Beckettsche Forderung zu erfüllen, Poesie in das Drama zu bringen, eine Poesie, die das Nichts durchschritten hat. Chapeau.

Aber es gibt ja noch Willie, der Komplize ihres Schicksals. Er wurde in der Inszenierung abwechselnd von Hermann Große-Berg und Ralph Jung dargestellt. Der Diskurs vom Glück angesichts eines Katastrophenszenariums, muss der Partner im Hintergrund mit dem Rücken zu Winnie und damit auch zum Theaterpublikum spielen.  Abwechselnd spricht sein Hinterkopf oder sein Kopf mit Hut zu der über ihm thronenden Winnie, bzw. zu uns, wenn er  papierraschelnd aus der Zeitung zitiert oder als fernes Echo die Erinnerungsstereotypen einer gemeinsamen Vergangenheit zurückwirft.

Ein einziges Mal, nämlich in der Schlussszene verlässt er die Deckung des jetzt schon erwartbaren Grabhügels und versucht den ehemaligen Venusberg zu erklimmen. Doch die Kräfte reichen für eine letzte Berührung nicht mehr aus – soweit die Schlusszene, dann fällt der Vorhang. Das absurde Drama ist zu Ende. Auch für diese scheinbare Nebenrolle gilt, dass Tempo, Rhythmus und Genauigkeit mit der Taktsicherheit eines Metronoms gespielt werden müssen. Hermann Große-Berg synchronisiert die Katastrophenrückseite absolut exakt und präzise. Großartig!

Am 31. Oktober 2020 ging die Premiere von Der Bau  nach einer späten Erzählung von Franz Kafka im Garagentheater über die Bühne. Obwohl im Originaltext nur aus einer Ich-Perspektive erzählt wird, hat sich die Erlanger Inszenierung für ein gespaltenes Ich entschieden: ein weibliches und ein männliches de facto und ein Zwitterwesen aus Bewußtem und Unbewusstem im übertragenen Sinn, dargestellt von Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg.

Foto: Simone Voggenreiter
Foto: Simone Voggenreiter

Vielleicht versuchen Sie einmal, nur eine der über dreißig engbedruckten Seiten der Kafka-Erzählung von 1923/24 auswendig zu lernen: Ein Albtraum, der zunächst ganz harmlos beginnt: „Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen“ und der Wahnsinnstext endet auch genauso schlicht und einfach in einem Halbsatz „Aber alles blieb unverändert“ – open end. Aber – dazwischen hat sich das Doppel-Ich in eine  ausweglose Paranoia gesteigert. Der Bau, der zum Schutz aller nur denkbaren potentiellen Gefahren angelegt wurde, artet zu einem Perfektionierungswahn aus, in dem sich die Angstspirale immer schneller dreht.

Welche grandiose Leistung von Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg, die den durchgängigen Prosatext als Dialog sprechen. Sie agieren in einem Bühnengefängnis, das den aufrechten Gang kaum zulässt, eingesperrt zwischen weißen Wänden mit eingeblendeten Spiegeln oder Gittern. Der gewaltsame Ausbruchsversuch und Befreiungsschlag mit einer Axt misslingt. Wir erinnern das Kafka-Statement, dass ein Buch die Axt sein muss, für das gefrorene Eis in uns.

Beide Schauspieler drehen sich im Bühnenlabyrinth umeinander und gegeneinander, versuchen die Angstzustände vor nicht zu identifizierbaren Geräuschen in koordinierte Bewegungsabläufe zwischen Tai Chi und Kriechbewegung zu bannen. „Es gräbt“ heißt es an einer Stelle im Text und dank des Spiels von Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg graben auch wir Zuschauer in und an unseren heimlichen Abgründen und tragen dabei das Unheimliche an die Oberfläche.

Beide Schauspieler zeichnet eine große Sensibilität für Sprachrhythmus und Sprachmelodie aus. Der Sprechduktus entspricht dem anspruchsvollen und komplexen Text. Souverän und überzeugend wird das Bewegungsspiel und die Körpersprache den Anforderungen der dramatisierten Erzählung angepasst.

Nicht nur im Gesamtrepertoire mit den großen Auftritten, sondern auch in den Theaterstücken für Kinder und Jugendliche beweisen beide, welch hohen Stellenwert  die Teamarbeit für sie besitzt. wie sie ihre Rollen mit einer ungeheuren Spielfreude gemeinsam mit den Kollegen entwickeln.

Als Beispiel möchte ich zunächst Hermann Große-Berg anführen, der zusammen mit Ralph Jung in den Kindergeschichten der Reihe Es war einmal…2  spielt, sowohl in dem Stück Frederick von Leo Lionni als auch Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt von Hannes Hüttner. Welch ein Vergnügen Hermann Große-Berg als Mäuserich Frederick zu erleben, der lieber die Tage mit dem Speichern von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern verbringt, als Vorräte für den Winter zu sammeln. Oder in der  Rolle von Feuerwehrmann Wasserhose, der vor lauter Durchzählen der sieben Tassen und sieben Stullen und dem Guten-Appetit-Wünschen, nie zum Essen kommt, weil immer just im entscheidenden Moment ALARM gegeben wird. Die Theaterbesucher erlebten jedesmal die auf den Partner abgestimmte Spielfreude pur.

Für Alissa Snagowski als Huhn Polly in Der Bär im Universum  von Dea Loher gilt entsprechendes. Wie überzeugend und einfühlsam Polly, als Herrin von Pollinesien, dem großen Bären Benny vor sehr jungem Publikum erklärt, warum man keinesfalls heiraten und kein gemeinsames Kind zeugen könne, um eine richtige Familie zu gründen. Und ich stelle mir ohne weiteres vor, dass einige Kinder sich das berühmte Schneckencurry Pollys nach der Aufführung zum Mittagessen gewünscht haben.

Und erwähnen muss ich heute Abend unbedingt noch, dass Alissa Snagowski die Erlanger Sylvesteraufführung Der Fiskus von 2023 gerettet hat. Sie war Hals über Kopf für die erkrankte Kollegin eingesprungen, obwohl sie in dieser Inszenierung gar nicht selbst mitgespielt hatte.

Am meisten gelacht über Rollen von Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg haben wir sicher im Frühjahr und Sommer dieses Jahres in einem Theaterstück, das uns vorführt, wie Leben und Rollen der Schauspieler vor und hinter der Bühne de facto nicht mehr auseinander zu halten sind. Gespielt wird diese Farce auf einer Kulissenbühne, quasi ein Theater im Theater, und natürlich kann hier nur alles im absoluten Wahnsinn enden. Was für eine herrliche Parodie auf Berufsneurosen in Der Nackte Wahnsinn von Michael Frayn, die am 24. April diesen Jahres in Szene gesetzt wurde. Welch eine parabelhafte Tragikomödie über Irrsinn und Theatralik im Alltag. Alissa Snagowski in der Rolle der quirligen, männermordenden Vicki und Hermann Große-Berg als Darsteller des Einbrechers Selsdon, der ohne Fortune in seinem Metier aus der Rolle fällt und dabei auch noch die Hose verliert. Beide Schauspieler spielten mit viel Witz und Schwung und sorgten für ein weiteres Highlight und Glanzlicht an unserem Theater.

Heute Abend fällt in der Garage kein Vorhang, aber es gibt einen virtuellen roten Teppich für Alissa Snagowski und Hermann Große-Berg.
Darf ich Sie zur Preisverleihung auf Ihre Bühnenbretter bitten.

Foto: Simone Voggenreiter

Für die Jury
Ingeborg Nickel
8. Dezember 2024