Erlanger Theaterpreis 2024/2025

Doping

Foto: Simone Voggenreiter

Laudatio
anlässlich der Verleihung des Theaterpreises für das Stück „Doping“.

Laudatio anläßlich der Verleihung des Erlanger Theaterpreises 2025

Guten Abend und von Seite der „jungen Jury“ nochmals ein herzliches Willkommen an alle, die sich hier heute eingefunden haben, um Theater zu feiern.

Sei das im Rahmen des tollen Theaterfests, das heute tagsüber stattgefunden hat, oder auch, um dabei zu sein, wenn der alljährliche Erlanger Theaterpreis vergeben wird. Während in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen häufig gerne mit Fördergeldern, ich sage mal gelockt oder herumgewedelt wird, ist das im Bereich der darstellenden Kunst, nun ja, einfach etwas weniger häufig der Fall. In Zeiten von großen Restrukturierungsprogrammen, Budgetkürzungen an vielen Stellen, Challenges statt der Lösung struktureller Probleme und einem Haufen anderer toller Wortspielchen transportiert die Vergabe durch den Förderverein eigentlich nur eine Kernbotschaft: Wow, habt ihr das geil gemacht. Oder anders ausgedrückt: Heute ist die Zeit dafür, herausragende Leistungen einzelner Künstler*innen und/oder besonders gelungener Produktionen öffentlich zu würdigen und diese künstlerischen Leistungen zu feiern.

Foto: Simone Voggenreiter

Als Kind hatte ich einen stetig wiederkehrenden Traum, wenn ich krank war und mit Fieber im Bett lag. Ein großes Netz aus diagonalen schwarzen Linien, das sich schier endlos vor mir und in mir auftat, gleichzeitig steckte ich in meinem Körper, irgendwie aber auch nicht, sondern in diesem Netz aus sich kreuzenden Linien. Sie vibrierten intensiv und es fühlte sich an, als würde ich in diesem Netz die Linien entlangschießen und mich dabei gleichzeitig selbst beobachten können. Seltsam, aber noch nicht unangenehm oder beängstigend. Nach einiger Zeit in dem Netz steigerte sich jedoch eine Ahnung und Furcht, immer näher auf eine Wand, ein Ende oder eine große Katastrophe zuzusteuern, ohne Chance auf Rettung, da ich ja in dem Netz gefangen war. Das war das Gefühl meines kindlichen Fiebertraums.

Dieses alle Sinne betäubende Gefühl eines Fiebertraums, eines unausweichlichen Kollapses, der einzelnen Menschen und des Systems, in dem wir leben, habe ich, und wie ich vermute, viele andere im Publikum in der letzten Spielzeit plötzlich wiederentdeckt, und zwar in der Produktion „Doping“, nur definitiv besser und lustiger aufbereitet als ich das gerade getan habe. Das ist natürlich zunächst der Arbeit des Regisseurs Matthias Köhler und der Dramaturgin Anita Augustin zu verdanken, die das Grundmaterial der Politsatire von Nora Abdel-Maksoud so wunderbar für die Bühne geformt haben. Der diesjährige Erlanger Theaterpreis geht an die Darsteller*innen sowie Bühne/Kostüm von „Doping“, namentlich an Birgit Bücker, Tobias Graupner, Luca Hass, Ralph Jung, Matthias Redekop und Markus Karner. Ich referiere die beruflichen Lebensläufe all dieser Akteur*innen jetzt mal nicht, einerseits, da das so viel Zeit fressen würde und andererseits: Nächstes Jahr gibt es wieder viele Produktionen, in denen ihr die Früchte der Arbeit dieser Künstler*innen sehen könnt, holt euch Tickets und geht in diesem Obstgarten des Theaters schlemmen!

Nun aber zu „Doping“, zitiert von der Website: „In ihrem neuen Bühnenblockbuster reiten drei FDP-Politiker:innen, eine Krankenpflegerin und ein Arzt den neoliberalen Gaul zu Tode“. Und wie. Angefangen von der vollgepissten Anzughose beim Bürgerdialog auf Sylt, über die anfängliche Beratung der Vertuschungsstrategie dieses „Unfalls“, den Besuch im Wellness-Center bei Dr. Bob und Gesine bis hin zum Untergang des U-Boots, dem Coup zur Beseitigung des Geldbergs und den mitreißenden Gesangseinlagen in der Mitte und zum Schluss – ein solches Feuerwerk von Slapstick, Satire und Parodie verbunden mit feinsinnigen Pointen, der bitteren Realität, Empathie und einer Synthese, die nicht zur Verzweiflung und Resignation anregt, habe ich von Schauspieler*innen noch nicht gesehen. Das Feuerwerk beginnt dabei sanft: Der kleine „Unfall“ beim Bürgerdialog auf Sylt, der dazu führt, dass der Core-Neoliberalist Lütje Wesel mit seinen Partei“genoss*innen“ Ole und Jagoda Hagenfels-Jefsen-Bohn Dr. Bob und Gesine im angeblich privatisierten Wellness-Center besuchen. Es fängt an zu knistern, wenn dort der neoliberale Kahlschlag in der Gesundheitspolitik mit der desillusionierenden Realität des Klinikalltags kollidiert. Das Verhandeln der unterschiedlichen Überzeugungen, Klischees und Wertnormen liefern den Zündstoff dafür, dass die Rakete dieses Stücks mitten auf die Köpfe der Zuschauer*innen zurast. Nach der Enthüllung der Wellnessklinik als kleines Gesundheits-U-Boot und dessen Kollision mit dem Geldberg unter der Marathonstrecke, den der Schatzmeister Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn so gerne für sich behalten hätte, explodiert dieser Fiebertraum eines Theaterstücks mit der Verschwörung aller anderen Figuren gegen ihn und einer wunderbaren Songeinlage der werdenden Mutter Jagoda Hagenfels-Jefsen-Bohn.

Foto: Simone Voggenreiter

Ein paar kurze Worte zu den einzelnen Figuren:

Birgit Bücker als Hebamme Gesine – du lässt mich fühlen und nachdenken, wie nah emotionale Erschöpfung und politische Verzweiflung beieinanderliegen und wie sich daraus ein körperlicher Panzer dagegen entwickelt, der doch jederzeit brechen kann

Matthias Redekop als seiner Ideale verlustig gehender Dr. Bob – du lässt uns sehen und nachdenken, wie der neoliberale Einsparwahn sich in die Medizin einschleicht, von einer Hoffnung auf Gesundung der Patient*innen in die Dehumanisierung bzw. Monetarisierung derselben mündet und daraus ein Berg aus Überforderung und Sales-Zwang entsteht

Tobias Graupner als Karrierist Lütje Wesel – du lässt uns riechen und nachdenken, welchem Druck Politiker*innen innerparteilich sowie medial ausgesetzt sind und wie sie diesen versuchen zu verarbeiten, indem sie ihre Ideale neu „dopen“, gleichzeitig aber immer unmenschlicher und puppenhafter wirken

Ralph Jung als „ewig zweiter“ Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn – du lässt uns hören und nachdenken, inwiefern Stimmen, die politisches Gewicht besitzen, sich denn überhaupt selbst und anderen zuhören und sich in einer Echokammer eines Systems befinden, das im Endeffekt nur auf Geld hört

Luca Hass als kalt kalkulierende Jagoda Hagenfels-Jefsen-Bohn – du lässt uns schmecken und nachdenken, wie bitter, sauer und unlustig der Performance-Druck für Frauen nicht nur im Beruf, sondern auch in der Care-Arbeit in der Familie, gepaart mit 2 Esslöffeln Ignoranz und einem Spitzer Übergriffigkeit durch Männer den Cocktail der Gesellschaft vergiftet. Umami habe ich in der Songnummer zum Schluss mit Hilfe meiner Tränen auch noch spüren dürfen

Ich könnte hier noch länger weitermachen, zügle mich hier aber aus Zeitgründen mal, denn auch so starke DarstellerInnen brauchen das passende Umfeld, um wirken zu können.

Ein Umfeld für so einen Fiebertraum zu erschaffen und mit dem passenden Gefühl zu füllen, das hat Markus Karner definitiv gemeistert. Ein recht simples Setup zu Beginn des Stücks, denn wahrscheinlich nicht jeder Bürgerdialog auf Sylt ist ja schon ein Fiebertraum (oder vielleicht doch?), mit ein paar Stühlen und Rednerpult, eine Entwicklung Stück für Stück in die angebliche Wellness-Oase einer Privatklinik und dann in ein U-Boot mit einer magnetischen Wand, an der verschiedene metallische Gegenstände hingen, das ist schon magisch.

Doch nicht nur das, es wurde auch mit Flüssigkeit gearbeitet: Das U-Boot, das dann auch noch nicht nur metaphorisch, sondern auf der Bühne sichtbar versinkt, ist eine kreative Meisterleistung. Als in der zweiten Hälfte des Stücks plötzlich Wasser aus immer mehr Löchern der Bühne sprudelte, um den Untergang unseres immer weiter privatisierten Gesundheitswesens darzustellen, ist mir die Kinnlade runtergeklappt.

Oder der eingenässte, oder wie im Stück beschrieben eingepisste, Lütje Wesel zu Beginn des Stücks, noch so ein Fall, indem Realität und Wahnsinn durch die Gestaltung der Kostüme genauso ineinandergeflossen sind, dass man sich als Zuschauer*in fragt: Hat er das gerade tatsächlich gemacht?

So entstand ein grandioses Zusammenspiel aus großen und kleinen Momenten, Feinsinn und Klamauk, Humor und Depression, Laut und Leise, in der an der Grenze zwischen Satire und Glaubwürdigkeit meisterhaft entlanggesurft wurde. Letztlich war es auch eine klare politische Positionierung gegen den Neoliberalismus, unserer Meinung nach aber ohne die Menschen hinter einer solchen Position zu enthumanisieren. Das ist, gemessen am Ton des politischen Diskurses heutzutage, auch eine famose Leistung.

Foto: Simone Voggenreiter

Theater soll unterhalten, aber vor allem auch zum Nachdenken anregen. “Doping“ hat auf jeden Fall beides getan in einer Welt, die ihre eigene Satire längst überholt hat:
Wie privilegiert sind wir in Deutschland, dass es uns trotz aller Konsequenzen von politischen Fehlentscheidungen noch so gut geht?
Welche Werte wollen wir in unserem politischen System, an dem Splitter für Splitter gesägt wird, als Einzelpersonen, aber auch als Gesellschaft vertreten?
Wieso wird in Umfragen zu politischen Wahlergebnissen der FDP immer noch eine eigene Säule zugeteilt?
Wenn der Körper schon Kapital geworden ist, was wird dann aus unseren Gedanken?

Auch wenn ich den Fiebertraum aus meiner Kindheit ein wenig beschrieben hatte, habe ich es nie fertiggebracht, diesen Wirrwarr aus Netzwerk, Geschwindigkeit, Angst und gleichzeitiger Faszination jemandem wirklich zu kommunizieren. Ihr aber habt das mit euerer künstlerischen Meisterleistung geschafft und ich möchte schließen mit diesem Zitat von Lütje Wesel aus „Doping“:

„Es ist nichts Metaphysisches. Es ist keine Metapher. Es hat nur noch niemand die physische Ursache gefunden“ – Vielen Dank dafür

Im Namen des Fördervereins Theater Erlangen gratulieren wir euch herzlich und bitten euch nun, auf die Bühne zu kommen!

Für die Jury:
Lisa Bade und Frederik Rosenthal
05. Oktober 2025